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DHB-Team lahmt im Angriff "Viele Spieler wirken geradezu gehemmt"

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Vor allem die deutschen Angreifer wirken verunsichert - die nötige Durchschlagskraft fehlt bislang.

(Foto: dpa)

Das Spielerische lässt zu wünschen übrig, auch scheint Handball-Bundestrainer Christian Prokop die Spieler mit unzähligen Wechseln zu verunsichern. Trotzdem liegen die "Bad Boys" bei der EM noch auf Kurs, wie Experte Daniel Stephan im Interview mit n-tv.de betont.

n.tv.de: Ist die DHB-Auswahl bei der EM noch immer ein heißer Medaillenanwärter?
Daniel Stephan: Das denke ich schon. Nach dem Sieg gegen Tschechien, hat sie es in den beiden abschließenden Hauptrundenspielen gegen Dänemark und gegen Spanien weiterhin selbst in der Hand, sich für das Halbfinale zu qualifizieren. Insgesamt war die Konstellation in dieser Gruppe sehr gut, weil ja kein Team verlustpunktfrei in die Hauptrunde eingezogen war. Auch unser kommender Gegner Dänemark verlor überraschend gegen die Auswahl Tschechiens und tat sich zum Hauptrundenauftakt gegen Slowenien schwer. Trotz schwankender Leistungen der deutschen Mannschaft bin ich weiterhin positiv gestimmt.

Wie wichtig - über die zwei Punkte hinaus - war der Erfolg gegen die tschechische Mannschaft?
Ich hatte bereits nach der Vorrunde gesagt, dass wir gegen Tschechien gewinnen und uns die erforderliche Sicherheit holen werden, die wir unbedingt benötigen. Gewonnen haben wir, aber eine Steigerung habe ich nicht gesehen. Der Angriff wirkte phasenweise sehr lethargisch.

Wieso eigentlich?
Das ist kaum erklärbar. Die deutsche Mannschaft hat einen Top-Kader, den besten seit langer Zeit. Sie hat viele tolle Spieler und ist vor allem auch in der Breite beneidenswert aufgestellt. Aber kaum einer dieser Spieler kommt derzeit an die Leistung heran, die er Woche für Woche in der Bundesliga abruft. Viele wirken geradezu gehemmt.

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Daniel Stephan ist ein absoluter Handball-Kenner.

(Foto: imago/foto2press)

Andere wie Steffen Weinhold, der ein sehr gutes Turnier im Rückraum spielt, findet sich in den ersten 20 Minuten gegen Tschechien auf der Bank wieder. Wie geht das?
Keiner von uns ist bei den Teambesprechungen dabei, insofern können wir nur rätseln. Vielleicht wollte der Trainer ihm eine schöpferische Pause gönnen. Wir können das lediglich von außen analysieren und erkennen nur, dass das Angriffsspiel so nicht genügt. Aber ich hoffe immer noch, dass es endlich "Klick" macht.

So wie bei Steffen Fäth, der erst drei Spiele schmoren musste, um gestern gleich neun Tore zu erzielen?
Fäth ist gestern richtig explodiert. Keine Ahnung, warum der vorher so wenig gespielt hat. Aber genau diese Reaktion erhoffe ich mir vom gesamten deutschen Angriff.

Daniel Stephan

Daniel Stephan ist einer der erfolgreichsten Handballer der Geschichte. 1998 wurde er als erster Deutscher zum Welthandballer gewählt, mit der Nationalmannschaft holte er die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2014 in Athen, bei Europameisterschaften gewann er sowohl Silber (1998) als auch Bronze (2002). Stephan, der mehr als dreizehn Jahre beim TBV Lemgo spielte, hat seine Karriere nach der Saison 2007/2008 beendet und ist inzwischen als TV-Experte tätig.

Julius Kühn und Kai Häfner, noch vor zwei Jahren in Polen die EM-Helden, finden so gut wie gar nicht statt. Wie kann das sein?
Beide bekommen hier in Kroatien lediglich sporadisch Einsatzzeiten. Das ist gerade für jemanden wie Kühn nicht förderlich. Gestern im Spiel gegen Tschechien probierte er es dann mit der Brechstange, was dann auch nicht funktionierte. Ich kenne das noch gut von mir selbst, wie es an dir nagt, wenn es nicht läuft. Aber wir sollten das nicht individuell betrachten. Der Angriff insgesamt lahmt. Nur dank unserer Abwehr und einer Portion Glück sind wir bisher mit zwei blauen Augen davongekommen.

Auf die Abwehr ist Verlass, oder?
Abwehr und Torhüter funktionieren sehr gut. Vor allem die Nachnominierung von Finn Lemke erwies sich als stabilisierender Faktor. Darauf kann man aufbauen. Allerdings müssen wir beim Gegenstoß noch besser agieren.

Welche positiven Ansätze finden Sie gegenwärtig?
Nun ja, es ist auch eine Kunst, Spiele wie das gestrige dennoch zu gewinnen. Die Mannschaft hat ein riesiges Kämpferherz und ist in der Lage, unter Stress die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Kann das der Trainer auch?
Team und Trainer müssen sicher noch zusammenwachsen. Das braucht Zeit, die man bei einer EM leider nicht hat. Für Prokop ist es sein erstes großes Turnier. Auch er muss sich da noch reinfinden. Anfangs hat er deutlich zu viel gewechselt, was unter anderem auch einen Julius Kühn schwer verunsichert hat. Aber das ist besser geworden. Auch in den Auszeiten hat er dem Team möglicherweise einen zu großen taktischen Rucksack mitgegeben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass du nicht mehr besonders aufnahmefähig bist, wenn es nicht rund läuft, weil du zu viel mit dir selber zu tun hast. Er wird an seinen Aufgaben wachsen.

Ist diese deutsche Mannschaft für Sie noch ein Halbfinalkandidat?
Daran glaube ich noch immer fest. Aber nur, wenn der Angriff endlich funktioniert. Mit den bisher gezeigten Leistungen werden wir gegen Dänemark und Spanien nicht gewinnen. Aber da vertraue ich den Jungs.

Mit Daniel Stephan sprach Arnulf Beckmann.

Quelle: ntv.de