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Bilanz nach 122 Vorrundentoren Was bei der Fußball-WM aufgefallen ist

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Freistöße verteidigte das deutsche Team erfolgreich. Das entscheidende Tor durch Südkorea fiel allerdings nach einer Ecke.

(Foto: imago/ULMER Pressebildagentur)

48 der insgesamt 64 Partien bei dieser Weltmeisterschaft sind gespielt. Das Teilnehmerfeld ist halbiert. Die meisten Trainer haben ihre Karten bereits auf den Tisch gelegt. Was sind die fußballerischen und taktischen Trends der WM?

1. Standardsituationen

Bis jetzt zeichnet sich das Turnier nicht durch einen ausgeprägten Torreigen aus. Bis auf Ausnahmen wie etwa das ungleiche Duell zwischen England und Panama, das 6:1 endete, verlaufen viele Partien denkbar knapp. Elfmeter spielen eine große Rolle. Und dies gilt auch für Standardsituationen. Eckbälle sind die einzig vollends repetitiven Elemente im Fußball und lassen sich deshalb im Training gut einstudieren. An den Laufwegen sowie den geplanten Blocks kann minutiös gearbeitet werden. Natürlich braucht es auch einen präzisen Schützen, der mit dem richtigen Tempo und Drall den Ball punktgenau hereingeflankt.

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Bereits 30 der insgesamt 122 erzielten Treffer fielen bei der WM nach ruhenden Bällen. Die Mehrheit der Teams probiert es beim Eckstoß mit den klassischen hohen Hereingaben. In der Luft sollen dann die kopfballstärksten Akteure - im Normallfall die Innenverteidiger - die entscheidenden Zweikämpfe für sich entscheiden.

Aber es gibt auch ausgeklügelte Varianten. Etwa Belgien trumpfte durch einstudierte Eckbälle auf. Trainer Roberto Martínez lässt oftmals Eden Hazard und Dries Mertens die Ecke kurz ausführen. Kevin De Bruyne bewegt sich zusätzlich vom kurzen Pfosten weg. So kreieren die Belgier im Normalfall eine Überzahl am Strafraum, mit der sie sich zum Tor durchkombinieren wollen. Hohe Flanken gehören natürlich auch zum Repertoire, werden jedoch nicht immer wieder stupide genutzt.

Gruppengegner England hingegen, das auch schon drei Treffer nach Eckbällen erzielte, versucht vornehmlich seine Lufthoheit auszunutzen. Zumeist werden die Hereingaben etwas länger und damit hinter den ersten Pulk gespielt. Gelegentlich erfolgt auch aus der Mitte des Sechzehners eine Kopfballverlängerung auf den zweiten Pfosten. Das ist seit vielen Jahren ein gängiges Mittel in der Premier League.

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Englands Harry Kane trifft zum späten Sieg gegen Tunesien nach - Sie ahnen es - einer per Kopf an den zweiten Pfosten verlängerten Ecke.

(Foto: imago/Imaginechina)

Ähnlich wie bei Belgien sieht beziehungsweise sah es bei Spanien, Kroatien und Deutschland, also anderen spielerisch ambitionierten Nationen, aus. Auch sie führen Eckbälle kurz aus und probieren es eher mit Doppelpässen und dergleichen, anstatt dass die hohen Hereingaben direkt aus dem Strafraum geköpft werden und im schlimmsten Fall Kontersituationen entstehen.

Es ging zumeist ein Raunen durch die Fanmeilen und Fußballkneipen, wenn Toni Kroos und Co. wieder eine Ecke kurz ausführten und nicht den direkten Weg zum Tor wählten. Aber auf alternative Spielzüge sind Verteidigungen weniger gut vorbereitet - zumal manche Teams ihre Vorteile vor allem am Boden und weniger in der Luft haben

2. Konterabsicherung

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Niklas Süle kann dem Ball nur noch aus der Ferne hinterherschauen, als Südkoreas Heungmin Son in der Nachspielzeit nach einem Konter ins völlig leere Tor einschiebt.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Ein Raunen ging jedoch auch durch jene Fanmeilen, wenn die Gegner der deutschen Mannschaft einmal mehr zum Konter ansetzten und sich Mats Hummels und seine Nebenmänner in Sprintduellen beweisen mussten. Die Deutschen spielten zusammen mit Spanien den risikoreichsten Ballbesitzstil bei dieser WM. Oftmals sicherten nur zwei oder drei Feldspieler hinter dem Ball ab, während die anderen weit aufrückten. Ging die Kugel im Mittelfeld verloren, brannte es lichterloh in der deutschen Defensive.

Interessanterweise stellen sich Deutschland und Spanien damit gegen den allgemeinen Trend, da sie auf ihre Dominanz im Ballbesitz vertrauen. Allerdings funktionieren die Abläufe bei Nationalteams selten so stabil wie bei Klubmannschaften, die fast das ganze Jahr hinweg Feintuning betreiben können. Die meisten Nationen gehen deshalb vorsichtig zu Werke. Zumeist sichern eine Handvoll oder mehr Spieler hinter dem Ball ab. Damit möchten die Trainer defensive Stabilität gewährleisten und das Risiko eines Konters minimieren. Das bekannte Credo "Defence wins championships" wird gerade bei einem Turnier mit einer arg begrenzten Anzahl an Partien beherzigt. Jeder Fehler kann das Aus bedeuten.

3. Distanzschüsse

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Aber aufgrund dieser eher vorsichtigen Spielweise kommen viele Nationen nur selten in den Strafraum des Gegners. Der Weg in die tornahen Zonen ist verbaut. Die mangelnde Präsenz des angreifenden Teams in den vorderen Linien macht sich bemerkbar. Auch deshalb setzen Mannschaften - ob nun aus Strategie oder aus Verzweiflung - zu Distanzschüssen an. Die Wahrscheinlichkeit eines Torerfolgs sinkt logischerweise, je weiter sich der Schütze vom Tor entfernt befindet.

Aber einzelne Spieler wie Brasiliens Philippe Coutinho sind Spezialisten aus der Distanz. Sehenswert sind die Treffer aus der Ferne allemal. Man denke nur an Coutinhos Traumtor gegen die Schweiz. Oder den Treffer von Luka Modrić gegen Argentinien. Oder den traumhaften Schlenzer von Jesse Lingard gegen Panama.

Insgesamt 14 Treffer fielen nach Schüssen von außerhalb des Strafraums. Portugal erzielte allein schon drei davon. Die meisten Distanzversuche unternahmen derweil die Deutschen mit 9,7 pro Partie, gefolgt von Mexiko mit 8. Auch Brasilien und Kroatien probieren es recht häufig aus der Distanz. Ähnlich wie bei den Standardsituationen können Distanzschüsse in der K.o.-Runde zu einem wichtigen Mittel werden, wenn es zu einer Pattsituation auf dem Rasen kommen sollte.

Quelle: n-tv.de

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