Formel1

Stroll ist Stammpilot dank Papa Der unkontrollierbare Formel-1-Wüterich

f4ec67e2b5d60ff3bb388ae348c59b0a.jpg

Ein Training und das Rennen in Portugal endeten für Stroll nach einer Kollision.

(Foto: AP)

Lance Stroll kann sehr schnell Autofahren. Für die Teilnahme an der Formel 1 ist das eine sehr gute Voraussetzung. Doch bringt der junge Kanadier das Tempo nur allzu selten mit Talent zusammen - und zieht immer häufiger auch den Zorn seiner Kollegen auf sich.

Das Teamradio bei McLaren musste gleich zweimal gepiept werden. Stinksauer war Lando Norris, als er in Runde 18 des Großen Preises von Portugal von Lance Stroll hart bedrängt wurde. "Was zur Hölle macht das Arschloch da", fluchte der 20-Jährige über den Funk. Es ist eine Frage, die sich die Formel-1-Szene in dieser Saison immer häufiger stellt. Was macht dieser Kanadier mit seinem Auto? Und was macht er eigentlich in der Königsklasse des Motorsports? Nun, die Antwort darauf ist so unbefriedigend wie simpel: Er ist in der Formel 1, und wird es bleiben, weil sein Papa Milliardär ist, weil sein Vater Mehrheitseigner beim Team Racing Point ist - und künftig Eigentümer des Teams (dann Aston Martin) wird.

Lance Stroll, das ist allerdings nicht nur eine Beruf-Sohn-Personalie. Lance Stroll ist auch ein spannender Fahrer. Der 21-Jährige, der dank der nahezu uneingeschränkten Finanzen der Familie die allerbesten Möglichkeiten hatte sich auf die Königsklasse vorzubereiten - Vater Lawrence Stroll besitzt mehrere Rennstrecken und konnte seinem Sohn somit viele teure Testfahrten ermöglichen - ist einer der schnellsten Fahrer im Feld. "Nico Hülkenberg hat mir bestätigt, dass Lance wirklich sehr, sehr schnell ist", erklärt ntv-Experte Felix Görner.

Hülkenberg, der in dieser Saison als Ersatzfahrer dreimal für Racing Point eingesprungen war (aber nur zwei Rennen gefahren ist), jeweils wegen Corona-Infektionen der beiden Stammpiloten (der andere ist der Mexikaner Sergio Perez), konnte seine Einschätzung über den schnellen Stroll mit Team-Daten aus dem Simulator unterfüttern. "Wenn er dieses Tempo mal mit fahrerischer Klasse auf die Kette bekommt, dann fährt er mit richtig guten Leuten auf Augenhöhe", analysiert Görner. Aber dieses Ding mit "Kette" und "bekommen", das klappt bei Stroll nur selten besonders gut. "Er ist eben der Dr. Jekyll und Mr. Hyde der Formel 1."

*Datenschutz
Grenzwertig bis unkontrollierbar

Denn sein erstaunliches Tempo (Jekyll) gepaart mit einem sehr guten Auto wird immer wieder von seinem wilden Temperament (Hyde) torpediert. "Lance ist oft ungehalten, ungeduldig und verpasst den richtigen Zeitpunkt für seine Manöver", erklärt unser Experte. Diese sind oft grenzwertig und manchmal unkontrollierbar. Die Aktion gegen Norris gehört absolut in diese Kategorie. Stroll schied infolge der Kollision später aus, Norris verpasste nach einem ungeplanten zweiten Stopp inklusive Wechsel des Frontflügels die Punkte.

"Es kommt bei ihm einfach zu oft vor, dass er das Auto überfährt oder sich selbst überschätzt", sagt Görner. In seinen elf (von zwölf in dieser Saison) bisherigen Rennen kam er viermal nicht ins Ziel, nur zweimal gab's eine zweistellige Ausbeute für die WM-Wertung. Dort liegt er dann auch nur auf Rang elf (57 Punkte), deutlich hinter Kollege Perez (74).

Der Mexikaner hat bislang in jedem Rennen etwas Zählbares herausgefahren - in Silverstone verpasste er beide Rennen wegen jener Corona-Infektion (siehe oben). Und das, obwohl der 30-Jährige, der sein Cockpit zur neuen Saison für Sebastian Vettel räumen muss, die klare Nummer zwei im Team ist. Zuletzt hatte Perez sein Leid geklagt, dass er ein Update immer erst dann bekomme, wenn auch die Ersatzteile für Stroll bereitliegen.

"Das ist die klare Marschroute des Vaters, da kannst du als Team einfach nichts machen", so Görner. "Das wird auch für Sebastian in der kommenden Saison eine echte Herausforderung." Denn dass Stroll sein Teamkollege bleibt, davon ist unser Experte überzeugt. "Wenn sich am Verhältnis zwischen Vater und Sohn nichts ändert, dann fährt Lance weiter Formel 1."

Und das ist dann auch der einzige Grund: "Wenn es einen anderen Eigentümer gebe oder der Teamchef mehr Macht hätte, dann hätten sie Lance sicher schon ausgetauscht oder würden das bald tun", findet Görner. Denn Stroll lässt einfach zu viele Punkte für die Konstrukteurs-WM liegen. In der liegt Racing Point noch auf Platz drei, hat aber lediglich zwei Zähler Vorsprung auf McLaren und sechs auf Renault. Allzu viele Fehler sollte sich der 21-Jährige nicht erlauben - auch um seine Konkurrenten nicht noch mehr zu stressen. Bereits im 2. Freien Training in Portimao hatte es mit Max Verstappen gerumpelt. Was der Niederländer dann über den Boxenfunk als Tirade abfeuerte, das ist nicht zitierfähig. Es wurde gepiept.

Quelle: ntv.de