Formel1

Zwei deutsche F1-Fahrer im Blick Nicht nur Schumacher macht Haas neugierig

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Krisenauto trifft Krisenauto - Romain Grosjean vor Sebastian Vettel.

(Foto: imago images/Motorsport Images)

Das Formel-1-Team Haas setzt beide Fahrer vor die Tür, und noch ist offen, wer 2021 im Auto sitzt. Zu den Kandidaten gehören in Nico Hülkenberg und Mick Schumacher zwei Deutsche. ntv-Experte Felix Görner schätzt die Situation ein - und erklärt, was für wen die beste Option ist.

Wenn es allein nach der sportlichen Perspektive geht, dann würde sich wohl kein Formel-1-Pilot freiwillig für das Haas-Team entscheiden. "Aus eigener Kraft können wir nicht in die Punkte fahren", sprach Teamchef Günther Steiner vor dem Großen Preis von Portugal aus, was seine Piloten Kevin Magnussen und Romain Grosjean auf dem Autodromo do Algarve mit den Plätzen 16 und 17 eindrücklich nachweisen mussten. "Unser Auto ist das langsamste im gesamten Feld", resümierte Grosjean schonungslos. Trotzdem bekommt der amerikanische Rennstall gerade so viel Aufmerksamkeit wie lange nicht. Denn Haas hat, was Nico Hülkenberg und Mick Schumacher suchen: freie Cockpits für die Saison 2021.

Grosjean und Magnussen müssen am Ende dieses Jahres gehen, und damit stellt Haas die Hälfte der noch nicht vergebenen Sitzplätze in Formel-1-Autos, die anderen beiden gehören Alfa Romeo. Zwar hat auch Lewis Hamilton bei Mercedes seinen Vertrag noch nicht verlängert, ein Abgang des bald siebenfachen Weltmeisters ist aber ungefähr so wahrscheinlich wie ein Rennsieg für Haas. Deshalb glaubt ntv-Motorsportexperte Felix Görner auch nicht, dass Nico Hülkenberg sich ernsthaft um einen Vertrag bei Haas bemüht: "Theoretisch ist das zwar möglich, faktisch aber nicht realistisch." Denn der 33-Jährige strebt zwar zurück in die Formel 1, laut eigener Aussage "aber nicht um jeden Preis".

Zudem ist ohnehin noch völlig offen, wonach Haas in seiner künftigen Fahrerpaarung sucht. Görner vermutet "eine kostengünstige und hungrige" Kombination, denn "das Team ist finanziell sehr knapp aufgestellt". Eigentümer Gene Haas plant Medienberichten zufolge, sein Engagement zurückzufahren, weshalb andere Einnahmequellen hermüssen. Preisgeld, mit dem etwa Mercedes sein Formel-1-Team inzwischen nahezu kostenneutral betreiben kann, scheidet aus offensichtlichen Gründen aus.

Auf den Spuren von Lance Stroll

Die beste Lösung für dieses Problem sind Paydriver, die im besten Fall wie Sergio Perez neben zahlungskräftigen Sponsoren auch noch fahrerische Klasse mitbringen und im weniger guten Fall wie Lance Stroll in Portimao offenbaren, dass sie ohne diese Finanzmittel wohl nicht in der Formel 1 unterwegs wären. "Viel spricht für ihn", sagt Görner über Perez, der bei Racing Point (künftig Aston Martin) für Sebastian Vettel weichen muss. Und auch Hülkenberg sagte jüngst, dass "andere Fahrer wirtschaftlich vielleicht attraktiver" sind als er selbst.

Fraglich ist allerdings, bei Hülkenberg wie auch bei Perez, ob das Hinterherfahren sie reizt. Daran wird sich auch 2021 nichts ändern, denn "Haas hat die Entwicklung des Autos für dieses Jahr abgeschlossen, auch aus Budgetgründen", weiß Görner. Und Steiner gab offen zu, dass "2021 ein Übergangsjahr" werde, denn mit Blick auf die große Regelreform zur Saison 2022 ist dies dem Südtiroler nach "der beste Moment für einen kompletten Neubeginn". Ob sich zwei erfahrene Piloten wie Hülkenberg und Perez auf ein solches verschenktes Jahr einlassen, ist fraglich.

Stattdessen könnte Haas in der Formel 2 fündig werden, denn von dort drängt Nikita Mazepin in die Königsklasse. Der 21-Jährige hat nach 20 von 24 Rennen als Gesamtsechster noch gute Chancen, die Top Drei zu erreichen. Dazu ist Mazepins Vater Mehrheitseigentümer des russischen Chemiekonzerns Uralchem, sein Vermögen wird auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt, er fördert die Karriere seines Sohnes mit viel Geld. "Das ist sehr verlockend für Haas", sagt Görner. Mazepin scheint auch deshalb bereit, große Summen zu investieren, weil er bereits 2018 versuchte, das insolvente Force-India-Team zu kaufen - wurde allerdings von einem Konsortium um Lawrence Stroll ausgestochen, dessen Sohn Lance bald Teamkollege von Sebastian Vettel ist.

"Schumacher schwebt über allem"

Als aussichtsreiche Kandidaten gelten zudem die Ferrari-Junioren, Haas bezieht seine Motoren aus Italien. "Das könnte man sozusagen verrechnen", mutmaßt Görner, und auch Teamchef Steiner betonte: "An unserer Beziehung mit Ferrari hängt mehr als das halbe Auto." Ein beidseitiges Entgegenkommen ist also denkbar. In der Formel 2 fahren aktuell drei Mitglieder der Scuderia-Akademie, denen das Potenzial für den Aufstieg attestiert wird: Mick Schumacher, Callum Ilott und Robert Shwartzman.

Während Ilott und Shwartzman eher dem Fachpublikum als der breiten Öffentlichkeit bekannt sind, "schwebt Mick Schumacher über allem", so Görner: "Er hat zwar keine Formel-1-Erfahrung, wäre aber ein unglaublicher Promotion- und Sponsoren-Magnet." Überspitzt formuliert: Selbst wenn der designierte F2-Champion mit Haas in jedem Rennen als Letzter ins Ziel käme, wäre er immer noch ein begehrter Interview-Partner. Der 21-Jährige "wird sich aber meiner Einschätzung nach für Alfa Romeo entscheiden", sagt Görner.

Beim Großen Preis der Eifel sollte Schumacher bereits für Alfa im Freitagstraining zum Einsatz kommen, schlechtes Wetter verhinderte die Ausfahrt. Dazu kommt, dass die Kooperation zwischen Ferrari und Alfa Romeo sehr eng ist, so Görner: "Sie sind das eigentliche B-Team, da ist der Austausch am engsten. Ferrari hat da sehr großen Zugriff und wird auch bei entsprechenden Weiterentwicklungen eher Alfa bevorzugen als Haas, die dann nur die dritte Geige spielen."

Hülkenberg wartet auf die Top-Option

Nach der "Wer bringt das meiste Sponsorengeld mit"-Logik sind Mazepin und Perez die Favoriten. Was die Vergabe der Cockpits an Paydriver wahrscheinlich macht, ist ein Satz von Teamchef Günther Steiner, den er im Zuge der Entlassung von Grosjean und Magnussen sagte: "Wir mussten aus finanziellen Gründen so handeln." Denn wenn es rein um die fahrerische Klasse geht, müsste Nico Hülkenbergs Telefon klingeln. Aber wenn es allein darum ginge, dann wäre der Rheinländer auch nicht nur Ersatzmann, sondern Stammpilot.

Denn eben wegen dieser fahrerischen Klasse war Hülkenberg in dieser Saison ja bereits dreimal im Einsatz für Racing Point, und auch Red Bull fragte kurzfristig an, nachdem ein Corona-Test bei Alex Albon (am Nürburgring) ein uneindeutiges Ergebnis gebracht hatte. Das stellte sich kurz darauf zwar als Fehlalarm heraus - bestärkte aber dennoch die Spekulationen, der erfahrene Deutsche könnte den im Vergleich zu Teamkollege Max Verstappen stark abfallenden Thailänder ersetzen.

Immerhin musste sich Albon in Portugal von Verstappen überrunden lassen und landete als Zwölfter klar außerhalb der Punkteränge. Das Red-Bull-Team stärkte ihm in den vergangenen Wochen zwar wiederholt den Rücken, machte aber auch deutlich: Wer nicht performt, fliegt. Und Teamchef Christian Horner bestätigte, dass man in diesem Fall davon abrücken würde, aus dem eigenen Nachwuchs einen Fahrer zu rekrutieren. Und die sportliche Perspektive wäre im Red Bull unzweifelhaft besser als im Haas.

Quelle: ntv.de