Formel1

Budgetregel und Mercedes-Zukunft "Diese Einigung revolutioniert die Formel 1"

imago0045322394h.jpg

Mercedes, Red Bull, Ferrari: Seit 139 Rennen hat immer ein Fahrer dieser drei Teams die Zielflagge als Erster gesehen.

(Foto: imago images/HochZwei)

Zur kommenden Saison verpasst sich die Formel 1 eine Budgetobergrenze. Das kommt einer Revolution gleich, sagt Felix Görner. Im Interview mit ntv.de erklärt der RTL-Reporter, warum Ferrari jetzt doch dafür ist, was das für die Zukunft des Mercedes-Teams bedeutet und wieso die neue Regel für spannendere Rennen sorgt.

ntv.de: Lange hat die Formel 1 über eine Budgetobergrenze gestritten, nun gibt es einen Kompromiss: 2021 dürfen die Teams maximal 145 Millionen US-Dollar (133 Millionen Euro) ausgeben. Woher kommt die Einigkeit?

Felix Görner: Corona hat diese Diskussion beschleunigt. Letztendlich geht es um Chancengleichheit und um Kostenreduzierung und diesen Zielen werden sie meiner Einschätzung nach in den nächsten Jahren immer näher kommen. In der Geschichte der Formel 1 ist diese Einigung eine Revolution. Diesen Versuch, über eine Budgetobergrenze Chancengleichheit zu erzielen, hat es vorher noch nie gegeben.

Ferrari galt als Hauptkritiker eines solchen Kostendeckels. Nun hat die Scuderia nicht nur zugestimmt, die Summe von 145 Millionen US-Dollar liegt auch noch unter der zuvor kolportierten Mindesthöhe von 175 Millionen. Woher kommt das Umdenken?

Ferrari hat immer von Sonderzahlungen profitiert und, wenn man so will, von einem unbegrenzten Budget, auch schon zu Schumacher-Zeiten. Sie hatten das größte Budget in der Formel 1, dazu kamen die Sonderzahlungen von rund 100 Millionen im Jahr, von Bernie Ecclestone [dem ehemaligen F1-Chef; Anm. d. Red.] initiiert für diesen Traditions-Rennstall. Deshalb waren die Vorbehalte riesengroß, aber der Druck jetzt, in dieser wirtschaftlich angespannten Zeit, ist immens. Auch da hat Corona zu einem Umdenken geführt. Man hätte sich dann die Frage stellen müssen: Ist man der einzige Quertreiber in der Formel 1? Deshalb haben sie dem Vorschlag zugestimmt, wenn auch zähneknirschend, wie aus Italien zu hören ist.

Welche Folgen hat das?

In der Rennabteilung von Ferrari arbeiten rund 1000 Menschen, sie müssen sich für das nächste Jahr etwas überlegen. Sie haben bekannt gegeben, dass niemand entlassen werden soll, deshalb müssen sie viel Personal in andere Projekte stecken. Daher kommt auch das Interesse an der Indycar-Serie. Aus Ferrari-Sicht ist das sehr clever, weil sie so ihre besten Köpfe in Maranello behalten können, die dann nur in unterschiedlichen Abteilungen arbeiten, aber sie haben weiter diese besten Köpfe unter einem Dach. Es kann gut sein, dass andere Rennställe - wie Red Bull, die eine ähnliche Anzahl von Mitarbeitern haben, oder auch Mercedes - sich jetzt sehr genau überlegen: Was ergibt Sinn? Hochqualifizierte Mitarbeiter auf die Straße setzen oder andere Projekte im Motorsport suchen?

Welchen Einfluss hatte Jean Todt, früher Boss bei Ferrari und heute Chef des Motorsport-Weltverbandes Fia, auf den Sinneswandel in Maranello?

Seine Macht in der Fia ist in der Corona-Zeit noch einmal gewachsen, weil er auf eine Einigung gedrängt hat, da es um das Überleben der Formel 1 geht. Als ehemaliger Teamchef von Ferrari hat er dort noch immer großen Einfluss, auch da wird er Gespräche geführt haben, dass sie von ihren starren Forderungen abrücken. So ist es dann zu dem Kompromiss zwischen den 175 Millionen, die Ferrari gefordert hat und den 100 Millionen, die McLaren und Williams gefordert haben, gekommen.

Bei Mercedes ist die Formel-1-Zukunft über 2020 hinaus noch ungeklärt. Macht der Kostendeckel einen Verbleib des einzigen deutschen Rennstalls wahrscheinlicher?

Dieser Kostendeckel macht einen Verbleib wesentlich wahrscheinlicher. Gegenüber dem Gesamtvorstand [des Daimler-Konzerns, Anm. d. Red.] ist ein Motorsport-Engagement besser zu rechtfertigen. Jetzt kann argumentiert werden, dass diese Ausgaben - 145 Millionen für 2021, dann 140 Millionen für 2022 und runter auf 135 Millionen bis 2025 - über Sponsoring, Werbung und Ausschüttung von Fernseheinnahmen wieder reingeholt werden können. Das heißt, mit dem grünen Licht vom Vorstand könnte man daraus sogar ein profitables Geschäft machen, statt Geld zu verlieren. Diesen finanziellen Abwägungen gegenüber könnte aber eine strategische Entscheidung hin zur E-Mobilität stehen, wie sie Audi in der DTM getroffen hat.

Die Obergrenze soll Ausnahmeregelungen enthalten für die Gehälter von Fahrern und weiteren Top-Angestellten.

Das ist ein Überbleibsel der großen Teams, die sich über diesen Faktor einen kleinen Wettbewerbsvorteil verschaffen wollen. Das ist ein Kompromiss. Lewis Hamilton, Max Verstappen oder Charles Leclerc, die als beste Fahrer auch die höchsten Gehälter einstreichen, werden dann auch bei den besten Teams unterschreiben. Oder Adrian Newey von Red Bull, der wohl der bestbezahlte Ingenieur in der Formel 1 ist. Diese strategischen Faktoren gibt es dann immer noch.

Also gibt es einerseits eine Gleichstellung der Teams, was die Ausgaben betrifft und andererseits trotzdem die Chance für die wohlhabenden Rennställe, sich bei Fahrern, Teamchefs, Strategen oder Ingenieuren einen Vorteil zu verschaffen.

Genau.

Ziel aller Reformen ist es, die Formel 1 wieder ausgeglichener zu machen. Seit dem Saisonauftakt 2013 haben sich Mercedes, Red Bull und Ferrari 139 Rennsiege untereinander aufgeteilt. Gibt es unter den neuen Regeln künftig wieder Saisons, in der fünf, sechs Teams einen Grand Prix gewinnen können?

Das würde ich ganz klar mit Ja beantworten. Die Formel 1 hat in Sachen Chancengleichheit einen großen Schritt gemacht. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir mehrere Rennsieger sehen werden in den Jahren 2024/2025, die ist auf jeden Fall da. Weil das viele gute Personal, das jetzt in der Formel 1 arbeitet, ja weiterhin Jobs braucht. Das heißt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass kleinere Teams etwa sehr, sehr gute Ingenieure bekommen, um dann sehr gute Autos zu bauen, wesentlich größer wird. Deswegen bin ich sicher, dass die Formel 1 ausgeglichener und spannender wird.

Es wäre also denkbar, dass Mitarbeiter, die aufgrund des Kostendeckels nicht mehr in einem der aktuellen F1-Topteams beschäftigt werden können, zu einem kleineren Rennstall wechseln und diesen besser machen.

Das Interessante dabei ist, dass die Teams mit dem festen Budget sehr genau überlegen müssen, was sie damit machen. Sie könnten etwa auf viel Personal setzen, würden dann aber bei den Entwicklungskosten sparen müssen, weil Zeit beispielsweise im Windkanal sehr teuer ist. Oder man setzt auf weniger Personal und hat dann aber mehr Geld für Entwicklung, was auch ganz clever sein kann. Der Faktor "Ich mache auf dicke Hose und bin dann vorne" wird nicht mehr funktionieren, es wird auch auf clevere strategische Entscheidungen ankommen.

Mehrere kleinere Teams haben in der Corona-Krise Kurzarbeit angemeldet, bei Williams stand sogar ein F1-Ausstieg im Raum. Garantiert die neue Obergrenze das Überleben dieser Rennställe?

Mehr zum Thema

Ich glaube, dieser Entwurf [des Kostendeckels, Anm. d. Red.] ist ein guter Garant dafür. Ganz einfach deshalb, weil sich dieses Geld über die Fernseheinnahmen und über Werbung wieder einspielen lässt. Wir sind allerdings noch nicht mit Corona durch, vor uns liegt ein schwieriges Jahr. Die Formel 1 braucht mindestens 15 Saisonrennen, damit die Fernsehgelder in voller Höhe ausgeschüttet werden. Für die kleineren Teams wird das ganz, ganz wichtig sein.

Und neue Teams? Wird die Formel 1 attraktiver für einen Einstieg?

Sollten die zehn Teams die Krise überstehen, besteht eine große Chance, dass nicht nur diese zehn bleiben, sondern dass auch neue Teams investieren, weil das Budget dann überschaubar und abschätzbar ist für ein globales Sport-Engagement. Das macht es realistisch, dass neue Rennställe an den Start gehen.

Mit Felix Görner sprach Torben Siemer

Quelle: ntv.de