Formel1

Formel-1-Lehren aus Istanbul Hamilton demonstriert Macht, demütigt Bottas

Die Formel-1-Saison läuft nach dem Großen Preis der Türkei weiter, doch der Titel ist bereits vergeben: Lewis Hamilton zieht mit Michael Schumacher gleich. Das Rennen dazu verläuft allerdings längst nicht langweilig, im Gegenteil. Unter anderem sorgt Sebastian Vettel für eine Überraschung.

Hamilton kann auch ackern

Der Formel 1 drohte an diesem Wochenende eine langweilige, einseitige, weil viel zu überlegene Fahrt Lewis Hamiltons zum siebten Titel. Und dem Engländer drohten damit die üblichen Stimmen derer, die seine Erfolge schmälern wollen: Mit diesem Mercedes, so heißt es oft, kann man ja nur Weltmeister werden. Der Renngott hatte aber ein Einsehen mit Hamilton, er schenkte ihm dieses verrückte Rennen, das nun wirklich nicht für den Engländer lief. Und das er gegen jede Wahrscheinlichkeit trotzdem gewann. "Viele haben heute die Kontrolle verloren und das war ein großer Test für mich", sagte Hamilton und bilanzierte: "Ich fühle, ich habe heute etwas Großes erreicht." Der Champion hat auf dem Weg zum siebten Titel, zum Gleichstand mit Michael Schumacher, mal wieder gezeigt, dass er der Ausnahmefahrer seiner Generation ist, einer, der jedes Rennen gewinnen will. Und wohl auch weiterhin die Chance dazu haben wird: Die Vertragsverlängerung scheint nur noch eine Frage der Zeit, das ließen alle Beteiligten durchblicken.

Bottas kassiert ultimative Demütigung

Lewis Hamilton als Teamkollegen zu haben, ist wohl für jeden Fahrer der Formel 1 die größtmögliche Herausforderung. Es gibt Piloten, die an einer solchen Herausforderung wachsen, Nico Rosberg hat das geschafft, sich an Hamilton festgebissen - und ihm 2016 sogar den Titel abgenommen. Bei Valtteri Bottas ist zu befürchten, dass seine Karriere an dieser Herausforderung zerbricht. Jahr für Jahr startet er mit Hoffnungen, Jahr für Jahr scheitert er deutlich. Das Rennen in Istanbul wurde nun zur ultimativen Demütigung: Bei Bedingungen, die das Können der Fahrer in den Fokus rückten, fuhr sein Teamkollege mit einem Sieg zum WM-Titel. Bottas selbst drehte sich auf rutschiger Strecke mindestens sechsmal. Und wurde von ebenjenem Teamkollegen überrundet. Macht Hamilton weiter bei Mercedes, dann sind große Triumphe für Bottas auch in Zukunft kaum denkbar.

Vettel sammelt Lust auf mehr

Am Ende wird dieser nasskalte Sonntag in Istanbul vielleicht als der Tag in Erinnerung bleiben, der das Formel-1-Jahr 2020 für Vettel erträglich machte. Er fuhr ja nicht bloß von Rang elf aufs Podest. Er tat dies auf einer Strecke, auf der Feingefühl, Mut und Nervenstärke gefragt waren, all die Dinge, die einen großen Fahrer ausmachen. Und der Hesse konnte zeigen, dass er noch immer der Sebastian Vettel ist, der einmal vier WM-Titel in Serie gewann, dass er noch nicht abgeschrieben werden sollte. Als Bonbon überholte Vettel in den letzten Kurven auch seinen Teamrivalen Charles Leclerc, dem er zuletzt so oft hinterherfuhr. "Er ist ein vierfacher Weltmeister und das konnte man auch erkennen", lobte der frühere Formel-1-Fahrer Johnny Herbert den 33-Jährigen. Und Vettel verfestigte den guten Eindruck mit seiner ehrlichen Gratulation zu Hamiltons historischer Leistung: "Er ist zweifellos der Größte unserer Ära."

Stroll ist noch nicht bereit für Siege

Racing Point, im kommenden Jahr Aston Martin, brillierte an diesem so schwierigen Wochenende. Das Auto, in weiten Teilen eine Kopie des Vorjahres-Mercedes, lag auf der rutschigen Strecke besser als fast alle anderen, auch besser als der Mercedes. Das Ergebnis: Am Samstag die Pole Position für Lance Stroll, am Sonntag der zweite Platz für Sergio Perez. Der Racing-Point-Bolide ist ein Allrounder und wurde durch die Updates im Laufe des Jahres, die nichts mehr mit dem Mercedes zu tun hatten, sogar besser. Vettel darf sich für die kommende Saison auf ein schlagkräftiges Auto freuen.

Und seit Sonntag freut sich das Team sicher auch noch ein wenig mehr auf Vettel. Denn er kann hoffentlich Siege liefern. Etwas, das Lance Stroll bislang nicht gelingen wollte. Erstmals in seiner Karriere ging der Kanadier am Bosporus von ganz vorne auf die Strecke. Zwar konnte er die Position lange verteidigen, fiel am Ende aber bis auf Rang neun zurück und hatte dafür keine Erklärung. "Es ist wirklich schwer zu verstehen, was heute passiert ist", sagte Stroll: "Es hat Spaß gemacht, so viele Runden zu führen, aber wir haben nicht lange genug vorne gelegen."

Perez hat ein Cockpit verdient

Seinen Platz bei Racing Point verliert Sergio Perez im kommenden Jahr an Vettel. Der 30-Jährige betrieb mit einem starken zweiten Platz hinter Hamilton aber einmal mehr beste Eigenwerbung. Der 30-Jährige ist noch auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber und liebäugelt mit Red Bull. Der ehemalige Weltmeister-Rennstall lässt bislang offen, ob mit Alexander Albon verlängert wird. Auch der Deutsche Nico Hülkenberg soll ein Kandidat für das Cockpit neben Max Verstappen sein.

Der ungestüme Verstappen ist zurück

Erst verpasste Max Verstappen eine fast sicher geglaubte Pole Position, dann gab er leichtfertig einen Podestplatz aus der Hand. Der Niederländer leistete sich am Sonntag im Red Bull ungewöhnlich viele Fehler und riskierte im Regen zu viel - Bilder, die man aus der Vergangenheit von ihm kennt. Dreher und am Ende nur der sechste Rang waren die Folge für den 23-Jährigen. "Es war kein guter Tag und es sollte wohl einfach nicht sein", sagte er.

Quelle: ntv.de, ara/dpa/sid