Fußball-EM

Mit Schweinsteigers Gnaden Allrounder Can drängt ins DFB-Team

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Durfte gegen Frankreich nur kurz ran: Emre Can.

(Foto: picture alliance/dpa)

Beim EM-Auftakt gegen Frankreich muss Emre Can fast die gesamte Spielzeit zuschauen. Seine Qualitäten sind gegen den Weltmeister gefragt, doch Bundestrainer Joachim Löw verzichtet auf den Dortmunder. Im zweiten Gruppenspiel gegen Portugal könnte er eine Option sein.

Bastian Schweinsteiger hat es kommen sehen. Einige der 83 Millionen Bundestrainerinnen und Bundestrainer in Deutschland wohl auch. Vermutlich wird es auch Joachim Löw erahnt haben. Aber er hat an seinem Plan festgehalten. Gegen Frankreich lässt Löw die DFB-Elf mit nur zwei zentralen Mittelfeldspielern auflaufen. ARD-Experte Schweinsteiger hätte auf drei gesetzt, Emre Can in seine Startelf beordert und dafür Champions-League-Sieger Kai Havertz "geopfert".

Warum das sinnvoll gewesen wäre, zeigte sich während der Partie: Das zentrale Mittelfeld, bestehend aus Toni Kroos und İlkay Gündoğan, hatte gegen das französische Starensemble um Paul Pogba, Adrien Rabiot und N'Golo Kanté nicht wirklich eine Chance. Statt selbst den Takt vorzugeben, rannte Kroos häufig hinterher. Alleine rechnerisch waren die Franzosen im Zentrum damit immer in Überzahl. Weil sie durch die Mitte nicht durch kam, wich die DFB-Elf auf Flanken aus. Was sich als wenig probates Mittel für die hochgewachsene Abwehr des Weltmeisters herausstellte.

Ob Schweinsteiger all das wirklich erahnt hatte, sei einmal dahingestellt, aber schon vor dem Spiel sagte er in der ARD: "Du brauchst Spieler, die auch physisch stark sind gegen die Franzosen. Vielleicht macht es Sinn, Robin Koch oder Emre Can spielen zu lassen, um das Mittelfeld nochmal zu stärken". Nun ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass Bundestrainer Löw vor dem Anpfiff die Einschätzungen seines Weltmeister-Kapitäns von 2014 liest. Aber Löw stellte nicht um, als im Spielverlauf deutlich wurde, dass sein Plan nicht aufgeht.

Gleichzeitig Stärke und Schwäche

Bis Emre Can endlich auf den Platz kam, vergingen 87 lange Minuten. Zwischendurch hatte er sich schon bereit gemacht, als sich 20 Minuten vor Schluss Matthias Ginter verletzte. Doch bei Ginter ging's weiter, Can musste wieder Platz nehmen. Dass er zu seinem zweiten Einsatz bei einer Europameisterschaft
erst so spät kam, passte Can erkennbar wenig: Nach dem Abpfiff verschwand er als einer der Ersten in der Kabine. Was aber bleibt, ist das Problem, dass die Vielseitigkeit des 27-Jährigen gleichzeitig Stärke und Schwäche ist.

Dabei sind in einem Turnierkader solche Profis eigentlich gefragt, die variabel einsetzbar sind. Schon allein deshalb hat Can seinen Platz im Aufgebot sicher. Er kennt aber auch die Kehrseite, wie er dem "Spiegel" kürzlich erzählte: "Es kann ein Vorteil sein, aber auch ein Nachteil." Denn gegen den Spezialisten zieht der Allrounder fast immer den Kürzeren. Fast, weil die Ausnahme Joshua Kimmich diese Regel bestätigt. Für Can jedoch bleibt häufig nur der Platz auf der Bank.

Nun hat das Frankreich-Spiel einiges verändert. Nach dem verpatzten Auftakt stellen sich dem Bundestrainer viele Fragen. Bleibt es bei der Dreierkette? Welche Position ist die beste für Joshua Kimmich? Warum musste Kevin Volland, der einzige Strafraumstürmer im Kader, in den letzten Minuten als Linksverteidiger spielen? Und eben jene Frage, die Schweinsteiger aufgeworfen hatte: Warum nicht Emre Can?

In der Defensive hat Can schon fast alles gespielt. Auch bei Borussia Dortmund ist er durch die Positionen gewandert. Dort wird er vor allem als Innenverteidiger eingesetzt oder im zentralen Mittelfeld vor der Abwehr. Er spielte aber auch als Rechtsverteidiger in Dortmunds Viererkette. Physisch und spielstark ist er ohnehin. Obwohl es nicht seine bevorzugte Aufgabe ist, hat er sich in der WM-Qualifikation gegen Rumänien sogar als Linksverteidiger empfohlen. Klar, der kommende Gegner und amtierende Europameister Portugal hat nochmal ein anderes Niveau als Rumänien, dennoch ist auch die Außenverteidigerposition eine Option.

"Wenn ich spielen darf, dann egal wo"

Was Can kann, zeigte er nach seiner Einwechslung. Nämlich das, was von einem Innenverteidiger gefordert ist: sich den Ball schnappen und mit Tempo in den Spielaufbau gehen. Andribbeln heißt es in der Fachsprache. Gegen Frankreich macht er das und kreiert zumindest eine Chance, als er das Auge für den frei stehenden Leroy Sané hat, der dann auf Flügelspieler Volland passt. Dem Ex-Leverkusener rutscht der Ball jedoch ab und seine Flanke landet abseits der Gefahrenzone.

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Ob diese kurze Kostprobe reicht, um sich beim Bundestrainer zu empfehlen, ist eher unwahrscheinlich. Denn, ob er in der Startelf steht, hängt von vielen anderen Faktoren ab. Über allem schwebt weiter die Kimmich-Frage. Seine Position entscheidet, wer wo spielt. Sollte Leon Goretzka weiter ausfallen und Löw die Dreierkette nicht auflösen, ist Can eine ernsthafte Option fürs Mittelfeld. Auch, um Kroos und Gündoğan zu entlasten. Sollte Kimmich im Zentrum spielen und Lukas Klostermann nicht fit werden, könnte Can auch mit der unliebsamen Rechtsverteidiger-Position vorliebnehmen.

Diese Überlegungen sind Can aber gleich. "Wenn ich spielen darf, dann egal wo", sagte auf der DFB-Pressekonferenz. Ob links, rechts oder in der Mitte spiele für ihn keine Rolle - auch wenn sein Lieblingsplatz im Zentrum ist. Er "brennt" auf jeden Fall. Das Lob von Rio-Weltmeister Schweinsteiger habe ihn gefreut und "Stolz gemacht". Vielleicht beeinflusst es auch Löw nachhaltig.

Quelle: ntv.de

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