Fußball-EM

Löw kassiert von allen Seiten Die trumpesken Erwartungen an Hansi Flick

Münchens Trainer Hans-Dieter

Challenge accepted.

(Foto: Matthias Balk/dpa POOL/dpa)

Die Anerkennung der Ära von Bundestrainer Joachim Löw hält sich in Grenzen. Zarte Lobeshymnen werden von einer gewaltigen Flut an Kritik flankiert. Für Hoffnung, dass es dem DFB-Team bald besser geht, sorgt Hansi Flick. Aber schafft er ein zweites Wunder?

Die Aufgabe, die Hansi Flick ab dem 1. August diesen Jahres übernehmen wird, ist irgendwo zwischen Donald Trump und Tim Bendzko verortet. Je nach emotionaler Lage changiert sie zwischen "make das DFB-Team great again" und "nur noch kurz die deutsche Fußball-Welt retten". Zumindest über die Klarheit des Auftrags braucht sich der neue Bundestrainer nicht zu beklagen. Klagen dürfte er indes durchaus über die Erwartungen, die auf ihm lasten. Wenn es eine Steigerung von "Messias" geben würde, dann würde sie recht treffend beschreiben, was Hansi Flick als Nachfolger von Joachim Löw sein soll. Ihm muss erneut das kleine Wunder gelingen, welches ihm beim FC Bayern gelungen war: Eine verunsicherte Ansammlung von sehr begabten Individualisten zu einem unbesiegbaren, von sich absolut überzeugtem Kollektiv zu formen.

Man kann es auch ganz pointiert ausdrücken: Flick soll in kürzester Zeit, bis zur WM in Katar in anderthalb Jahren, das schaffen, woran Joachim Löw in den vergangenen drei Jahren gescheitert ist. Manch einer sagt sogar, woran er in den vergangenen fünf Jahren gescheitert ist. Tatsächlich zieht die Abrechnung mit dem ewigen Jogi überraschend weite Kreise. Aus jeder Ecke brüllt ein mal mehr und mal weniger berufener Experte seine Wut über die Sturheit des scheidenden DFB-Trainers heraus: Das Festhalten an der Dreierkette, die Ignoranz gegenüber dem Wohlfühlsystem für seine Spieler, die Loyalität zu einem Mittelfeld-Zentrum, das in anderer Besetzung (Joshua Kimmich und Leon Goretzka statt Toni Kroos und İlkay Gündoğan) womöglich dynamischer, kreativer, effektiver gewesen wäre. Die Wut-Liste ist lang. Sehr lang.

Ebenso wie die Liste der Dinge, die ab dem 1. August auf Flick warten werden. In reichlich kurzer Zeit muss er die Mannschaft so herrichten, dass sie beim nächsten Großturnier wieder in der Verfassung ist, mit den Besten mitzuhalten. Dieses Ansinnen hat DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Er wünscht sich nicht nur wieder Erfolg, sondern auch eine Mannschaft, "die Identität hat". Nun, zumindest diese Anforderung an den neuen Mann scheint nicht absurd. Denn in München hatte Flick seinem Team die gnadenlose Identität einer alles zermalmenden Pressing-Maschine mit Mentalitätsmonstern
gegeben. Sie funktionierte zumindest in der ersten Saison perfekt.

Flick hat einen Vorteil und ein Problem

Wenn Löw nun in seiner Bilanz als Bundestrainer, die sich um eine Analyse des Scheiterns bei der EM windet, sagt, dass die deutsche Nationalmannschaft für viele andere Teams international "die Benchmark" gewesen sei, dann gilt Gleiches auch für den FC Bayern unter Flick. Nun wäre es ja reichlich einfach, könnte Flick sein System, seine Idee übernehmen, den Erfolg kopieren. Man ahnt es: Einfach wird das nicht. Und das liegt vor allem am Personal, das ihm zur Verfügung steht. Gut für Flick: Anders als beim Rekordmeister kann er über seinen Kader frei und allein verfügen. Er muss sich nicht mit einem mächtigen Sportdirektor (Anmerk. d. Red.: in München war das Hasan Salihamidžić) auseinandersetzen, der eine andere Agenda verfolgt und sich jegliche manifestierten Mitspracherechte vehement verbittet.

Das größte Problem für Flick ist: Ihm fehlt ein dominanter Stürmer. Wobei die Referenzgröße für dominanter Stürmer natürlich unfair ist. Denn in München trainierte der 56-Jährige den Weltfußballer, er trainierte Robert Lewandowski. Das System auf diesen Zielspieler auszurichten, schaffte Freiräume für andere Männer im Kader. Für Thomas Müller etwa, der unter Flick sicher die mit beste Zeit seiner Karriere hatte. Die Schleichkatze traf und bereitete vor. Er war nicht Initiator der bayrischen Offensivaktionen, sondern entscheidender Teil der Veredlung. Wie sehr ihm diese Rolle aus dem Verein mehr behagt, als die in der Nationalmannschaft wurde bei dieser EM allzu deutlich. Müller war zwar wichtig, aber eher als Anführer und Kommunikationschef, weniger als Fußballer. Wobei er natürlich auch gute Momente am Ball hatte.

Eine gute Rolle für Müller zu finden, einen guten Partner im Zentrum (Timo Werner bleibt erster Kandidat, dahinter wäre dann noch Kevin Volland), das könnte eine große Herausforderung für den neuen Bundestrainer werden. Könnte. Denn längst ist nicht klar, ob Müller nach seinem Kurz-Comeback weitermacht. Dass nun Flick übernimmt, dürfte indes ein starkes Argument in der Abwägung sein. Schließlich hatte der Trainer ihn aus seinem darbenden Dasein unter Niko Kovac befreit und wieder in eine Weltklasse-Form gebracht. Müller ist übrigens nicht der einzige Spieler, dessen Zukunft im DFB-Team unklar ist. Was wird aus Mats Hummels? Macht er weiter? Bleibt er Abwehrchef? Wie steht's um Kroos und Gündogan? Beide sollen sich wohl Gedanken um einen Rückzug machen. Und in ihren Gedanken dürfte es auch um Flick gehen. Um dessen Pläne und Überzeugungen.

Bayern-Block als Gefahr für Kroos?

Eine Überzeugung könnte ja sein: Kimmich und Goretzka das Zentrum der Mannschaft anzuvertrauen. Es wäre kein Experiment, sondern eine sich mehrfach bewährte Top-Lösung. Es wäre indes auch eine, die Gündoğan und Kroos verdrängen würde. Für die beiden Strategen ist das durchaus eine Risikoanalyse. Denn wie wahrscheinlich ist es nach dieser EM, dass Kimmich erneut den Rechtsverteidiger gibt? Nicht sonderlich. Und dass ein Goretzka statt Müller auf die Zehn rückt, scheint auch kein Szenario zu sein, dem man besonders viel Aufmerksamkeit widmen müsste. Zu wichtig waren beide für das Flick'sche Erfolgsmodell beim FC Bayern.

Andere Sache (I): Was wird aus der wackeligen Abwehr? Klar scheint, dass die Dreierkette unter dem neuen Mann vorerst Geschichte ist. Denn bislang war sie kein relevanter Teil seiner taktischen Ideen. Aber wie stellt sich das Team vor Manuel Neuer auf, dessen Status als Nummer eins unter Flick vermutlich noch unantastbarer sein dürfte (Stichwort: maximale Loyalität zu Neuer gegenüber dem forschen Bayern-Herausforderer Alexander Nübel)? Gibt es für die WM in Katar im Dezember 2022 eine spektakuläre Reunion der Heldengrätscher Hummels und Jérôme Boateng? Möglich. Flick ist von Boateng absolut überzeugt, hätte ihn gerne länger beim FC Bayern gesehen. Was sind die Optionen? Antonio Rüdiger, klar. Matthias Ginter? Könnte auch nach rechts ausweichen. Robin Koch? Hat noch nicht das Niveau? Und Niklas Süle? Nun, mit dessen Einstellung soll Flick nicht immer zufrieden gewesen sein. Und was ist eigentlich mit den Außenverteidigern? Da fehlt es seit Jahren an Leuten auf allerhöchstem Niveau. Robin Gosens war gegen Portugal zwar die Entdeckung, stieß aber gegen Frankreich, Ungarn und England an seine Grenzen. Noch gravierender ist die Lage rechts. Dort sind mit Lukas Klostermann, Emre Can und Ginter drei positionsfremde Defensivkräfte die Duellanten.

Andere Sache (II): Zu einem großen Rätsel bei dieser EM wurden die bayrischen Flügelstürmer Leroy Sané und Serge Gnabry. Sané scheiterte wieder einmal an seinem Anspruch, der Welt (oder zumindest Europa) zu zeigen, dass er ein Unterschiedsspieler ist. Und Gnabry, der war zwar bemüht, aber eben auch nicht der Mann für die entscheidenden Momente. Die große Adler-Show liefert er im Moment nicht. Ein schlüssiges Konzept braucht es. Auch für den Fall von länger anhaltenden Formkrisen. Gut fürs DFB-Team: Flick hatte beim FC Bayern eines.

Letztes Problem: Die Versöhnung des Teams mit den mittlerweile fast schon gleichgültigen Fans. Das Vertreiben der "dunklen Wolken". Allein sein Name sorgt immerhin schon für ein bisschen Sonnenschein. Nun muss er nur noch loslaufen. Wie einst Katrina & The Waves.

Quelle: ntv.de

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