Fußball-EM

Ersetzt er verletzten Müller? Diesen Goretzka braucht das DFB-Team

Leon Goretzka wird für das EM-Aufgebot des Deutschen Fußball-Bundes nominiert, ohne zu wissen, wann er einsatzbereit ist. Lange ist der Münchner verletzt. Dann führt er sich gegen Portugal mit einer Großchance in der Schlussphase ein. Und könnte nun zum ersten Startelf-Tausch werden.

Gerade einmal zehn Minuten stand Leon Goretzka am Samstag beim EM-Spiel gegen Portugal auf dem Platz, da hatte er in der 83. Minute die Chance auf das 5:2 für Deutschland. Zehn Minuten, nach langen verletzungsgeplagten Wochen. Am 8. Mai hatte er einen Muskelfaserriss erlitten, da "hatte ich schon das Gefühl, dass es eine enge Kiste werden könnte" mit der EM, erklärte Goretzka bei der Pressekonferenz an diesem Montag. Das sei dank "viel Arbeit und viel Zeit" überstanden. Vor dem EM-Auftakt gegen Frankreich hatte er noch kurzfristig selbst um mehr Einspielen auf dem Trainingsplatz gebeten. Nun aber gegen Portugal war es so weit.

Zehn Minuten also war er wieder dabei, da hatte der eingewechselte Genesene eine Großchance. Sein Rechtsschuss von der Strafraumgrenze streifte dann aber nur die Oberkante der Querlatte. Eine Szene, die beim 4:2-Endstand nicht sonderlich ins Gewicht fiel. Zumindest nicht fürs Team. Gewonnen, drei Punkte, gute Ausgangsposition vor dem letzten, dem entscheidenden Gruppenspiel gegen Ungarn.

Der Profi vom FC Bayern störte sich allerdings schon daran. "Meine Motivation geht bis in die Haarspitzen, da ist kaum Luft nach oben. Aber klar, hätte ich das Tor gerne gemacht. Ich muss das Ding einfach unten links reinschieben", sagte er zwei Tage später. "Schade, dass das nicht geklappt hat, es werden aber noch Spiele kommen, wo wir es dringender benötigen. Ich hoffe, dass ich es mir aufgespart habe."

Müller droht Ausfall

Gut möglich, dass dieses Spiel, "wo wir es dringender benötigen", jetzt schon ansteht. Im Gruppenfinale am Mittwoch (21 Uhr/ZDF, MagentaTV, sowie im ntv.de-Liveticker) gegen Ungarn. Auf die beste Nachricht: Goretzka ist zurück im Team, wieder fit und einsatzbereit, folgte nämlich die bislang bitterste im Turnier für das DFB-Team: Thomas Müller fehlt im Training am Montag. Der Grund: "Kapselverletzung rechtes Knie", wie der DFB mitteilte. Nicht abschließend geklärt, ob der Antreiber rechtzeitig fit wird. "Das wird von Tag zu Tag entschieden", sagte DFB-Pressesprecher Jens Grittner.

Goretzka hofft auf seinen Teamkollegen: "So wie er gerade im Pool ausgesehen hat, ist noch nicht ausgeschlossen, dass er spielt, denke ich." Aber was, wenn nicht? Dann könnte der 26-Jährige für seinen fünf Jahre älteren Bayern-Kollegen einspringen. "Es ist aber eine Position, die ich schon gespielt habe und ich habe bereits gesagt, dass ich mir diese Rolle zutraue. Ich hoffe aber natürlich, dass Thomas spielen kann." Eine Rolle, die er freilich anders interpretieren würde. Müller ist bekanntlich Raumdeuter, immer irgendwie plötzlich zur rechten Zeit am rechten Ort, unorthodox im Spiel, damit schwer berechenbar für den Gegner. Goretzka dagegen macht sich seine Kraft zunutze, kommt mehr aus der Tiefe als Müller, sucht wuchtige Abschlüsse, wie in der 83. Minute gegen Portugal zu sehen.

Goretzka wäre im Übrigen auch mit Müller gemeinsam auf dem Platz durchaus eine gute Wahl für das Team von Joachim Löw. Logisch, dann müsste ein anderer weichen - und das ist - wie die Taktikfrage - kompliziert. Er fühle sich wieder "sehr, sehr gut", betonte Goretzka. Auf das Frankreich-Spiel habe er verzichtet, "in dem Bewusstsein, dass wir noch einige Spiele haben". Der Blick geht also schon über Ungarn hinaus, wer auch immer da, wo auch immer warten möge. Rechenspiele sollen nicht erfolgen, ein klarer Sieg und die K.-o.-Phase wäre gebucht. Dafür müssen - das sollte bei aller Euphorie über ein sehr gutes und mitreißendes Spiel noch einmal betont werden - die Standardsituationen besser laufen.

Auch gegen Portugal waren diese zu harmlos. Gar zu gefährlich, weil sie zu gegnerischen Kontern führten. "Bei einem Turnier ist es wichtig, bei Standards gut auszusehen. Ich habe es mitbekommen, dass wir das viel trainiert haben, auch wenn ich da nicht dabei war", versuchte Goretzka zu beruhigen. "Wir haben hervorragende Schützen und eine gute Präsenz. Ich denke, dass wir einfach weiter dran glauben müssen. Überzeugung ist ein wichtiges Stichwort bei Standards. Die Anlagen sind da und ich bin mir sicher, dass wir noch unseren Profit daraus ziehen können."

Meinungsstarker Goretzka mit klarer Haltung

Es geht aber auch um die gegnerischen Standards - auf die Marcel Halstenberg bei den überraschend starken Ungarn hinweist. Den Standards also, bei denen Manuel Neuer in den Blickpunkt rückt. Der Torhüter, der Kraft seines Kapitäns-Amtes die Binde im deutschen Team trägt. Die seit einigen Wochen in Regenbogenfarben leuchtet. Und die wegen ihrer Bedeutung gegen Homophobie plötzlich im Mittelpunkt stand. UEFA-Ermittlungen wurden glücklicherweise schnell wieder eingestellt. Die Binde wird Neuer auch gegen Ungarn tragen. Gegen die Auswahl eben jenes Landes, dessen Parlament gerade ein Gesetz gebilligt hatte, das die Informationsrechte von Jugendlichen zum Thema Homosexualität und Transsexualität einschränkt.

Goretzka hält die UEFA-Posse für ein Unding. "Es wäre aber absurd, wenn wir uns dafür entschuldigen müssten, da es klar ist, wofür das steht. Ich glaube, dass die UEFA das auch bereits als guten Grund eingestuft hat. Sanktionen wären absurd." Andere Mannschaften knien gegen Rassismus, der DFB habe die Regenbogen-Binde. "Die Allianz Arena soll nun auch in diesen Farben leuchten, das finde ich sehr gut. Ich bin für jedes Zeichen und wir haben auch schon unsere Zeichen gesetzt." Die Stadt München hat offiziell einen Antrag bei der UEFA gestellt, noch ist unklar, ob die Farben den Münchner Nachthimmel erleuchten dürfen.

Schon allein die klare Positionierung Goretzkas ist ein starkes Zeichen: "Wir werden genauso weiter handeln." Es wirkt nicht jeder so souverän wie der 26-Jährige. Einer, der meinungsstark ist, der handelt - auf und abseits des Platzes. Es ist gut, dass er zurück im DFB-Team ist. Goretzka ist einer, der Löws Team gut zu Gesicht steht.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.