Fußball-EM

Trotz Offensiv-Spektakel des DFB Zwei Schwächen könnten EM-Traum schnell begraben

imago1003208567h.jpg

Freistoß, Ronaldo, 4:2 - Deutschland fing sich abermals ein Gegentor nach einer Standardsituation.

(Foto: imago images/Team 2)

Mit diesen Baustellen gewinnt eine Mannschaft kein Turnier: Abermals zeigt sich die Nationalelf gegen Portugal anfällig für Konter und offenbart große Schwächen bei Standards. Vorne wie hinten. Zum Glück haben Thomas Müller und Joachim Löw die Probleme erkannt.

Endlich eine furios aufspielende Nationalmannschaft. Endlich eine gut geölte Offensive. Endlich Spektakel. Aber so schön der DFB-Erfolg über Portugal auch anzuschauen, so wichtig er für das Selbstbewusstsein des Teams und den lange angestauten Jubel der Fans war; der 4:2-Sieg offenbarte erneut eklatante Schwächen im Spiel der Mannschaft von Joachim Löw. Schwächen, mit denen kein Turnier gewonnen werden kann, wenn sie nicht bald abgestellt werden.

"Das macht einfach Spaß bei dieser Stimmung. Da kocht der Kessel", freute sich Thomas Müller nach dem Erfolg in München. Doch er schickte direkt eine Warnung hinterher. "Wir hatten viele gute Aspekte, aber auch viele Dinge, die wir noch verbessern müssen. Sowas kann am Ende Punkte kosten." Damit meinte der Bayern-Profi zum einen die Konteranfälligkeit der DFB-Elf. Schnell lag sie gegen Portugal mit 0:1 hinten, weil genau das wieder passierte, was schon seit der WM 2018 so häufig im DFB-Spiel passiert und eigentlich nicht mehr passieren darf: Der Gegner überrannte Deutschland bei einem Gegenangriff.

Eine Ecke von rechts klärten die Portugiesen locker aus ihrem Strafraum, dann durfte Bernado Silva ungehindert über das halbe Feld laufen, während in der Mitte Cristiano Ronaldo nach vorne sprintete. Die Deutschen joggten eher zurück, sodass die Portugiesen sich ein vier-gegen-vier erliefen. Silvas Traumpass auf Diogo Jota konnte nicht mehr verteidigt werden, weil Kimmich zwischendrin sein Rücklauftempo verringerte - und der Profi von Jürgen Klopps FC Liverpool brauchte nur noch auf Ronaldo querzulegen.

Mangelhafte Konterverteidigung

Beim blamablen 0:6 gegen Spanien oder beim 3:3 gegen die Schweiz im Jahr 2020 war die Nationalelf von schnellen Gegenstößen mehrmals bestraft worden. Auch bei der 1:2-Debakel gegen Nordmazedonien im Frühjahr lief die Mannschaft wieder in einige Konter und schaffte es im Sechszehnmeterraum nicht, eng am Gegner zu stehen. Zwar wackelt die deutsche Abwehr bei der EM nicht wie im Vorjahr, doch auch gegen Frankreich war die Konterverteidigung mangelhaft: Beim 0:1 im Auftaktspiel hatte Löws Team Glück, dass Karim Benzemas fein heraus gespieltes Gegenstoß-Tor wegen Abseits nicht zählte.

Zwar behielt Löw durch den Sieg gegen Portugal mit seinem Festhalten am 3-4-3 recht. Aber die Dreierkette, die bei Ballbesitz des Gegners zur Fünferkette werden soll, hat den Nachteil, dass bei Kontern die Zuordnung oftmals nicht stimmt - besonders wenn eine Mannschaft ähnlich hochsteht wie die DFB-Elf. So geschehen im miserablen Länderspieljahr 2020 - und ebenfalls 2021 und nun bei der EM.

Der Bundestrainer hatte die Dreierkette nach der WM-Schmach 2018 installiert, um schnell umschalten zu können und im Ballbesitz mit mehr Offensivakteuren angreifen zu können. Das klappte gegen Frankreich überhaupt nicht, aber gegen Portugal hervorragend. Es ist defensiv immerhin eine Lernkurve erkennbar: Ganz so naiv wie bei der WM in Russland oder gegen Spanien oder die Schweiz laufen die Deutschen nicht mehr in Konter, eklatante Ballverluste im Aufbauspiel können mittlerweile meist vermieden werden. Doch wird diese Schwäche nicht komplett abgestellt, könnte für die DFB-Elf ein einziger Gegenstoß in einem K.o.-Spiel das EM-Aus bedeuten.

Auch Hummels-Eigentor war Standardsituation

Dieser Satz würde seine Richtigkeit ebenfalls nicht verlieren, ginge es um die Anfälligkeit der Nationalmannschaft bei gegnerischen Standardsituationen. Die zweite große Schwachstelle, die Löw bereits vor dem Turnier angesprochen hatte. Sie existiert mit Unterbrechungen schon seit der EM 2016. In den EM-Tests, etwa gegen Dänemark, und gegen die kopfballstarken Portugiesen, offenbarte die DFB-Elf, dass diese Baustelle noch lange nicht behoben ist.

Ein Freistoß brachte den Europameister von 2016 wieder auf 4:2 heran, weil beim Flankenball niemand den bis zur Grundlinie durchlaufenden Ronaldo verfolgte und am Fünfmeterraum sich kein deutscher Spieler für Torschütze Jota verantwortlich fühlte. Hätte Renato Sanches' Pfostenkracher, diesmal nach einer kurz ausgeführten Ecke, ein paar Zentimeter weiter rechts zum 4:3 eingeschlagen - es wäre noch einmal äußerst eng geworden in den Schlussminuten in der Allianz Arena.

Auch das meinte Müller, als er sagte, dass viele Dinge noch verbesserungswürdig sein und diese Baustellen Punkte kosten könnten. Denn der Einwurf, der zu Mats Hummels' Eigentor gegen Frankreich führte, war ebenfalls ein Standard. Auch mit eigenen Situationen mit ruhenden Bällen wird viel zu schludrig umgegangen. Der Konter zum 0:1 entsprang einer eigenen Ecke. Und gegen Frankreich ließ besonders Toni Kroos mehrere gute Freistoßchancen ungenutzt.

Löw weiß um die Schwächen

2014 hatte die DFB-Elf auf dem Weg zum vierten WM-Titel sechs Tore nach Standardsituationen erzielt (ein Elfmeter inklusive). Präzision und ein Funken Genialität fehlen heute aber genauso wie gut einstudierte Varianten. Dabei hatte Löw noch zu Beginn des Trainingslagers vor dem Turnier erklärt: "Wir haben in den vergangenen zwei, drei Jahren aus Standards zu wenig gemacht. Das ist total ausbaufähig und wird sicherlich auch ein Schwerpunkt werden."

Mit Blick auf die Partie gegen Ungarn am Mittwoch konstatierte Löw schon mal vorsorglich: "Das nächste Spiel wird zäher." Zwar reicht ein Unentschieden für das Achtelfinale, aber der Bundestrainer weiß, dass er noch zwei große Schwächen im Training bearbeiten muss, wenn er mit seiner Mannschaft im Turnier weit kommen will.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.