Fußball-EM

Euphorie nur in Wattenscheid? Eine Fußball-EM, die sich nicht gut anfühlt

d194d2f012c0df89bc4ce5501753de4e.jpg

Endlich Fußball. Oder so.

(Foto: dpa)

Womöglich hat es noch nicht jeder mitbekommen: Am Abend wird in Rom die Fußball-Europameisterschaft angepfiffen. Ja, tatsächlich. Aber wie kommt es eigentlich, dass man sich wirklich dran erinnern muss, dass es losgeht. Früher war doch Freude und Euphorie da. Und nun?

In Wattenscheid-Höntrop ist sie da, ein bisschen zumindest, die Vorfreude auf die Europameisterschaft. Auf zwei Balkonen stecken kleine Deutschland-Fahnen in den Blumenkästen. Normalerweise stecken sie da nicht. Ein paar Meter, immer noch in der gleichen Straße, hängt eine Deutschland-Girlande am Balkon. Normalerweise hängt sie da nicht. Aber es sind ja besondere Zeiten. Denn an diesem Freitagabend wird sie nun angepfiffen. Die Fußball-EM 2020. Oder 2021. Ganz wie Sie möchten. Ist ja irgendwie beides richtig. Und irgendwie auch beides egal.

Ja, tatsächlich, irgendwie wird dieses Großturnier (bislang) von einer auffälligen Gleichgültigkeit begleitet. Woran das liegt? Klar, sicher an der Pandemie mit all ihren Auswirkungen und Einschränkungen. Die Nationalteams sind abgeschottet, nicht greifbar. Für niemanden. Spieler infizieren sich trotzdem. Sonderimpfaktionen sollen blitzhelfen. Corona-Reservekader werden mancherorts bereits präventiv gebildet. Strenge Quarantäne-Regeln für Mannschaften stark aufgeweicht. Die EM muss schließlich laufen. Fan-Feste sind nur in kleinem Rahmen erlaubt, aber zumindest erlaubt. Aber können sie wirklich unbeschwert sein? Im Biergarten, im Wohnzimmer, im eigenen Garten? Der Bundesgesundheitsminister empfiehlt: "Abstand halten, Masken tragen und möglichst wenig Alkohol trinken." Und dann ist da ja noch der Modus. 24 Mannschaften, elf Austragungsorte - im Sinne des Infektionsschutzes (die in Großbritannien grassierende Delta-Variante ist das Stichwort) und der Nachhaltigkeit (Klimaschutz) ist das alles nicht.

Viele Menschen werden das nicht mehr hören können. Sie werden es nicht mehr hören wollen. Sie wollen das Leben wieder genießen können. So wie früher. Mit Fußball. Mit Freunden. Mit Leckerem vom Grill und aus dem Kühlschrank. Aber ist es verantwortlich, den Hebel auf alte Normalität umzulegen? Und überhaupt: Taugt diese EM wirklich dafür? Eine Frage, an der man seine Vorfreude einfach überprüfen kann, lautet: Welche beiden Mannschaften eröffnen am Abend in Rom das Turnier? Kompliment, wer weiß, dass Italien gegen die Türkei spielt (ab 21 Uhr gibt's den Auftakt im Liveticker bei ntv.de). Kleiner Anschmecker für die (noch) Ahnungslosen: Beide Teams gehen höchst ambitioniert an den Start und gelten bei Experten durchaus als Kandidaten fürs Viertelfinale. Oder mehr.

Sevilla und St. Petersburg, das ist absurd

So richtig im EM-Fieber ist allerdings ohnehin erst der, der sich den Samstagnachmittag freigeräumt hat, um auch das zweite Turnierspiel zu schauen. Um 15 Uhr empfängt Wales die Schweiz. In Baku. In der Hauptstadt von Aserbaidschan. Einem totalitär und autoritär reagierten Land, das die Menschenrechte wieder und wieder verletzt und missachtet. Das klingt alles irgendwie alles reichlich absurd. Und das ist es auch. In Deutschland wird heftig darüber gestritten, um wie viele Cent der Benzinpreis erhöht werden soll, wer wo wie viel Klimaschutz leisten kann und muss. Und in Europa fliegen die Teams von Spiel zu Spiel quer über den Kontinent. Ausnahmen wie das DFB-Team bestätigen die Regel. Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw spielt vorerst nur in München. Aber gibt es wirklich gute Gründe, warum die Gruppe A (Teams siehe oben) in Rom UND Baku spielen muss? Warum die Mannschaften der Gruppe E zwischen Sevilla und St. Petersburg pendeln müssen? Die Spielorte liegen knapp 4500 Kilometer auseinander!

Niemand soll sich seine Vorfreude auf dieses Turnier nehmen lassen. Wenn er sie denn spürt. Auch nicht durch diesen Text. Und tatsächlich könnte die EM ja richtig spannend werden. Auch wegen der Nationalmannschaft, die indes noch immer unter den "dunklen Wolken" festhängt, die DFB-Direktor Oliver Bierhoff im vergangenen Jahr vehement beklagt hatte. Den langen Weg zurück von der Entfremdung zur emotionalen Annäherung, den ersprintet man nicht mal eben erfolgreich durch eine fannahe Pressekonferenz (nette Idee auf jeden Fall). Dass sich der DFB auf seinem Weg zu mehr Bodenständigkeit immer wieder selbst umgrätscht, das ist schon fast ein wenig tragisch. Dass sich gut gemeinte Aktionen wie die Katar-Proteste der Spieler nachträglich als doch nicht so spontan herausstellen, sondern von Hochglanz-PR begleitet werden, das ist schlicht naiv. Und ob das Bekenntnis von Bierhoff, die 400.000 Euro Titelprämie pro Spieler (!) doch sehr gerne zahlen zu wollen, ein gelungener Schlenker Richtung Bodenständigkeit und Demut ist? Vorsichtig vermutet lösen solche Sätze eher Brass als Begeisterung aus.

U21 und DEB-Team zeigen, wie Begeisterung geht

Ein Abrüsten der Erlebnis-Gigantonomie, eine Reduktion des Fußballs auf den Fußball, das wäre der Weg, der Erfolg verspricht. Das gilt übrigens nicht nur für den DFB. Das gilt noch viel mehr für die UEFA, die ungeachtet der Corona-Lage Fans im Stadion zur Bedingung für die Ausrichterstädte gemacht hatte. Mit so absurden Ausprägungen, dass in München 14.000 Zuschauer ins Stadion dürfen, in Budapest rund 67.000! Trotz Pandemie, die natürlich auch in Ungarn noch grassiert. Wenn auch mit stark sinkenden Inzidenzen, nach dem Megapeak von knapp unter 700 noch Ende März. Da war die UEFA dennoch ganz vernarrt in ihre Träume. Budapest soll übrigens das einzige Stadion mit Vollauslastung sein.

Weniger Gigantonomie, das gilt auch für die FIFA und für all die Größenwahnsinnigen, die glauben, dass die Super League tatsächlich die Rettung des Fußballs ist. Wie einfach es manchmal ist, Begeisterung auszulösen, ohne jeden Schnickschnack, einfach nur mit Leidenschaft und Freude, das haben gerade erst zwei deutsche Mannschaften gezeigt. Die U21, die sich mit einem beeindruckenden Teamgeist zum EM-Titel euphorisiert hat. Und die Eishockeyspieler, die sich für den Erfolg "geopfert" haben. Ohne Rücksicht auf sich selbst. Dass sie eine historische Medaille bei der WM in Riga knapp verpasst haben, das bittere und brutale Ende eines Märchens.

Leidenschaft, Freude, Opfermentalität, das wären Dinge, die man sich auch von der "großen" DFB-Elf wünschen würde. Mit den EM-Rückkehrern Thomas Müller und Mats Hummels gibt es zumindest in einem spannenden Kader nun wieder zwei starke Protagonisten, die mit ihren Aktionen Emotionen auslösen können. Hummels mit seinen Heldengrätschen. Und Müller mit seiner Plauderei, mit seiner Schleicherei, mit seiner Schelmigkeit. Womöglich ist es ganz gut, dass es für Deutschland in der Vorrunde direkt um alles geht. Gegen Frankreich mit all seinen Superstars. Gegen Portugal mit Cristiano Ronaldo und seinem Top-Ensemble. Gegen Ungarn, die man besser auch nicht unterschätzen sollte. Entweder ist die EM ganz fix vorbei. Oder die Stimmung plötzlich doch euphorisch. Nicht nur in Wattenscheid.

Die UEFA verspricht zum EM-Auftakt übrigens eine "virtuelle Show der Superlative". Gruß an die Gigantonomie. Das Olympiastadion in Rom soll sich für die Show digital verwandeln. "Dank modernster Technologie", wie die UEFA ganz stolz verkündet. Der Rasen werde sich so in eine blau-weiße Flamme verwandeln. So, und nun viel Spaß. Bleiben Sie gesund.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.