Fußball-EM

Vor dem Klassiker gegen England Löw und sein vielleicht letzter Plan

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Mit welchem Plan geht Joachim Löw in den Klassiker gegen England?

(Foto: imago images/ActionPictures)

Joachim Löw geht in sein nächstes Endspiel. Gegen England wartet eine schwere Aufgabe, doch auch die Quasi-Gastgeber dieser Europameisterschaft tun sich noch überraschend schwer in diesem Turnier. Löw musste wieder Fragen klären, die ihn bis ans Ende seiner Ära begleiten werden.

Nichts gegen Peter Maffay, aber warum ausgerechnet der Altrocker die deutschen Nationalfußballer mit einem Privatkonzert gen London verabschiedete, bleibt wohl das Geheimnis von Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. Schwer vorstellbar, dass die jungen Sportler besonders vertraut mit dem Werk des 71-Jährigen sind. Möglicherweise war es schlicht die relative Nähe zum Teamquartier in Herzogenaurach: Maffay residiert in Tutzing, eine S-Bahn-Reise südlich von München am Starnberger See.

Immerhin: Joachim Löw soll es gefallen haben, Kapitän Manuel Neuer attestierte pflichtschuldig eine "schöne Abwechslung". Und drosch hinterher: "Aber entscheidend ist natürlich, was jetzt auf dem Platz passiert." Jetzt, das ist heute Abend (18 Uhr/ ARD, MagentaTV und im Liveticker auf ntv.de) das Spiel gegen England. Das Achtelfinale bei der EURO 2020. Für den Bundestrainer geht es um alles.

In einem von Maffays größten Hits heißt es "Und wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir". Der Gedanke aus der Edel-Schnulze "So bist du" schwebt auch über den letzten Spielen des Bundestrainers. Es geht gegen England mal wieder um Joachim Löws Vermächtnis, das, was der Bundestrainer dem deutschen Fußball hinterlässt. Seit der Partie gegen Ungarn ist für Löw jedes Spiel ein Endspiel. Jede Niederlage bedeutet nicht nur das Ende der deutschen Titelträume bei dieser EM, sondern auch das Ende der Ära Löw. Das ist bekannt, der Bundestrainer hat dieses Szenario mit seiner Rücktrittsankündigung im Frühjahr ganz bewusst so heraufbeschworen. Auf seiner letzten Mission geht es darum, den meistens erfolgreichen, zuletzt lähmenden Jahren einen passenden Abschluss zu bescheren.

Welches war das "wahre Gesicht" der DFB-Elf?

Ein Erfolg gegen England würde die Tür auf einmal ganz weit aufstoßen in Richtung einer richtig erfolgreichen EM-Mission, denn der deutsche Teil des Turnierbaums ist der deutlich unkompliziertere. Wäre da nicht das England-Spiel, der Klassiker in Wembley, auch nach dem Umbau des Monuments eine der mystischen Stätten des Weltfußballs. Doch Löw hat erst mal wieder ganz grundlegende Fragen zu klären, bevor sich Türen öffnen zurück nach Wembley. Auch das avisierte Halbfinale und Finale werden dort ausgetragen.

Die Gruppenphase schickte die deutschen Fans, ohnehin nicht eben elektrisiert von diesem komplizierten Turnier mit viel Politik, viel Unvernunft und einem wilden Modus, durch eine Achterbahn. Solide, aber wenig begeisternd und letztendlich erfolglos spielte die DFB-Elf gegen Frankreich, begeisterte gegen Portugal und wackelte sich dann immerhin mit Glück und Moral zum 2:2 gegen Außenseiter Ungarn. Das wahre Gesicht der Mannschaft bleibt diffus, immerhin versicherte der gegen Portugal gefeierte und gegen Ungarn völlig wirkungslose Robin Gosens, er "glaube schon, dass wir unser wahres Gesicht gegen Portugal gezeigt haben".

Das Problem: Gegen den inzwischen ausgeschiedenen Titelverteidiger kam die deutsche Mannschaft durch geschickte Seitenverlagerungen zu einer Unzahl von spannenden Momenten, aus denen vier Tore ähnlicher Machart resultierten: Spielverlagerung, Hereingabe, Tor. England verteidigt, anders als die über 90 Minuten überforderten Portugiesen, breit und engmaschig. Wird es zu eng, bekommt Deutschland bei diesem Turnier bisher Probleme.

Viererkette oder alles wie immer?

Als gegen Ungarn in der zweiten Hälfte ein Tor hermusste, stellte Löw von seiner variablen Dreier- auf die Viererkette um, um für den überall guten, auf der Außenbahn aber in seinem Einfluss aufs Spiel beschränkten Joshua Kimmich einen Platz in der Mittelfeldzentrale zu schaffen. Der Effekt war begrenzt, am Ende warf Löw hintereinander nahezu alle Offensivkräfte auf den Platz, die seine Ersatzbank hergab. Der späte Ausgleich entstand aus dem herbeigeführten Chaos, nicht aus dem strukturierten Spiel. Die Diskussion, ob Joshua Kimmich auf der Außenbahn im 3-4-3-System unter Wert platziert ist, wird Löw bis in die letzten Minuten seiner Amtszeit begleiten.

Die Befürworter der Viererkette bekamen dadurch Nahrung, dass England mit Harry Kane einen klassischen Stoßstürmer ins Rennen schickt, um den sich zwei Innenverteidiger kümmern könnten. Die rasante Flügelqualität, so die Idee, könnte bei den Außenverteidigern dann gut ausgebremst werden. Kimmich könnte in die Zentrale rücken und dem deutschen Spiel an der Seite von Taktgeber Toni Kroos mehr Vertikalität verschaffen. Und die Dreierkette sorgte nun auch in der Gruppenphase nicht eben für gnadenlose defensive Stabilität. Alles klar also?

In seiner Pressekonferenz am Montag versicherte Löw zwar, dass der Plan nicht am Fehlen eines zuverlässigen Linksverteidigers scheitern würde - Marcel Halstenberg und Christian Günter wüssten sehr wohl, was zu tun sei - doch es ist überaus unwahrscheinlich, dass der Bundestrainer sein System umbaut. Erstens tut er das nur äußert ungern, schon gar nicht auf Druck von außen. Außerdem orientiert sich der Bundestrainer traditionell lieber am eigenen Material und den eigenen Überzeugungen als am Gegner. Und zweitens legten die Indizien aus der knappen Trainingswoche in Herzogenaurach nicht eben nahe, dass eine neue Idee einstudiert wurde. Eine Stunde vor Spielbeginn, mit der Veröffentlichung der Aufstellungen, ist klar: Es bleibt alles beim Alten: 3-4-3 statt Viererkette, Kimmich und Gosens bespielen die Außenbahnen.

Unvorstellbar schien indes, dass Löw Leon Goretzka wieder von der Bank kommen lässt. Der wuchtige, defensiv disziplinierte, gleichzeitig so durchschlagskräftige Mittelfeldspieler drängte mit dem entscheidenden Treffer zum Weiterkommen in die Startelf. Es stellte sich nur die Frage, wie und wo der Bundestrainer den Bayern-Profi einbaut. Eine Planstelle im Mittelfeld schaufelte der Ausfall von İlkay Gündoğan frei. Der Regisseur von Manchester City, in der Premier League einer der torgefährlichsten Spielgestalter mit der Fähigkeit, jede Defensivreihe präzise mit klugen Pässen zu zerlegen, findet im DFB-Team offensiv überhaupt nicht statt. Dazu plagte er sich in der Vorbereitung mit einer Schädelprellung, die nur eingeschränktes Training zuließ. Löw belässt es beim 3-4-3, Goretzka ist der neue Mann in der Mitte.

Bekommt Werner seine Chance?

Spannend war die Frage nach der Besetzung der offensiven Dreierreihe. Der wegen einer Kapselverletzung angeschlagene Thomas Müller, dessen Einwechslung gegen Ungarn das Symptom allerhöchster Not war, meldete sich wieder uneingeschränkt spielfähig und wird für den unerklärlich enttäuschenden Leroy Sané in die Startelf zurückkehren. Gesetzt bleibt Kai Havertz, mit zwei eigenen Treffern und einem erzwungenen Eigentor Deutschlands erfolgreichster Torschütze. Es ist eines der großen Mysterien des anarchischen Ungarn-Spiels, warum Löw seinen Torschützen zum 1:1 unmittelbar nach seinem Treffer vom Platz nahm.

Das Löwsche Mantra "Serge Gnabry spielt immer" ist dagegen seinen Zauber, seine Kraft los. Zu ineffektiv präsentiert sich der Münchner ganz vorne in der Spitze. Immer bemüht, ja, aber immer bemüht lässt im Zeugnis eben auch stets nicht so Berauschendes befürchten. Entgegen seinem Hang zur personellen Kontinuität im Sturm probiert Löw gegen England noch einmal etwas Neues.

Timo Werner, in London heimisch und trotz seiner lange unerklärlichen Abschlussschwäche von den Fans seines FC Chelsea hochrespektiert, kam bei dieser EM bisher noch nicht entscheidend zum Zuge. Gegen Ungarn durfte er immerhin Teil der offensiven Überladung sein, die letztendlich zum 2:2 führte. Mit seiner explosiven Schnelligkeit und Wucht könnte er eine Option sein, die die seriöse englische Abwehr, die bisher noch kein Gegentor zuließ, in Bewegung und dann in Verlegenheit bringen könnte. Nun darf Werner in seiner neuen Heimat tatsächlich von Beginn an ran.

Und dann fehlt noch der Plan

Unabhängig von Personalien wird es spannend, mit welchem offensiven Plan Joachim Löw seine Mannschaft in sein vielleicht letztes Spiel als Bundestrainer schickt: Gegen Frankreich, das gestern in einem begeisternden Spiel drei recht simple Tore gegen mutige Schweizer fing und ausschied, berauschte man sich an einer Scheindominanz, die in 90 Minuten zu lediglich einer ordentlichen Torchance führte. Gegen Portugal fand Löw das richtige Mittel, für das sein Gegenüber Fernando Santos ein ganzes Spiel lang keine Antwort fand. Und die biederen Ungarn schafften es, die Tage zuvor noch brillant funktionierende Flügelzange unbrauchbar zu machen und das deutsche Spiel völlig erlahmen zu lassen. Am Ende ging es vor allem um Wucht, Intuition und eine Portion Glück, dass das Desaster noch abgewendet werden konnte. Der brillante taktische Einfall war es nicht.

Klar ist: Joachim Löw steht für dominanten Ballbesitz, dafür hat er seinen Taktgeber Toni Kroos, der für diese Idee steht. Der Bundestrainer kann nicht anders und er will es nicht anders. Gegen die Franzosen führte das Konzept zu fantastischen Ballbesitzwerten und dazu, dass man sich einlullen ließ von den Franzosen, die jederzeit Herr der Lage waren. Auch England wird dem DFB-Team viel den Ball überlassen, um dann schnell zu kontern und vor allem die deutschen Innenverteidiger mit ihren schnellen, dribbelstarken Leuten und den schmerzhaften Steilpässen des spielenden Mittelstürmers Harry Kane nerven wollen.

Es sei "natürlich die Wunschvorstellung, dass man in jedem Spiel überlegen agiert und den Gegner total dominiert, aber so funktioniert das heute nicht mehr", warnte Angreifer Müller und mahnte erstmal defensive Stabilität an. "Was es gegen Ungarn schlecht hat aussehen lassen, das waren die Gegentore. Das wird gegen England auch das Entscheidende sein: Dass wir kein Tor kassieren", sagt er. "Was auffällig ist, dass wir bei Gegentoren selten in Unterzahl sind, sondern genügend Spieler hinter dem Ball hatten." Zuletzt sei es "zu selten gelungen, die Null zu halten", kritisierte er, "wir müssen die Offensive der Engländer so gut wie möglich im Zaum halten. Vielleicht haben wir dann auch nur ein, zwei Torchancen, das kann so sein, die müssen wir dann nutzen - oder wir gehen mit 0:0 in die Verlängerung. Es ist auch möglich, ein Spiel knapp zu gewinnen, das ist keine Schande." Notfalls kann man dieses Spiel auch im Elfmeterschießen gewinnen, ja.

Müller sagte dann aber noch vor dem Abflug in Herzogenaurach, er habe "das Gefühl, dass es mich früher zum Ball hinzieht", als beim FC Bayern. Eine "eher einleitende, initiierende Funktion" habe er. Müller sprach von einem Gefühl, nicht von einer Aufgabe. "Ich sehe uns absolut in der Lage, England zu schlagen - auch wenn die gut sind", erzählt Müller jüngst bei MagentaTV weiter. "Wir haben schon Selbstvertrauen. Wir spüren, dass wir absolute Lust darauf haben, so eine Leistung wie gegen Portugal nochmal rauszuhauen." Wie und mit wem? Es gibt viele Fragen. Warum Peter Maffay die deutsche Mannschaft auf dem Weg zum EM-Erfolg begleiten musste, ist derzeit die uninteressanteste.

Quelle: ntv.de

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