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"Der Ostdeutsche mag das Drama" 1. FC Magdeburg - der Riese ist wach

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In den vier Heimspielen, die der FCM allesamt gewann, kamen in Schnitt knapp 20.000 Fans.

(Foto: imago/Christian Schroedter)

Ist es nicht trostlos, sich nur mit der Vergangenheit zu beschäftigen? Die "ostdeutschen Ballzauberer" vom 1. FC Magdeburg haben damit kein Problem - und nehmen die Tradition mit in die 3. Liga. Mit aller Wucht und Herzblut.

Nach dem Spiel hasten sie an Heinz Krügel vorbei, ein Blick, schnell zur Straßenbahn. Einige berühren seine Füße, klopfen ihm ans Schienbein. Ein Mann, Mitte Vierzig, blau-weißer Schal, bleibt stehen. Er nimmt Heinz Krügels rechte Hand und sagt: "Das haben wir doch gut gemacht, oder?" Und Heinz Krügel? Steht da auf dem Platz, der so heißt wie er, und lächelt versonnen den Europapokal der Pokalsieger an, den er in seiner Linken hält. Und ja, es würde ihm gefallen, was gerade mit dem FCM geschieht.

Es sagt viel aus über diesen Verein, dass die Bronzestatue des Meistertrainers, der 2008 starb, seit gut einem Jahr vor dem Stadion des 1. FC Magdeburg im Stadtteil Cracau steht. Die Fans hatten mehr als 28.000 Euro gesammelt, um den Mann zu ehren, der am 8. Mai 1974 mit seiner Mannschaft im Endspiel in Rotterdam gegen den AC Mailand den Europacup gewann - als einziger Klub der DDR. "Ostdeutsche Ballzauberer knacken den Mailänder Catenaccio", lautete eine Schlagzeile. Darauf sind sie immer noch stolz, auch auf die drei Meistertitel und die sieben Pokalsiege. Damals war der FCM noch wer. Und heute? Spielt der Verein in der dritten Liga, die als die Bundesliga des Ostens gilt, weil sich dort acht Klubs aus der DDR-Oberliga versammeln. Das klingt trostlos, ist es aber nicht, nicht für die Magdeburger.

20.000 Fans - nicht Zuschauer

Im Gegenteil: Sie sind begeistert. Und immer noch Europapokalsieger. Seit der Wende, seit 25 Jahren haben sie bei den Amateuren gespielt, bevor sie im Sommer in der Relegation gegen Kickers Offenbach den Aufstieg aus der Regionalliga Nordost schafften. Statt Budissa Bautzen, Germania Halberstadt und Wacker Nordhausen heißen die Gegner nun Hallescher FC, Dynamo Dresden und FC Hansa Rostock - Vereine aus dem Osten, die dort immer noch als Marke gelten, weil auch sie einst international spielten. Aber auch zum 3:0 gegen den VfL Osnabrück kamen mehr als 15.000 Zuschauer in die 2006 eingeweihte Betonschale im Osten der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts - an diesem Dienstag um 18.30 Uhr. Auch das zeigt, wie sehr sie in Magdeburg an ihrem Verein hängen.

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Das sind sie in Magdeburg in der Tat.

(Foto: imago/Karina Hessland)

In den vier Heimspielen, die der FCM allesamt gewann, kamen in Schnitt knapp 20.000 Fans. Und Fan heißt in Magdeburg wirklich Fan, und nicht Zuschauer. Da können nur noch die SG Dynamo Dresden mit knapp 28.000 und der FC Hansa Rostock mit gut 15.000 Besuchern pro Partie mithalten. Ligaweit liegt der Wert bei 7350. Die SG Sonnenhof Großaspach kommt im Schnitt, hier zählt jeder Einzelne, auf 2457 Zuschauer. Aber die Württemberger haben ja auch keinen Heinz Krügel und noch nie den Europapokal gewonnen. Magdeburgs Trainer Jens Härtel sagte nach dem 3:0 gegen Osnabrück, das den Klub auf Platz fünf in der Tabelle klettern ließ: "Die Fans haben fürchterlich Alarm gemacht." Sie hätten der Mannschaft "die Kraft gegeben, um das zu mobilisieren, was notwendig ist, um in dieser Liga Punkte zu holen". Wer einmal ein Heimspiel des FCM gesehen hat, der ahnt, dass das kein Spruch ist. Alle stehen, alle singen, alle schreien, alle feiern - und nicht nur die Ultras im Block U hinter dem Tor auf der Nordtribüne. Und das mit einer Wucht, die über 90 Minuten beeindruckt: "Auf geht's Magdeburger Jungs." So laut, so brachial kann Tradition sein. Zu sagen, für die dritte Liga sei das ganz gut, würde der Sache nicht gerecht. Die Einschränkung passt nicht, das klingt nach: "Für eine Frau kannst du gut einparken." Es ist ja so: Diese Fans würden wohl auch Europapokal können.

So laut kann Tradition sein

Am Dienstag fand übrigens, eine halbe Stunde nach dem Abpfiff in Magdeburg, im 75 Kilometer entfernten Wolfsburger Stadion ein Spiel der Champions League statt - vor 20.000 Zuschauern. In Magdeburg war das inzwischen abgerissene Ernst-Grube-Stadion an den Europapokalabenden mit seinen 30.000 Plätzen meist voll. Und obwohl das vier Jahrzehnte her ist, "weiß hier jedes Kind, was 1974 los war. Das ist präsent, auch heute noch", wie Jens Janeck sagt. Mit Stefan Roggenthin arbeitet er für das Fanprojekt Magdeburg - unabhängig vom Verein, aber eng mit ihm zusammen. Die beiden Sozialpädagogen erleben, wie die Anhänger die Tradition pflegen, sich bewusst mit der Historie des Klubs beschäftigen. "Deshalb wissen die Leute, egal wie alt sie sind, schon sehr genau, was passiert ist." Ein Stück der Vergangenheit spiele mit. "Der FCM ist der berühmte schlafende Riese, der wach wird und sofort Wirkung zeigt." Noch immer habe der Verein eine enorme Ausstrahlungskraft.

"Auch, weil er volksnah ist, wenn auch aus der Not heraus geboren. Man trifft die Spieler bei Fanabenden und, so ist das in der Regionalliga, auch mal abends in der Stadt. Das ist anders als bei den Stars aus der Bundesliga." Abgesehen davon, sei es nicht so gewesen, dass in den vergangenen 25 Jahren gar nichts passiert sei. Im Jahr 2000 haben sie mal den FC Bayern in der zweiten Runde des DFB-Pokals besiegt, 2002 war der Klub insolvent und stieg in die Oberliga ab und 2007 dann fast in die zweite Liga auf. Janeck kommentiert das so: "Manchmal ist es so, dass man sein behindertes Kind mehr liebt als das gesunde, so etwas hat das schon. Und der Ostdeutsche mag auch seine dramatischen Momente. Es muss nicht immer der ganz große Platz an der Sonne sein."

Natürlich ist in Magdeburg nicht alles anders, und auch nicht alles besser als anderswo. Auch sie haben den Stadionnamen verkauft, an ein lokales Telekommunikationsunternehmen. Die Fans haben ihren Frieden damit gemacht, sie wissen, dass Profifußball Geld kostet. Und ganz abgesehen davon, dass der Name sich kaum flüssig aussprechen lässt, kann niemand sie zwingen, es "MDCC-Arena" zu nennen. Auf der Gegengeraden haben sie deshalb ein Banner aufgehängt: Dort steht Weiß auf Blau, was ihnen wichtig ist: "Heinz-Krügel-Stadion".

Quelle: n-tv.de

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