55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 10/11 Christoph Daum wird zum 25-Stunden-Trainer

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"Die Familie steht jetzt erst einmal hinten an. Ich habe zu Hause Bilder von mir aufgestellt. Die kann meine Frau angucken, solange ich nicht da bin", sagt Christoph Daum - volle Konzentration auf die Eintracht.

(Foto: imago sportfotodienst)

Eine turbulente Saison - vor allem für Eintracht Frankfurt. Zur Halbserie schaut man begeistert nach oben und am Ende steigt man völlig ernüchtert ab. Und zwischendurch wird auch noch Christoph Daum als vermeintlicher Retter verpflichtet!

Für S04-Coach Felix Magath laufen die Geschäfte auf Schalke in dieser Saison schnell aus dem Ruder. Das Ansehen und das Vertrauen in den zuvor so mächtigen Herrscher leiden unter dem Misserfolg seiner Mannschaft. Kurzzeitig gerät Königsblau sogar in echte Abstiegsgefahr. Zu viel für die Schalker Führung. Mitte März trennt man sich. In letzter Minute kann eine Schlammschlacht zwischen den im Streit auseinandergehenden Parteien verhindert werden. Vor allem auch deshalb, weil Magath nur zwei Tage nach seinem Rauswurf auf Schalke wieder bei seinem alten Arbeitgeber, dem VfL Wolfsburg, anfängt. Dort erlaubt sich ein Tontechniker beim Mikrofoncheck auf der ersten Pressekonferenz mit Neu-Trainer Magath einen Scherz, als er vor versammelter Medienschar in die akustischen Verstärker haucht: "Eins, zwo, drei, eins, zwo, drei, Medizinball!"

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Auch in Hamburg gibt es Stress. Weltstar Ruud van Nistelrooy möchte im Januar unbedingt den HSV verlassen und zu Real Madrid wechseln. Doch die Führung verbietet dem Niederländer diesen Transfer. Als van Nistelrooy sich daraufhin beim Vorstandschef Bernd Hoffmann persönlich beschweren will, muss ihn die Empfangsdame leider zurückweisen. Ihr Chef sei nicht da, sagt sie, aber er könne natürlich gerne mit dem neuen Sportchef reden: Bastian Reinhardt, dem ehemaligen Mannschaftskollegen von van Nistelrooy. Der Niederländer reagiert sauer und eindeutig: "Ich will nicht 'Pipo de Clown'. Ich will den Boss sprechen!"

In Frankfurt entlässt die Eintracht ihren Trainer Michael Skibbe. In der Rückrunde läuft nicht mehr viel zusammen. Dabei hatte Eintracht-Geschäftsführer Heribert Bruchhagen in der Winterpause noch getönt: "Wir sind Siebter, und es wäre dumm, wenn wir nicht versuchen würden, Fünfter zu werden. Absteigen können wir nicht mehr. Wir müssen die Gunst der Stunde nutzen." Eine glatte Fehleinschätzung der Lage. Aber auch Coach Skibbe gibt im Abwärtsstrudel keine besonders glückliche Figur ab. Nach Frankfurts 0:0 gegen Kaiserslautern sagt er: "Ich bin nicht ratlos. Ich bitte zu entschuldigen, wenn ich so wirken sollte."

"... dann hat die Frankfurt die Nase vorn"

In seiner Not verpflichtet Heribert Bruchhagen entgegen dem Rat vieler Kollegen Christoph Daum. Besonders Uli Hoeneß ist erstaunt und erschrocken über Bruchhagens Aktion: "Da muss irgendwie ein Pulver im Kaffee der Bundesliga gewesen sein, allgemein. Und er hat vielleicht auch etwas da drin gehabt." Bei den Fans wirkt die Verpflichtung Daums eher humoristisch: "Wenn der Daum seine Linie durchzieht, hat Frankfurt im Abstiegskampf die Nase vorn." Medial profitiert die Eintracht jedoch von Daums Engagement.

Bereits die erste Pressekonferenz gerät zu einem öffentlichen Großereignis. Über 50 Fotografen, zehn Kamerateams und zirka 100 Journalisten notieren die Sätze Daums wie diese: "Es geht jetzt 25 Stunden am Tag um die Eintracht", "Die Familie steht jetzt erst einmal hinten an. Ich habe zu Hause Bilder von mir aufgestellt. Die kann meine Frau angucken, solange ich nicht da bin" und "Der Kopf spielt im Fußball eine wichtige Rolle. Wenn er funktioniert, ist der Kopf wie ein drittes Bein". Nach dem Abstieg sagt Christoph Daum noch einen interessanten letzten Satz: "Ich bin in der Zeit etwas gescheiter geworden, aber nicht gescheitert."

Das Fanlied der Saison stammt von den Anhängern des SC Freiburg. Sie dichten für ihren ambitionierten Ex-Spieler den Song "Idrissou spielt Champions League auf PS3, die ganze Nacht, von zwölf bis acht". Der Kameruner war zu Borussia Mönchengladbach gewechselt, um international zu spielen. Sein neuer Verein rettet sich allerdings erst in der Relegation gegen den VfL Bochum. Meister wird Borussia Dortmund. Die Mannschaft spielt einen hervorragenden Fußball, mit einem sehr jungen Team (Klopp: "Bei unserem letzten Sieg in München wurden die meisten meiner Spieler noch gestillt"), und hält sehr lange die Füße still: "Wir haben uns darauf verständigt, das M-Wort nicht zu benutzen. Aber wir wollen die Tabellenführung mit in die Sommerpause nehmen" (BVB-Stadionsprecher Norbert Dickel). Beim Titelgewinn sagt Trainer Jürgen Klopp: "Wenn du das Glück an dem Tag eingesammelt und es in die Welt rausgeschossen hättest, dann hätte noch ganz China gegrinst." Das Schlusswort gehört jedoch einem anderen Dortmunder, Keeper Roman Weidenfeller: "We have a grandios Saison gespielt!"

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Quelle: n-tv.de

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