55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 01/02 Die letzte Grätsche des Fußballgotts

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Die Fans von Bayer Leverkusen sind zuversichtlich was die Titelaussichten ihres Trainers Klaus Toppmüller und der Werkself angeht.

Dreimal Meister, Pokalsieger, Champions-League-Gewinner, Weltpokal-Sieger - die Bayern haben sich totgesiegt. Jetzt sind andere dran. Ein Fall für Vizekusen? Nein. Eine Legende nimmt zum Schluss seiner Karriere die Meisterschale in Empfang.

Die Bayern wedeln mit ihrem Scheckheft die Bundesliga ordentlich durcheinander. Erst zahlen sie an den Freiburger Sebastian Kehl ein "Darlehen" in Höhe von 1,5 Millionen Deutsche Mark, weil er zusagt, demnächst zu den Münchnern wechseln zu wollen, und dann stellen sie dem Herthaner Sebastian Deisler einen Scheck über 20 Millionen Mark aus. Die Sache kommt heraus, weil ein Bankangestellter den Fall öffentlich macht. Deisler zahlt die volle Summe an die Bayern zurück, als das Finanzamt erste Forderungen erhebt. Bei Kehl stellt sich der Sachverhalt komplizierter da, weil er schließlich doch einen anderen Arbeitgeber wählt und zu Borussia Dortmund wechselt.

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Die haben durch den Börsengang offensichtlich noch mehr Geld zu verteilen als die Münchner. Bereits in der Winterpause der Vorsaison hat man 29 Millionen Mark in Tomas Rosicky investiert, nun legt man weitere 21 Millionen für Jan Koller und über 50 Millionen für Marcio Amoroso auf den Tisch. Und es läuft gut an für den BVB. Amoroso schwärmt: "Wenn ein Tomas Rosicky in deiner Mannschaft steht, hast du als Stürmer einen Vertrag zum Toreschießen!"

"Man kann sich ja auch totsiegen"

Neben dem BVB spielt auch Leverkusen eine sehr gute Runde. Bayer-Trainer Klaus Toppmöller wähnt im Erfolg sogar die Anhänger eines Rivalen im Titelkampf auf seiner Seite: "Ich komm ja viel rum, da gibt es sogar viele Bayern-Fans, die uns die Daumen drücken. Man kann sich ja auch totsiegen. Bayern war jetzt dreimal Meister, Pokalsieger, Champions-League-Gewinner, Weltpokal-Sieger. Wenn du die Spieler 100-mal im Fernsehen gesehen hast, kannst du die Gesichter nicht mehr sehen."

Und lange Zeit sieht es für Bayer Leverkusen richtig gut aus im Meisterschaftsrennen. Noch nach dem 31. Spieltag hat die Mannschaft von Klaus Toppmöller fünf Punkte Vorsprung auf Borussia Dortmund. Doch dann bricht Bayer ein. Am 32. Spieltag unterliegt man zu Hause 1:2 gegen Werder Bremen, während der BVB durch ein Tor von Amoroso in der 89. Minute 2:1 gegen den 1. FC Köln gewinnt. Die Sticheleien aus Dortmund werden lauter und intensiver. "Am Ende gewinnt immer der Jäger", heißt es von Seiten des BVB, doch Toppmöller wischt solche Phrasen lächelnd beiseite: "An diese Kindergarten-Psychologie glaube ich nicht." Muss er aber schließlich doch. Am 33. Spieltag verlieren die Leverkusener mit 1:0 in Nürnberg, während der BVB 4:3 in Hamburg siegt.

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Jürgen Kohler zu Tränen gerührt.

Zwar mit der Unterstützung des Schiedsrichters, wie HSV-Manager Beiersdorfer meint ("Da fällt ein 2,02-Meter-Mann, als habe er Luftballons im Bauch. Und Fandel fällt darauf rein"), aber am Ende ist das natürlich egal. Der BVB hat die Tabellenführung übernommen und will sie nun selbstverständlich nicht mehr hergeben. Doch dafür müssen die Dortmunder im letzten Saisonspiel Werder Bremen schlagen. Lange Zeit sieht es in dieser Partie nach der Bremer Führung durch Stalteri und trotz Kollers Ausgleich noch vor der Pause nicht gut aus. Doch als in der 74. Minute Ewerthon die Führung schießt, ist das Spiel gelaufen. Der BVB wird nach einer packenden Aufholjagd Deutscher Meister.

Bayer wird endgültig zu Vizekusen

Und in Leverkusen ist man niedergeschlagen. Weil das Team innerhalb von elf Tagen nicht nur den Meistertitel verspielt, sondern auch das Champions-League-Endspiel gegen Real Madrid (1:2) und das Pokalfinale gegen Schalke (2:4) verliert, ist Bayer nun endgültig zu Vizekusen geworden. In der Bundesliga hat der Verein viermal in den letzten sechs Jahren den zweiten Platz in der Endabrechnung belegt. Ulf Kirsten, der schon ein Jahr zuvor in Unterhaching voller Pathos in der Stimme gefragt hatte: "Was habe ich verbrochen, dass ich nie Deutscher Meister werde?", ist völlig aufgelöst.

Ein denkwürdiges Datum in der Fußball-Bundesliga ist der 22. September. An diesem Tag steht in der Startformation von Energie Cottbus erstmals in der Liga-Geschichte kein einziger deutscher Spieler. Die Partie gewinnt der Gast aus München locker-leicht mit 3:0. Als die Begegnung abgepfiffen wird, spielen an diesem Tag bei den Bayern übrigens ebenfalls neun Ausländer. Nur Torhüter Oliver Kahn und Michael Tarnat sind gebürtige Deutsche.

Kuriose Randnotiz dieser Spielzeit: In Stuttgart gibt am Anfang der Saison Trainer Felix Magath ein ganz besonderes Versprechen ab: "Der VfB ist meine letzte Station als Bundesliga-Trainer." Hätte er sich mal lieber am alten Philosophen Paul Gascoigne orientiert: "Ich mache nie Voraussagen und werde das auch niemals tun."

Und zum Schluss ein trauriger Abschied: Jürgen Kohler hängt die Schuhe an den berühmten Nagel. Der "Fußballgott" geht nach 398 Bundesligaspielen, und der "Kicker" titelt ihm zu Ehren voller Pathos: "Die letzte Grätsche!" Zum Schluss verrät Jürgen Kohler noch ein Geheimnis über sein Verhältnis zu Udo Lattek: "Ich bin Halbwaise und hätte mir einen wie ihn als Vater gewünscht."

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Quelle: n-tv.de

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