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Dr. Müller-Wohlfahrt (l.) lernt in der Saison 1977/78 Erstaunliches von Bayern-Coach Lorant (r.)
Dr. Müller-Wohlfahrt (l.) lernt in der Saison 1977/78 Erstaunliches von Bayern-Coach Lorant (r.)
Samstag, 28. Oktober 2017

Redelings über die Saison 77/78: Hau den Meniskus mit der Eckfahne rein!

Von Ben Redelings

Dass man mit einer Eckfahne einen Meniskusschaden erfolgreich behandeln kann, erfährt Bayern-Arzt Dr. Müller-Wohlfahrt von seinem Trainer. Nur ein paar Tage vorher war der noch Coach der Frankfurter Eintracht. Wie das geht, erzählt unser Kolumnist!

Eintracht Frankfurt nimmt vor der Saison den Mund richtig voll. Gyula Lorant nach dem ersten Training: "Seit heute Vormittag haben wir nur noch ein Ziel: Meister zu werden. Für die Meisterschaft werden wir trainieren und arbeiten und wenn es sein muss, auch Blut schwitzen!" Am Ende wird Frankfurt Siebter, doch Lorant ist da schon lange nicht mehr bei der Eintracht. Ende November kommt es zu einem spektakulären Trainertausch in der Bundesliga. Dettmar Cramer geht vom FC Bayern nach Frankfurt und Gyula Lorant wechselt von der Eintracht nach München. Und das ausgerechnet zwei Tage nach dem direkten Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften im Waldstadion.

Artig schreit Cramer noch an diesem Tag wild gestikulierend auf Zuruf von Fotografen seinem Spieler Hoeneß etwas zu: "Geh, Uli, geh los, ab geht die Post." Doch angesichts des aussichtslosen Spielstands von 0:4 sackt der Coach danach in sich zusammen und schickt leise einen seiner legendären Lieblingssätze hinterher: "Aus einem traurigen Hintern kommt eben kein fröhlicher Furz mehr." Cramer wird entlassen, noch bevor der Deal mit Frankfurt ins Laufen kommt.

Cramers Ruf in der Branche ist alles andere als gut. Lästermaul Max Merkel fasst zusammen, was die meisten denken, aber nicht laut sagen: "In der Theorie ist Cramer Weltmeister. Der Dettmar füllt zwar kiloweise Papier mit Strichen, wie die Spieler zu laufen und Bälle abzuspielen haben, trotzdem zählte der Präsident neulich 43 Abspielfehler in Frankfurt." Der Vorsitzende der Bayern, Wilhelm Neudecker, lässt tatsächlich kein gutes Haar an seinem ehemaligen Trainer. Er findet ihn den Spielern gegenüber zu weich: "Cramer trainiert nur ihre Hinterköpfe. Am Ende haben alle Abitur, aber der FC Bayern zu wenig Punkte."

Der Trainer entscheidet, wann der Gips abkommt

Die Krise beim FC Bayern hält sich allerdings auch nach dem Trainertausch hartnäckig. Und ein Mann hat echte Probleme mit dem neuen Coach. Vereinsarzt Dr. Müller-Wohlfahrt plaudert aus dem Nähkästchen: "In der Bundesliga gibt es Vereine, bei denen der Trainer und nicht der Arzt entscheidet, wann ein verletzter Spieler den Gips abgenommen bekommt." Der Bayern-Doktor kehrt damit unmittelbar vor der eigenen Haustüre – ohne den Namen Lorant direkt auszusprechen. Jahre später wird Dr. Müller-Wohlfarth direkter: "Wegen Gyula Lorant hätte ich beinahe aufgehört. Er hat mir mal erklärt, dass man einen herausgesprungenen Meniskus am besten mit der Eckfahne wieder reinhaut."

Meister wird nach einem furiosen Finale der 1. FC Köln, der in dieser Saison eine echte Geheimwaffe hat: die Ecken! Mit viel Effet schießen Flohe (von rechts) und Neumann (von links) den Ball vor das Tor. Dort gibt ihm ein Mitspieler eine andere Richtung – was zur Verwirrung des Gegners führt. Und diesen Moment der Irritation nutzen die Stürmer, vornehmlich Dieter Müller, zum Abschluss. Am 17. August 1977 stellt er sogar einen neuen Tor-Rekord für die Ewigkeit auf. Beim 7:2 gegen Bremen erzielt der FC-Stürmer sechs Tore. Der Mann beim FC hinter dieser ausgeklügelten Eckballvariante: Trainer Hennes Weisweiler.

"Alles-klar-kriegen-wir-hin!"-Legende

Um den letzten Spieltag, als Mönchengladbach Borussia Dortmund in Düsseldorf mit 12:0 abschießt und der 1. FC Köln einen 5:0-Kantersieg in Hamburg gegen St. Pauli holt, ranken sich viele Legenden. Die eine besagt, dass die Paulianer in der Halbzeit der Partie, beim Stand von 0:1, die FC-Spieler fragen, wie viele Tore sie denn nun noch bräuchten, um sicher Deutscher Meister zu werden, und man sich schließlich per Handschlag beim Gang hinaus auf den Rasen einigt. "Alles klar", sollen die Paulianer gerufen haben, "kriegen wir hin!" Ob das wirklich so war, hat allerdings noch nie jemand bestätigt.

Kuriosum in Bremen: Manager Rudi Assauer übernimmt bei Werder das Traineramt. Und weil er keine DFB-Lizenz besitzt, wird ihm ein 74-Jähriger an die Seite gestellt. Assauer: "Dass Fred Schulz bei seinem Alter nicht mehr aktiv das Training leiten kann, ist selbstverständlich. Daher werde ich weiter mit der Mannschaft arbeiten, Herr Schulz ist aber stets dabei." Von der Trainerbank verabschiedet sich Schulz bereits nach dem ersten Spiel wieder und zieht hoch auf seinen gewohnten Platz: "Ich habe kaum etwas richtig gesehen. Welch einen prachtvollen Überblick hatte ich dagegen in der Loge."

Alle Artikel unserer wöchentlichen Serie "55 Jahre Bundesliga" finden Sie hier. Unser Kolumnist Ben Redelings ist mit seinen Bühnen-Programmen republikweit unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

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