Fußball

Die vielen Probleme des BVB Aubameyang weg, Krise bleibt

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Borussia Dortmund erlebt eine durchwachsene Saison. Wird es ohne Torjäger Aubameyang besser?

(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Pierre-Emerick Aubameyangs Abgang schwächt Borussia Dortmund sportlich, dennoch ist er richtig. Für die bisher enttäuschende Saison gibt es jedoch noch andere Gründe. Dem BVB fehlen die Typen, und nicht nur das.

141 Tore in 213 Spielen, das muss man erst einmal schaffen. In der Vereinsgeschichte des BVB haben nur zwei Spieler häufiger getroffen. Pierre-Emerick Aubameyang verlässt Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund und dennoch dürften viele Fans erleichtert sein. In den vergangenen Wochen war der Stürmer eine Belastung. In einer schwierigen Phase trug er durch seine Mätzchen zur Unruhe bei. Die Vereinsführung wirkte im Umgang damit überfordert. So wichtig der Afrikaner sportlich war, so sehr hat Borussia Dortmund seit diesem 31. Januar ein Problem weniger. Es ist jedoch nur eine von vielen Stellschrauben im lahmenden BVB-Motor. Die Gründe für die Krise liegen nämlich weit tiefer.

Zum Beispiel in der Personalpolitik. Als Ersatz für Aubameyang verpflichtete die Borussia Sergio Gomez und Michy Batshuayi, zwei Jungs im Alter von 17 und 24 Jahren. Zuletzt stieß bereits der 22-jährige Schweizer Manuel Akanji zum Kader. Der Verein hat ein gutes Händchen in dieser Altersklasse. Dortmund ist ein ideales Sprungbrett, der Verein wiederum profitiert sportlich und vor allem finanziell. Dennoch ist die Einkaufspolitik Teil des Problems. Das Schema "Talente verpflichten, ausbilden und mit viel Gewinn verkaufen" stellt den Klub zu oft vor Schwierigkeiten. So überragend die sportlichen Fähigkeiten von Aubameyang, Ousmane Dembélé und Henrikh Mkhitaryan - so charakter- und leidenschaftslos war ihr Abgang. Notfalls erzwungen mit unlauteren Methoden. Keine Spur von der wahren Liebe, die der BVB gern für sich in Anspruch nimmt. Der Klub muss bei der Auswahl seines Personals wählerischer sein.

Eine neue Transferpolitik muss also her. Der BVB im Jahr 2018 ist ein wild zusammengewürfelter Haufen. Der Verein braucht in der aktuellen Lage nicht den elften oder zwölften filigranen, aber ungeschliffenen Jungstar, sondern mehr Spieler im besten Fußballeralter zwischen 26 und 32. Typen, die Erfahrung mitbringen und die Jüngeren mal schütteln, die charakterlich einwandfrei sind und Bock haben, in Dortmund eine neue Ära zu begründen. Unter Erfolgstrainer Jürgen Klopp gab es ein ganzes Korsett solcher Schlüsselspieler: Mats Hummels, Roman Weidenfeller, Sebastian Kehl, Leonardo Dede, Sven Bender. Einige wuchsen erst in diese Rolle hinein. Heute fehlen dem BVB solche Typen. Abwehrchef Sokratis ist zwar für seine brachiale Spielweise bekannt, ist aber eher ein schweigsamer Typ, Marco Reus und Lukasz Piszczek sind viel zu oft verletzt, Nuri Sahin und Marcel Schmelzer haben nicht mal sichere Stammplätze und können deshalb keine Anführer sein. Spieler wie Mario Götze, Christian Pulisic, Julian Weigl und Maximilian Philipp sind wichtig für den Klub, sie brauchen aber dringend echte Führungsspieler neben und hinter sich.

Stöger geschwächt, Watzke nicht selbstkritisch

Es gibt noch mehr Ursachen für die Verunsicherung, die die Borussen mit sich über den Platz schleppen. Trainer Peter Stöger passt als Typ zwar besser nach Dortmund als seine Vorgänger Thomas Tuchel und Peter Bosz. Zumindest in der aktuellen Verfassung ist die Herausforderung BVB für ihn aber womöglich eine Nummer zu groß. Der Effekt, den sich die Vereinsführung von dem neuen Trainer erhofft hat, ist bereits nach wenigen Spielen verpufft. Das liegt auch an der Form seines Engagements, denn der Österreicher ist eine Übergangslösung. Die BVB-Spieler wussten von Anfang an, dass im Sommer ein anderer übernehmen wird, was Stögers Autorität schwächt. Warum auf ein System und eine Philosophie einlassen, wenn ich mich im Juli schon wieder umstellen muss - das wird sich mancher BVB-Profi fragen.

Verstärkt wird das schwarz-gelbe Dilemma von dem Grundgefühl, dass diese Spielzeit sowieso nicht mehr zu retten ist. Die Meisterschaft ist weg, dazu das enttäuschende frühzeitige Ausscheiden aus Champions League und DFB-Pokal. Auch die Titelchance in der Europa League kann nichts daran ändern, dass die Motivation für die verbleibende Spielzeit erheblich gehemmt ist. Ein Grund der BVB-Krise ist auch, dass Stöger Baustellen nicht angeht, die es schon unter seinen Vorgängern gab. Vor allem Torwart Roman Bürki oder Abwehrmann Ömer Toprak sind nur durchschnittliche Bundesligaspieler und erfüllen seit Monaten erkennbar nicht die Ansprüche, gehören aber dennoch zuverlässig zum Stammpersonal. Als Bürki im Herbst in zuverlässiger Regelmäßigkeit patzte, verlängerte der BVB sogar seinen Vertrag - statt einen Toptorwart zu suchen, der seine Vorderleute stabilisiert und nicht verunsichert.

Der BVB sollte schnell Klarheit schaffen, wer den Klub ab Sommer als Trainer in die Zukunft führt. Eine weitere B- oder Verlegenheitslösung kann sich die Vereinsführung nicht leisten, ein Verein mit den Dortmunder Ansprüchen kann sich damit nicht begnügen. Julian Nagelsmann von der TSG Hoffenheim wäre ein geeigneter Mann, aber auch Nico Kovac von Eintracht Frankfurt, der den Verein auf Platz vier der Bundesliga-Tabelle geführt hat. Der Neue auf der Dortmunder Bank braucht die Unterstützung von Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc, dazu zählt die Bereitschaft, Neues zu wagen und mit Gewohntem zu brechen.

Der Geschäftsführer und der Sportdirektor leisteten jahrelang wichtige Arbeit für den Klub und ermöglichten damit erst die Titel der Klopp-Ära. Mit der Entlassung von Thomas Tuchel ist ihnen das gute Händchen verloren gegangen. Dass sie im Sommer vergangenen Jahres zumindest sportlich völlig ohne Not einen erfolgreichen Trainer suspendierten, hat den Verein erst in die jetzige Situation geführt. Neben der auf einem Abstiegsplatz abgeschlossenen Hinrunde 2014 ist es wohl die schwierigste seit der Fast-Pleite vor mehr als zehn Jahren.

Vor allem Watzke aber geht mit der Situation im Allgemeinen und der Tuchel-Entlassung im Speziellen nicht besonders selbstkritisch und souverän um. Nach Aubameyangs Abschied muss die Vereinsführung sich nun an die übrigen Baustellen machen. Der BVB ist Sechster in der Bundesliga-Tabelle, in ein paar Wochen kann der Klub schnell noch ein paar Plätze weiter unten stehen. Gelingt in der Rückrunde nicht der Aufschwung, spielt der Verein in der kommenden Saison vielleicht nicht mal europäisch - spätestens dann dürfte sich der Blick in Dortmund nicht mehr nur auf Spieler und Trainerbank richten.

Quelle: ntv.de