Fußball

RB vor dem nächsten Schritt Bayern-Jäger bekämpfen noch den Leerlauf

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Julian Nagelsmann muss nicht, würde aber schon gerne ...

(Foto: imago images/Christian Schroedter)

Die Underdogs dominierte RB Leipzig in dieser Hinrunde, gegen die Topteams gelang wieder kein Sieg. Ein Titel kommt für RB noch zu früh, doch die Uhr tickt. Dafür muss der Leerlauf raus.

Wenn Emil Forsberg in Badelatschen und mit heruntergezogenen Stutzen von der Interviewzone zurück in die Kabine über den Rasen des Leipziger Stadions schlappt, hat er zuvor meist eine sehr gute Partie gemacht. So wie beim immens wichtigen 1:0 (0:0)-Mentalitäts- und Geduldssieg von RB Leipzig gegen den 1. FC Union Berlin am Mittwochabend. Beim Duell der beiden so ungleichen ostdeutschen Bundesligisten machte der zur zweiten Halbzeit eingewechselte Forsberg den Unterschied.

Auf dem Bierdeckel, wie die Fußballer sagen, hatte er mit dem Rücken zum Tor Doppelpass mit Dani Olmo gespielt, sich blitzschnell gedreht wie ein Diskuswerfer und den Ball aus etwa 14 Metern links ins Tor geschossen (70.). Eine Erlösung für den Tabellenzweiten aus Leipzig, der sich zuvor an der eisernen Köpenicker Defensive die Zähne ausgebissen hatte. "Sie spielen richtig geilen Fußball, mit viel Mut. Das war schwer für uns", zollte Forsberg den Gästen Respekt. "Wir wollten mit schnellen Kombinationen das Zentrum bespielen. Das war nicht einfach, aber wir haben mit Geduld, Willen und Leidenschaft gespielt und die Lücke gefunden."

Geniestreich gegen den tiefstehenden Gegner

In der Tat zog diese Partie zum Hinrundenabschluss eine passende Bilanz der Hinserien beider Klubs. Überraschungsklub Union verteidigte so aktiv, laufstark (über 126 Kilometer!) und griffig wie kaum ein anderes Team in dieser Saison gegen Leipzig. Die Leipziger hatten an die 75 Prozent Ballbesitz und lange Probleme dabei, gute Positionierungen und originelle Räume zu finden, und das Spieltempo hoch zu halten. Doch durch Forsbergs Geniestreich gelang es den Sachsen auch diesmal wieder, einen tiefstehenden Gegner zu knacken.

Außer gegen den 1. FC Köln ließ Leipzig dank des neuen spielerischen Levels mit mehr Konstanz, Kreativität und technischem Vermögen keine Punkte gegen die Underdogs liegen. Ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zur Vorsaison, als es nach dem Restart im Frühjahr reihenweise Unentschieden gegen Düsseldorf, Freiburg & Co. gegeben hatte. Nun dominierte RB die Hinrunde gegen die Teams ab Platz acht und ließ in diesen Spielen nur sechs Gegentreffer zu, acht Mal spielten die RB-Abwehr und Keeper Peter Gulacsi zu Null. Liga-Bestwert.

Doch Dominanz gegen den Mittelstand der Liga macht nur einen Teil der Spitzenteam-Ansprüche der Leipziger aus. Beim anderen Part, auch selbst gegen die Topmannschaften zu gewinnen, muss Rasenballsport zulegen. Beim Sieg am Mittwochabend gegen Union gelang Leipzig in dieser Hinrunde der einzige Dreier gegen ein Team aus dem ersten Tabellendrittel. "Das Spiel war für uns ein kleiner Reifeprozess", urteilte RB-Trainer Julian Nagelsmann deswegen.

"Könnten vier, fünf Punkte mehr haben"

Zwar hat sich Leipzig auch gegen Bayern München (3:3) oder Borussia Dortmund (1:3) entwickelt, trat in Phasen der Spiele forsch und spielerisch mindestens auf gleicher Augenhöhe auf und beherrschte den Gegner. Aber eben nur zum Teil. Wenn die Kontrahenten anfingen, RB selbst aggressiver und mutiger zu verteidigen, geriet die Nagelsmann-Elf allzu oft aus dem Takt. Ein Topspielphlegma, das Punkte und zuletzt gleich zwei Mal eine mögliche Tabellenführung kostete.

"Wir könnten vier, fünf Punkte mehr haben", sagte der ehrgeizige Nagelsmann und zählte vor allem die unnötigen Remis' gegen Köln und Wolfsburg auf. "Wir müssen im eigenen Ballbesitz noch stabiler werden, mehr fußballerische Qualität zeigen", hatte der 33-Jährige bereits nach der krachenden Pleite gegen Dortmund analysiert. RB brauche mehr "Resistenz gegen Druck, da haben wir Muster und Phasen, in denen wir zu statisch werden".

Genau diese inaktiven Momente im Spiel abzustellen, ist der nächste Entwicklungsschritt, der bei RB stets beschworen wird und zur Klub-DNA gehört. "Wir haben oft gute Phasen und dann wieder ein paar Leerläufe. Desto mehr richtig gute Phasen wir haben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen", sagte Kapitän Marcel Sabitzer trocken. Zu guten Phasen trüge ein Stürmer in Topform bei, da RB seit dem Weggang von Timo Werner und Patrik Schick ohne echten Torjäger auskommen muss. Doch die Zugänge haben bislang höchstens angedeutet, dass sie Leipzig zu mehr Torgefahr und besserer Chancenverwertung verhelfen können. Bei Alexander Sörloth scheint sich der Knoten in Kopf und Beinen langsam zu lösen. Der Norweger bot nach einem völlig verunsicherten ersten halben Jahr gegen Union seine beste Leistung.

"Keine Pistole auf der Brust"

Generell zog Nagelsmann - noch immer der mit Abstand jüngste Trainer der Liga - jedoch ein positives Fazit. Vor allem angesichts der hohen Belastung nach dem Champions-League-Halbfinalteilnahme mit kaum Sommer- und Winterpause und englischen Wochen am Fließband ohne viel Trainingszeit. "Wir sind zufrieden mit der Hinrunde und würden uns freuen, wenn wir in der Rückrunde genauso viele Punkte schaffen würden", sagte der Coach. Das wären dann 70 Zähler, drei mehr als in der bisher besten RB-Saison bei der Bundesliga-Premiere 2016/17. Um Bayern München zu gefährden, wird das aus den genannten Gründen (noch) nicht reichen.

"Wir versuchen, den Rückstand nach oben kleiner werden zu lassen und den Vorsprung nach unten auszubauen", sagte Nagelsmann zwar. Aber bitte ohne Titeldruck! "Wir haben nicht die Pflicht, Deutscher Meister zu werden, keiner im Klub hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt und gesagt: Du musst in diesem Jahr Meister werden", betonte er. Doch die Uhr tickt: Diverse Leistungsträger der Leipziger wie etwa Forsberg (29) sind gerade auf dem Zenit ihres Könnens. Längst ist die Hälfte der Stammelf um die 30 und somit im besten Titelalter.

Quelle: ntv.de