Fußball

"Es ist eine Riesenenttäuschung" Beim RB Leipzig nistet sich die Panik ein

Als großer Favorit reist RB Leipzig nach einem 1:0 im Hinspiel zu den Glasgow Rangers. Schnell ist der Vorsprung im Lärm des Ibrox verspielt. Die Schotten ziehen ins Finale gegen Eintracht Frankfurt ein. Die Bullen müssen nun im Saison-Endspurt ein Debakel verhindern.

RB Leipzig war nicht wiederzuerkennen. Hilflos waren sie nur Passagiere in einer Nacht, die sie doch als Protagonisten ins Finale der Europa League hätte führen sollen und die jedoch voller Schmerz endete. Das 1:3 bei den Glasgow Rangers beendete den Traum vom ersten Europapokalfinale der Klubgeschichte. Sie ließen sich von heißblütigen schottischen Fans im Ibrox Stadium einschüchtern und gaben ihren 1:0-Vorsprung aus dem Hinspiel innerhalb weniger Minuten leichtfertig aus der Hand.

Während die Rangers um ihren überragenden Abwehrmann Calvin Bassey aus jedem gewonnenen Zweikampf ihre Kraft zogen, verloren die Leipziger ihr Selbstvertrauen, ihr Selbstverständnis und zu oft auch den Ball. Trotz der am Ende 61 Prozent Ballbesitz, trotz mehr Abschlüssen und trotz eines spektakulären Treffers des Superstars Christopher Nkunku, um dessen Zukunft sich wilde Gerüchte ranken. Elf Abschlüsse zählte die offizielle Statistik am Ende, doch nur zwei davon auf das Tor des 40-jährigen Keepers Allan McGregor, der noch einen Profifußball ohne RB erlebt hatte und von den wild gewordenen Fans, den Teddy Bears, euphorisch gefeiert wurde.

Nur 1000 RB-Fans sehen die Niederlage

Die hatten den Tag ihres Lebens. Früh hatten James Tavernier (19.) und Glen Kamara (24.) aus dem 0:1 ein 2:1 in der Addition gemacht und eigentlich hätte es zur Halbzeit 3:0 stehen müssen. So aber blieb Leipzig die Hoffnung, die durch Nkunkus Ausgleich in der 71. Minute befeuert wurde und sogar die Zuschauer kurzzeitig hatte verstummen lassen. Aber John Lundstram ließ Ibrox erneut erschüttern. Neun Minuten waren noch zu spielen, da gelang es den Leipzigern nicht, einen langen Freistoß aus dem Halbfeld zu verteidigen. Keeper Peter Gulasci unterschätzte eine Hereingabe, die immer länger wurde, von einem Leipziger noch von der Linie gekratzt wurde. Dummerweise direkt vor die Füße von Lundstram. 3:1. Und all das Anrennen in der Schlussphase - vergeblich. Die Bullen, die von nur 1000 Fans unterstützt wurden, waren draußen.

Es war einfach alles zu viel für die Leipziger an diesem Abend, an dem in Glasgow Ibrox abgerissen wurde, wie man sagt. Bereits die in dieser Saison jedoch ohnehin selten glücklich agierenden Dortmunder hatte Ähnliches bereits im Februar erlebt und waren sang- und klanglos aus der Europa League ausgeschieden. Doch die Niederlage der Sachsen hatte eine ganz andere Fallhöhe.

Tedesco relativierte im Vorfeld

Für die im restlichen Deutschland nicht gerade beliebten Leipziger ging es bei den Rangers auch darum, sich zumindest für sportliche Dinge Respekt zu erspielen. Es wollte nicht gelingen. Das erste große Ziel des Saisonendspurts wurde verspielt. Der Start in die entscheidenden Wochen im Mai hätte katastrophaler nicht laufen können. Nach der Bundesliga-Niederlage bei den krisengeplagten Gladbachern am Montag folgte jetzt der zweite Nackenschlag innerhalb kürzester Zeit.

"Ich verstehe die Diskussionen nicht. Wir haben nichts zu verlieren, wenn man bedenkt, wo wir noch im Dezember standen. Wenn wir jetzt jedes Spiel verlieren, ist es eine super, super Saison gewesen", hatte Tedesco noch vor dem Auftritt in Glasgow in bester Guardiola-Manier gesagt. Der Katalane hatte zu seiner Zeit bei den Bayern gerne mit Superlativen die Stärke seiner Spieler relativiert und Tedesco stand ihm mit seinen Worten in nichts nach.

Angst in der Liga

Denn natürlich passen genau diese Niederlagen nicht zum Selbstverständnis der Leipziger. Sie schmücken sich so gerne mit ihrer noch so jungen Geschichte, aber lechzen wie kaum ein anderer Klub in Deutschland nach einer Trophäe, nach etwas Zählbarem. Um es dem Rest des Landes zu zeigen. Der schenkt ihnen selten Respekt. Doch mit einem Pokal in der Hand geht es nicht anders, hofft man in der Sachsen-Metropole.

Raus aus der Europa League und in der Bundesliga abhängig von den Resultaten Leverkusens und Freiburg. Beide Klubs haben ihnen den Rang abgelaufen, auf Platz fünf liegend ist die Champions League in der kommenden Saison noch lange nicht garantiert. Zwar werden sie von den Analysten des Statistikanbieters "Goalimpact" am Ende der Saison weiterhin auf Platz vier gesehen, ganz knapp vor den Freiburgern, doch derartige Prognosen sind nichts wert, wenn sie nicht eintreffen.

Mintzlaff enttäuscht

Und so sprach der nach Spielen immer nah am Wasser gebaute RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff auf RTL+ von einer "riesigen Enttäuschung", die sich schon in den Spielen nach dem gefeierten Einzug in das DFB-Pokalfinale durch ein 2:1 über Union Berlin abgezeichnet hatte. "Das war zu wenig. Für ein Halbfinale hat das nicht ausgereicht", sagte er: "Wir müssen festhalten, dass unsere Leistung nicht ausreichend war. Wir haben uns mehr erwartet. Wenn du das nicht auf den Rasen bringst, kannst du kein Halbfinale gewinnen. Es ist eine Riesenenttäuschung"

"Wir waren schon in den letzten beiden Bundesliga-Spielen im gewissen Negativtrend und konnten dort nicht die Performance abliefern, die wir in diesem Final-Endspurt erwartet haben", sagte Mintzlaff. Diesen Negativtrend müssen die Leipziger nun stoppen. Die Serie von 15 ungeschlagenen Pflichtspielen in Serie riss im ersten Spiel nach dem Einzug ins Pokalfinale, die Double-Träume zerplatzten im Lärm des Ibrox, in der Liga droht ein enttäuschender Europa-League-Platz und im Pokalfinale spielen sie nicht nur gegen den SC Freiburg, sondern gegen ein ganzes Land.

Leipzig muss ein Debakel verhindern

Vom radikalen Stimmungswandel im Klub ist nichts mehr zu spüren. Dabei hatte es seit der Amtsübernahme von Tedesco sehr gut ausgesehen. Der ehemalige Schalker hatte aus der auf Rang elf abgestürzten Mannschaft nicht nur einen Kandidaten für die Champions League geformt, sondern eben auch eine Maschine in den Pokalwettbewerben.

Dabei hatte der 36-Jährige auf einen Mix aus individueller Klasse, der brillant besetzten Offensivreihe um Nkunku und Dani Olmo gesetzt und Fußball als das Fehlerspiel begriffen, was es eben auch ist. Gnadenlos effizient hatten sie die Schwachstellen der Gegner analysiert, sie ausgenutzt und sich von der Form tragen lassen. Vorbei. Das Momentum? Abhandengekommen. Ausgerechnet gegen Union Berlin. Nicht im Pokal, aber im Liga-Spiel danach. Die Niederlage in der Nachspiel setzt den Bullen zu.

Im Heimspiel gegen den FC Augsburg gilt es nun am Sonntag das Debakel zu verhindern. Eine Niederlage wäre beinahe gleichbedeutend mit dem Ende aller Hoffnungen auf einen Einzug in die Champions League. Dann bliebe nur noch das Pokalfinale gegen Freiburg und ein fetter Negativlauf. Der Endspurt könnte unter besseren Vorzeichen stehen. Sogar ein Sieg im DFB-Pokal würde über das Verpassen der Königsklasse nicht hinwegtrösten. "Wir haben in den letzten Spielen die Stabilität verloren und die gilt es, ganz, ganz schnell wieder zurückzugewinnen", warnte Tedesco.

Quelle: ntv.de, sue

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