Fußball

Die Krise hat erst begonnen Blatter hinterlässt eine todkranke Fifa

Der Pate tritt ab. Sepp Blatter macht Platz für einen Neuanfang bei der Fifa. Doch bei allem Jubel über den überfälligen Schritt: Sein Vermächtnis lastet schwer auf dem Weltfußball - und könnte die Fifa zerstören.

Alle Zeichen des Triumphes sind Joseph S. Blatter aus dem Gesicht gewichen, als er um 18.45 Uhr vor die Presse tritt. Mit heruntergezogenen Mundwinkeln blickt er auf die wenigen Journalisten, die so kurzfristig in das Fifa-Hauptquartier in Zürich kommen konnten.

Blatter spricht Französisch, wie immer, wenn er sich nicht wohl fühlt. Vom Manuskript liest er die Sätze ab, die seine Kritiker sich so viel früher gewünscht und nun nicht mehr erwartet hatten:"J’ai decidé de me représenter à la présidence …" Blatter tritt zurück. Warum genau, das bleibt für diesen Moment Spekulation. Viel Fantasie ist nicht nötig, um die FBI-Ermittlungen gegen ihn als Grund zu vermuten. Klar ist: Das Fifa-Beben vor fünf Tagen hat die Statik des Hauptquartiers so stark beschädigt, dass auch das Präsidentenbüro geräumt werden muss.

Die Stoßseufzer, die auf Blatters Rückzug folgten, reichten für ein veritables Nachbeben. Besonders die hohen Funktionäre aus Europa begrüßten den Schritt. "Das ist ein guter Tag für den Weltfußball", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball stellvertretend.

Wie gut, das muss sich noch zeigen. Blatter mag sich in den nächsten Monaten zurückziehen. Bis dahin aber will er selbst noch an Reformen mitwirken. Das soll sein Vermächtnis sein. So stellt er sich das wirklich vor, der Mann, unter dem die Fifa zu einem mafiösen Selbstbedienungsladen verkommen ist. Dabei wird es die große Aufgabe der neuen Fifa sein, Blatters Vermächtnis so gut es geht zu vernichten - und sich dabei nicht selbst zu zerstören.

Die Weltmeisterschaften auf dem Prüfstand

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Blatter will sich aus der Fifa zurückziehen. Bis dahin aber will er selbst noch an Reformen mitwirken.

(Foto: REUTERS)

"Endlich können wir bei der Fifa aufräumen", sagte Englands Verbandschef Greg Dyke kurz nach Blatters Pressekonferenz. "Wir können jetzt wieder auf die WM-Vergaben 2018 und 2022 schauen." Ein Grund zum Jubeln ist das nicht unbedingt, jedenfalls nicht für die Fifa. Denn vor allem schaut erst einmal die Staatsanwaltschaft in der Schweiz darauf - und was passiert eigentlich, wenn sie bei ihrer Razzia im Fifa-Hauptquartier Belege für Korruption gefunden hat? Werden die Weltmeisterschaften neu vergeben? Dann wird es Klagen geben.

Man stelle sich nur vor, Katar zieht erfolgreich gegen die Fifa vor Gericht. Die Milliarden-Rücklagen in Zürich würden wohl kaum reichen - und der Weltverband wäre in seiner Existenz bedroht.

Überhaupt Katar: Das Emirat gehört zu den größten Sponsoren im Weltfußball. Wenn die Fußball-Welt den Emir verprellt, könnte der einfach den Geldhahn abdrehen - und damit einige der größten Vereine der Welt empfindlich treffen. Nur ein Beispiel: Der FC Barcelona erhält jährlich 30 Millionen Euro von seinem Trikotsponsor, der Qatar Foundation. In einer ähnlichen Position wie Katar befindet sich Russland, das sich über seine Gazprom-Millionen unverzichtbar für die Champions League gemacht hat. Ziehen sich beide Länder aus dem Sponsoring zurück, ist die Fu ßballwelt nicht mehr das, was sie vorher war.

Wo sind die Kandidaten?

Diese Verquickungen hat Blatter nicht zu verantworten, aber sie sind Teil eines Systems, das der Schweizer an der Spitze der Fifa geprägt hat - und zwar an der Seite von Leute, die nun als Kandidaten für seine Nachfolge gehandelt werden. Bei den Buchmachern gilt Michel Platini als Favorit, der Präsident des Europäischen Verbands Uefa. Der hat für die WM in Katar gestimmt, zufälligerweise arbeitet sein Sohn seitdem für die Qatar Sports Investment.

Glaubwürdigere Topkandidaten für einen Neuanfang bei der Fifa muss man lange suchen. Kaum einer der Funktionäre hat nicht mitgespielt im System Blatter. Das gilt nicht nur für die zahlreichen windigen Figuren aus den kleinen Verbänden, die Blatter treu ergeben sind, und von ihm das Prinzip Gefolgschaft gegen Geld gelernt haben. Das gilt auch für die Deutschen.

Wie genau das Duo Franz Beckenbauer/Fedor Radmann die Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland holte, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Es sei denn, Sepp Blatter führt die Korruptionsandeutungen, die er so gerne macht, in seinen Memoiren aus.   

Woher also die Kraft und den Impuls für den Neuanfang nehmen – ohne glaubwürdiges Personal und in ständiger Gefahr, sündhaft teure Rechtsstreitigkeiten austragen zu müssen? Sepp Blatter hat da eine Idee – die Fifa muss nur den Ideen von Sepp Blatter folgen. In seiner Rücktrittsrede gab er einige Ziele für die nächsten Monate vor: Das Exekutivkomitee verkleinern, Amtszeiten begrenzen. "Ich wollte das schon lange, doch meine Bemühungen wurden blockiert", sagte Blatter allen Ernstes. Er, der sich seiner Wiederwahl sicher sein konnte, obwohl einige seiner engen Vertrauten wenige Tage zuvor in Handschellen aus einem Luxushotel in Zürich geführt wurden - ausgerechnet er hatte also nicht die Macht, Reformen bei der Fifa durchzusetzen. Ein klassischer Blatter, auch in der Niederlage. "Doch dieses Mal werde ich Erfolg haben", sagt er noch. Es könnte alles viel zu spät kommen.  

Quelle: ntv.de