Fußball

Vorhersehbar wie Piet Klocke Borussia Dortmund? Unerklärlich.

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Die Finesse und die Fehler von Julian Brandt stehen symptomatisch für die Hinrunde von Borussia Dortmund.

(Foto: imago images/Pressefoto Baumann)

Die Deutsche Meisterschaft ist das Ziel, der Weg dorthin aber sehr viel mühsamer als gedacht. Borussia Dortmund wankt durch das erste Halbjahr der Fußball-Saison 2019/20. Bei der TSG Hoffenheim werden alle Stärken und Schwächen des BVB noch einmal in 90 Minuten gepresst.

Das Wort, welches über die Fußballer von Borussia Dortmund nun zum Abschluss des Halbjahres hängen bleibt, ist "dumm". In einer beachtlichen Anzahl von Wiederholungen hat Trainer Lucien Favre den höchst uncharmanten Ausdruck verwendet, um die Leistung seiner Mannschaft am 17. Spieltag der Bundesliga zu bewerten. Mit 1:2 (1:0) hat der BVB am Freitagabend bei der TSG Hoffenheim verloren. Und eigentlich weiß niemand so genau, warum. Selbst die ausufernde Analyse von Alfred Schreuder, Trainer des Siegers, konnte nicht überzeugend darlegen, wie aus der phasenweise erdrückenden schwarzgelben Dominanz ein schwarzgelber Kollaps wurde. Wie die lange harmlosen Hoffenheimer drei geschenkte Punkte einfuhren.

Eine Antwort auf diese Frage wird aber nötig sein. Denn eine Antwort auf diese Frage würde das bislang unerklärliche Saison-Mysterium BVB erklärlich machen. Die 90 Minuten bei der TSG Hoffenheim waren nämlich die Verdichtung einer kuriosen Hinrunde der Dortmunder. Dominanz und Kollaps. Unbändige Spielfreude und lethargische Körpersprache. Was von der Borussia in dieser Saison zu erwarten ist, ist so wenig vorhersehbar wie ein Satzende von Piet Klocke. Und so stehen nun am Ende des ersten Halbjahres der Saison das Überwintern in Pokal und Champions League (trotz "Todesgruppe") sowie 30 Ligapunkte. Eine solide Bilanz. Eine meisterliche allerdings nicht. Die soll es in der Liga nach dem verschenkten Meistertitel in der Vorsaison in der Endabrechnung aber diesmal werden. Und möglich ist das freilich noch, aber möglich ist halt nicht wirklich wahrscheinlich.

Die Favre-Frage kriecht aus dem Exil

Und so kriecht nun neben Frust und Ärger auch die Favre-Frage aus ihrem Kurzzeit-Exil wieder zurück ins Dortmunder Bewusstsein. Ende November nach der Topspiel-Demütigung beim FC Bayern (0:4) und der Blamage im BVB-Flopspiel gegen den SC Paderborn (3:3) drohte die Trainer-Personalie die Borussia zu spalten. Zu viele Peinlichkeiten hatte sich das Team geleistet, zu wenig Spektakel aus ihren spektakulären Fußballern herausgeholt. Der Nachweis der selbst ausgerufenen Titeltauglichkeit wurde viel zu selten erbracht. Und wenn, dann wurde er auch nur allzu oft sofort zerstört. So rettete beispielsweise Roman Bürki seiner Mannschaft mit herausragendesten Paraden gegen Slavia Prag das Weiterkommen in der Champions League, ehe er ein chancenloses Team aus Leipzig mit einem ebenso unnötigen wie fatalen Patzer reanimierte.

Oder Julian Brandt. Der zauberte den BVB mit einer Weltklasse-Bewegung gegen eben Leipzig zur höchst verdienten 2:0-Führung, um dann mit einem unerklärlichen Fehlpass das 2:2 zu ermöglichen (Endstand 3:3). Staunen und stöhnen ist ein Wortpaar, das sich in der Hinrunden-Beurteilung der Dortmunder nicht trennen lässt. Über die Gründe haben sie in den vergangenen Wochen und Monaten hinreichend und leidenschaftlich gegrübelt und gestritten. Taktische Debatten gab's und Mentalitätsärger. Eingeständnisse einer falschen Kaderplanung auch. Ein zweiter klassischer Stürmer fehlt, so die öffentliche Erkenntnis und Abbitte, wobei den Rest von Fußball-Deutschland diese Erkenntnis bereits im Sommer gekommen war.

Dominanz und Dummheit

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Lucien Favre schafft es einfach nicht, Konstanz in das Spiel des BVB zu bekommen.

(Foto: dpa)

Lösungen für die teilweisen krassen Formkrisen von Leistungsträgern wie Axel Witsel und Marco Reus gab's indes nicht. Erklärungen für die Einbrüche nach Führungen auch nicht - wobei zur Wahrheit ebenfalls gehört, dass es die Borussia auch andersrum kann, was den Frust noch einmal steigerte. Genauso oft, wie der BVB nach Führungen noch Punkte verschenkte (vier Mal), drehte er Rückstände nämlich auch noch in teils spektakuläre Siege. Vor allem das Wahnsinns-Comeback daheim gegen Inter Mailand bleibt in Erinnerung, sorgte für Euphorie - danach folgten die Klatschen in München und daheim gegen Paderborn.

Favre taumelte wie noch nie in seiner BVB-Zeit - und plötzlich begann sein Team zu siegen. Auf den Moral-Erfolg gegen Jürgen Klinsmann da noch wankende Hertha folgten Tor-Räusche gegen Fortuna Düsseldorf und beim FSV Mainz 05 und zwischendrin ein Zittersieg gegen Prag zum Weiterkommen in der Champions League. Vieles schien erfolgreich korrigiert: Wohlfühltaktik, gierige Mentalität, Konsequenz im Abschluss, Konzentration in der Abwehr. Allerdings waren die Gegner nicht dazu angetan, einen echten Stresstest für das neue Dortmunder Konstrukt auszulösen. Der folgte schließlich gegen Leipzig. Und gegen Hoffenheim. Das Ergebnis aus Dortmunder Sicht: Dominanz und Dummheit. Unerklärlich.

Quelle: ntv.de