Fußball

CL-Blamage mit Kniff abgewendet Cleverer Klopp löst elf Liverpooler Probleme

Der FC Liverpool braucht eine Halbzeit lang, um im Halbfinal-Rückspiel beim FC Villarreal zu sich zu finden. Coach Jürgen Klopp improvisiert in der Pause und wechselt den Erfolg ein. Der vorletzte Schritt fühlt sich "herausragend, gewaltig" an, sagt der Trainer.

Das kleine Stadion des FC Villarreal tobte, die Mannschaft wütete und der FC Liverpool wankte. 45 Minuten lang folgte das Halbfinal-Rückspiel der Champions League zwischen diesen ungleichen Mannschaften einem surrealen Drehbuch. Wohl niemand hatte ernsthaft erwartet, dass das "gelbe U-Boot" aus der spanischen Kleinstadt - im Hinspiel noch von den dominanten Reds mit 2:0 versenkt - wieder auftauchen würde. Dass es Jürgen Klopp und seinen Fußballern noch einen existenziellen Kampf um das Endspiel liefern würde. Doch exakt so kam es. Nach drei Minuten lag der Gastgeber bereits mit 1:0 durch Boulaye Dia vorne. Kurz vor der Pause folgte das 2:0 durch den ehemaligen Freiburger Francis Coquelin. Plötzlich schien an diesem Dienstagabend eine der größten Sensationen der Champions-League-Geschichte möglich.

Coach Klopp wusste das zu verhindern. Mit einem klugen Wechsel, für den irrlichternden Diogo Jota kam Luis Diaz, und mit improvisierter Korrekturarbeit an der Taktiktafel. Eigentlich hatte er den Liverpoolern, die unter dem Druck der Spanier zu zerbrechen drohten, gute eigene Szenen aus der ersten Halbzeit zeigen wollen. Co-Trainer Peter Krawitz war in der Pflicht, entsprechende Momente zu suchen und zu finden. Doch der winkte schnell ab. Leider nichts zu machen, berichtete Klopp später und amüsierte sich prächtig über das Chaos seiner Mannschaft. "Ein bisschen Taktiktafel, ein bisschen erklärt, wo wir hinwollen", so weckte er sein schläfriges Team auf. Doch so "echt glücklich" über diese einfachen "Fußball-Dinge", wie er sich nach dem Sieg fühlte - seine Mannschaft drehte die Partie nach Toren von Fabinho (62.), Luis Diaz (67.) und Sadio Mane (74.) noch zu einem 3:2 -, so angespannt war er nach dem turbulenten Auftakt.

Nach einer bemerkenswerten Kombination über Pervis Estupinan und Etienne Capoue (ob er den Ball tatsächlich nochmal querlegen wollte, bleibt unklar) hatte Dia abgestaubt. Liverpool taumelte und staunte, wie ein Goliath-Boxer, der vom kleinen David einen amtlichen Schlag an die Schläfe verpasst bekommen hatte. Der im Hinspiel noch alles überragende Thiago reihte einen Fehlpass an den nächsten. Das Mittelfeld um Fabinho und Naby Keita konnte nicht so viele Löcher stopfen, wie sich auftaten. Die Abwehrreihe mit ihren Star-Außenverteidigern Trent Alexander-Arnold und Andrew Robertson sowie den Hünen Virgil van Dijk und Ibrahima Konaté wirkte erstaunlich überfordert.

"Wie wir reagiert haben, das war besonders"

"Die haben Dampf gemacht, das kleine Stadion war on fire, die haben uns den Schneid abgekauft. Wir hatten keinen Rhythmus", analysierte Klopp. "Wir hatten elf Probleme in der ersten Halbzeit, wenn man so will." Diesen Verriss auf seine Mannschaft garnierte der Coach allerdings schnell mit einem gigantischen Kompliment: "So wie wir reagiert haben, das war besonders" - jetzt kann seine Mannschaft Geschichte schreiben. Die Reds greifen in dieser Saison weiterhin nach vier Titeln. Im Endspiel der Königsklasse wartet am 28. Mai in Paris entweder Real Madrid oder Manchester City. "Herausragend, gewaltig" fühle sich das an, sagte Klopp, der mit Liverpool 2018 an Real gescheitert war (es war das Spiel, in dem der angeknockte Torwart Loris Karius zur tragischen Figur wurde) und 2019 den wichtigsten Pott im Vereinsfußball gewonnen hatte. "Es fühlt sich an, als wäre es das erste Mal."

Ein Glücksgefühl nach harter Arbeit. Die erst nach der Pause Liverpool-like verrichtet wurde. Mit schnellem Spiel, mit Druck und auch Dominanz. Aber es brauchte auch das Glück des tüchtigen Arbeiters, um die Partie in die richtige Richtung (aus Sicht der Reds) zu drängen. Beim Anschlusstreffer durch Fabinho ließ Villarreals Torwart Gerónimo Rulli den unplatzierten Schuss unter sich durchrutschen. Die Reds nahmen dankend an und Fahrt auf. Vor allem über den umtriebigen Diaz, dessen Einwechslung sich als Schlüssel zum Sieg entpuppte. Klopp wusste das. Und er wusste, dass Diogo Jota traurig war. Also schnappte er sich seinen Stürmer nach dem Schlusspfiff, sprach lange mit ihm und hob sein Kinn an.

Und auch den spanischen Fans spendete Klopp Trost. Er grüßte auf die Tribüne und hob anerkennend die Hände. Später erklärte er voller Bewunderung: "Wir sind hergefahren, mit dem Bus durch die kleinen Sträßchen, und da denkst du: Das ist anders. Was die hier abziehen, ist verrückt. Die Truppe macht es verrückt. Da sind paar Jungs dabei, die kennen wir aus der Premier League. Die sind nicht hier, weil sie bei Tottenham die Bäume ausgerissen haben. Ich finde das Stadion geil."

Das Gute und das Schlechte

Zurück zu Jota. Der Portugiese war gewissermaßen das Sinnbild für die Liverpooler Überforderung in Halbzeit eins, über die Klopp nur staunen konnte: "Wir haben nur die langen Bälle irgendwohin geschossen und versucht, es zu erzwingen", bemängelte Klopp. Das "Doofe" an so einer Halbzeit sei, "sie ist schlecht, das Gute ist, sie ist leicht zu verbessern". Und nach der klaren Ansprache in der Kabine "haben wir gedacht, das probieren wir jetzt, wo wir schon mal da sind". Trent Alexander-Arnold berichtete bei BT Sport: "Wir haben uns in der Pause umgestellt, die Chance am Kragen gepackt und getan, was wir tun mussten." Sie hatten erst gekämpft und dann gespielt. Alexander-Arnold hatte mit einem abgefälschten Schuss nur die Latte (55.) getroffen. Es war das krachende Signal zur Wende. Klopp erzählte, er habe den Jungs vor dem Rückspiel noch gesagt, er wolle die Schlagzeile lesen: "Die Mentalitätsmonster waren in der Stadt". Er darf sich nun als Prophet fühlen.

Dank Klopp greift zudem zum fünften Mal nacheinander ein deutscher Trainer nach dem Henkelpott: Im Vorjahr hatte Thomas Tuchel mit dem FC Chelsea den Titel gewonnen. Klopp selbst rückt mit dem Einzug ins Finale in einen legendären Kreis auf. Mit seiner vierten Teilnahme am Endspiel steht er auf einer Stufe mit Carlo Ancelotti (der am Abend mit Real Madrid indes wieder davonziehen kann), Sir Alex Ferguson und Marcello Lippi. Zudem ist für die Reds weiter das erste Quadruple für einen englischen Klub möglich, den Ligapokal haben sie schon, FA-Cup, Meisterschaft und der Champions-League-Sieg sind noch drin.

Doch daran will Klopp angesichts der harten Belastungen noch längst nicht denken. "Es ist einfach Quatsch mit diesem Quadruple-Mist. Wir spielen jetzt erst mal gegen Tottenham, das ist die beste Kontermannschaft der Welt, wir müssen es gewinnen." Die Spannung innerhalb seiner schwer geforderten Mannschaft sei auf jeden Fall da, er müsse nicht viel machen. Aber es ist eben so: "Wir spielen jedes Spiel, das auf dem Spielplan möglich war. Wir haben alles durchgespielt, wir spielen alle Finals, es gibt einen Grund, warum noch niemand das Quadrupel gewonnen hat." Aber irgendwann ist bekanntlich immer das erste Mal.

Quelle: ntv.de

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