Fußball

"Ich bin kein Königsmörder" DFB-Krise erreicht nächste Eskalationsstufe

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Freunde werden Keller und Koch nicht mehr.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Die Gräben innerhalb des DFB und seiner Führung scheinen unüberwindlich. Das zeigt die erneute Eskalation um den Präsidenten Fritz Keller. Amateure und Profis stehen sich unversöhnlich gegenüber. Am Ende scheint es - wie so oft - vor allem um eines zu gehen.

Die nächsten Eskalationsstufen im Machtkampf des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sind gezündet. Präsident Fritz Keller klammert sich trotz der vorbereiteten Amtsenthebung verzweifelt an seinen Posten und will den anstehenden Sportgerichts-Prozess juristisch mit letzter Konsequenz führen. Gleichzeitig tobt der Kampf zwischen dem Amateur- und Profilager immer heftiger, um vor der Präsidiums-Entscheidung zum Fall Keller die Deutungshoheit zu gewinnen.

Durch die Einschaltung eines Anwalts scheint endgültig klar zu sein, dass sich der schwer angeschlagene DFB-Chef auch dem immer größer werdenden Druck nicht beugen möchte. Kellers Rechtsbeistand hat dem Sportgerichts-Vorsitzenden Hans E. Lorenz bereits mitgeteilt, dass er die Interessen des Präsidenten rund um den von ihm ausgelösten Nazi-Eklat vertreten wird. Das bestätigte Lorenz. Nur wenn Keller zwischenzeitlich von seinem Amt zurücktritt oder davon enthoben wird, ist der Prozess hinfällig. "Wenn der Präsident kein Präsident mehr ist, können wir das Buch zuklappen", sagte Lorenz.

Am vergangenen Montag hatte die DFB-Ethikkommission den Fall vor das verbandsinterne Gericht gebracht. Es ist das erste Mal, dass sich ein DFB-Präsident vor dem Sportgericht verantworten muss. Der seit Monaten im Mittelpunkt eines Machtkampfs an der DFB-Spitze stehende Keller hatte den Vizepräsidenten Rainer Koch in einer Sitzung mit dem berüchtigten Nazi-Richter Roland Freisler verglichen.

Koch geht in die Offensive

Durch seine verbale Entgleisung hat Keller die Führungskrise des Verbandes dramatisch zugespitzt. Die Präsidenten der Regional- und Landesverbände erneuerten am Freitag mit großer Mehrheit ihre Rücktritts-Aufforderung an Keller und riefen parallel zur Amtsenthebung des 64-Jährigen auf. Aufgrund der 33 Ja-Stimmen bei nur drei Enthaltungen hält Koch einen Amts-Verbleib von Keller für ausgeschlossen. "Ein Präsident muss die Unterstützung der Amateurverbände haben", sagte Koch: "Die 21 Landes- und fünf Regionalverbände erwarten in großer Einmütigkeit jetzt eine Reaktion von Herrn Keller."

Da es nicht nach der gewünschten Rücktritts-Reaktion aussieht, wird Plan B immer wahrscheinlicher. Demnach müsste das Präsidium eine Vorstandssitzung mit dem Tagesordnungspunkt "Enthebung von Fritz Keller" einberufen. Sollte sich Keller weiterhin einer Demission verweigern, dürfte dieser Schritt schon in den kommenden Tagen erfolgen. Dann steht eine Zerreißprobe innerhalb des Gremiums bevor. Denn obwohl das Profilager rund um DFL-Boss und DFB-Vize Christian Seifert "seinen Mann" Keller aufgrund der unsäglichen Äußerung wohl kaum stützen kann, dürften die Profis gleichzeitig auf das Aus für die Keller-Widersacher drängen.

Doch während Generalsekretär Friedrich Curtius und Stephan Osnabrügge ihren Abschied bereits angedeutet haben, will Koch in keinem Fall das Feld räumen. In einer medialen Offensive am Wochenende (ausführlicher Facebook-Post, Interview mit der "Welt am Sonntag", Besuch im ZDF-Sportstudio) schloss der Amateurchef einen Rücktritt aus. Koch erhob stattdessen erneut schwere Vorwürfe gegen Seifert (dieser habe ihn als "paranoid" bezeichnet) und machte deutlich, dass die Profis bei der Frage nach der Besetzung der Amateurspitze gefälligst schweigen sollen.

Den Vorwurf, er sei angesichts der zahlreichen Präsidenten-Rücktritte der vergangenen Jahre der Königsmörder des deutschen Fußballs, wies der seit 2007 als Verbandsvize amtierende Koch zurück. "Wenn ich der Königsmörder des deutschen Fußballs bin, dann sind es Christian Seifert, Peter Peters und Hannelore Ratzeburg auch, weil sie mindestens genauso lange oder noch länger im Präsidium sind wie ich."

Das Horrorszenario der Profis

Gleichzeitig bezeichnete Koch den undurchsichtigen Vertrag mit einem Kommunikationsberater als sehr lukrativ für den DFB, warf Ex-Präsident Reinhard Grindel wegen dessen Vorwürfen in seine Richtung "niedere Beweggründe" vor, arbeitete die Fehler Kellers heraus und brachte Solidaritätszahlungen der Profis für die unter der Corona-Pandemie leidenden Amateure ins Gespräch.

Dass es vor allem ums Geld geht, wurde endgültig klar, als Koch das "heiße Eisen" Grundlagenvertrag kurz erwähnte. Dieser Vertrag zwischen dem DFB und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) läuft 2023 aus und muss dringend neu verhandelt werden. Laut des Vertrages muss der Profifußball eigentlich drei Prozent seiner Einnahmen an den DFB abgeben. Da die 2013 auf 866 Millionen Euro gedeckelte Summe aber nichts mehr mit der Realität zu tun hat, wollen viele Amateurvertreter mehr Geld sehen.

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Dass es Koch sein könnte, der den neuen Kontrakt für den DFB aushandelt, gilt im Profibereich als Horrorszenario. Denn obwohl Koch klargemacht hat, dass er als reiner "Mann der Amateure" dem vielschichtigen Verband nie als Präsident vorstehen könne, betonte er auf der anderen Seite den reibungslosen Ablauf unter seiner zweimaligen Interims-Präsidentschaft im Zusammenspiel mit dem damaligen DFL-Präsidenten Reinhard Rauball.

Um Koch als erneuten Interims-Chef zu verhindern, würden die Profis einen Präsidenten mit dem Namen Karl-Heinz Rummenigge nur zu gerne sehen. Der scheidende Vorstandsboss von Bayern München hat aber kein Interesse an einer "Harakiri-Aktion" und plädierte für "Ruhe" beim DFB. Um genau dafür zu sorgen, brachte sich Anti-Korruptions-Expertin Sylvia Schenk als Übergangs-Führungskraft ins Spiel. Sie stehe "für einen Übergangszeitraum bereit", um "mit einem Team von unabhängigen Personen den DFB in ruhiges Fahrwasser zu bringen". Mit diesem Ziel sind in den vergangenen Jahren allerdings schon einige angetreten - das Ergebnis ist bekannt.

Quelle: ntv.de, tsi/sid

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