Fußball

SVW-HSV: Duell der Abgestürzten Das nackte Überleben steht auf dem Spiel

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Marvin Ducksch, Neuzugang von Werder Bremen, ärgert sich über eine vergebene Chance.

(Foto: imago images/Eibner)

Es geht um nicht weniger als die Existenz: Das Nordderby zwischen Bremen und Hamburg ist das Duell der ewigen Rivalen, die beide abgestürzt sind. Werder kann das Gröbste noch verhindern - doch Sportchef Baumann will gar nicht unbedingt aufsteigen.

Flutlichtspiel im Weserstadion. Das stand einmal für spannende Fußballfeste. Für große Europapokalabende. Diese Zeit, auch wenn noch keine Ewigkeit her, ist vorbei. Flutlicht gibt's für Werder Bremen nun maximal am Samstagabend. Beim Topspiel der 2. Fußball-Bundesliga. In Champions oder Europa League haben die Hanseaten nichts mehr zu suchen und auch im Pokal schieden sie dieses Jahr bereits in der ersten Runde aus.

Nun also Flutlicht zum ersten Nordderby gegen den Hamburger SV im Unterhaus. Das Duell der ewigen Rivalen am heutigen Abend (20.30 Uhr/Sky und im Liveticker auf ntv.de), das die Bundesliga jedes Jahr faszinierte, gewinnt diesmal sogar noch an Brisanz hinzu. Es geht nicht nur um Prestige, um die Vorherrschaft im Norden. Es geht mittlerweile um die Existenz zweier Traditionsklubs, die den Anschluss an den modernen Fußball und seine Gegebenheiten verpasst haben.

108 Nordderbys hatte die Bundesliga beobachten können, 39 Mal hieß der Sieger Werder Bremen, 35 Unentschieden gab es, 34 Duelle gewann der HSV. Das letzte Aufeinandertreffen fand vor dreieinhalb Jahren statt und wurde - irgendwie passt das - durch ein Eigentor von Rick Van Drongelen in der 86. Minute zugunsten von Werder entschieden. Kurz darauf stieg Hamburg ab, der Aufstieg gelang seitdem nicht mehr.

Kommt das Nordderby gerade Recht?

Die Angst, es dem HSV gleichzutun, ist eine Furcht, die in Bremen spätestens seit dem Sommer die Weser entlang schleicht. Die Existenzangst geht um, denn der ehemals ruhmreiche und stolze Nordklub dümpelte die vergangenen Jahre stets im Tabellenkeller herum, wie auch der HSV es lange getan hatte. Ähnlich des Stadtnachbarns leistete sich Bremen Fehlentscheidung um Fehlentscheidung, gab wichtige Spieler ab (Max Kruse, Davy Klaassen etc.), ohne gleichwertigen Ersatz zu holen, überzeugte mit einer bundesligauntauglichen Führungsriege und hielt viel zu lange an Trainer Florian Kohfeldt fest, der gleich mehrere Spielzeiten in den Weser-Sand gesetzt hatte.

In Werder-Foren bangte so mancher schon, man würde direkt oder bald durchgereicht in die 3. Liga. Anzeichen dafür gab es schließlich: Der Start im Unterhaus war mehr als mäßig verlaufen, immer mehr Spieler wurden abgegeben, um Geld zu sparen. Und die Führung um den heftig kritisierten Sportchef Frank Baumann war trotz eines miserablen Auftritts (mindestens) in der Vorsaison gleich geblieben. Nur Marco Bode schied nach sieben Jahren aus dem Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden aus.

Nun weht allerdings ein wenig frischer Wind dort, wo die Weser einen großen Bogen macht. Drei Spiele in Folge spielte man zu null, die letzten beiden Partien gewann das Team mit 3:0. Kommt das Nordderby also gerade Recht?

"Wiederaufbau vor Wiederaufstieg"

Mit dem neuen Trainer Markus Anfang und Verstärkungen wie Marvin Ducksch von Hannover 96 soll nun wieder eine schlagkräftige Truppe entstehen. Dass der Coach die Mannschaft besser erreicht, als es bei Kohfeldt in den schweren letzten Monaten seiner Amtszeit der Fall war, ist mittlerweile sichtbar. Der Spielstil ist vorsichtig dominant, Werder versucht es über Kombinationen und Flügelspiel und steht hinten relativ sicher. Für die seit gefühlten Ewigkeiten unter Defensivmängeln leidenden Bremer ist das schon mal ein Fortschritt. Natürlich geht es jetzt nicht mehr gegen den FC Bayern, Borussia Dortmund oder RB Leipzig, aber die Handschrift des neuen Trainers ist langsam erkennbar. Sie ruft bei Werder-Fans das fast schon nicht mehr bekannte Gefühl einer leisen Zuversicht hervor.

Aber mit allem anderen als dem Aufstieg wären die Anhänger unzufrieden, schließlich besitzt Werder den - laut transfermarkt.de - wertvollsten Kader der Liga. Zu stark ist außerdem noch die Sehnsucht zu den (halbwegs) Großen des Fußballs zu gehören, allerdings dürfte dieses Bestreben vielleicht für immer Träumerei bleiben. Baumann erklärte in der "Süddeutschen Zeitung" es gehe um "Wiederaufbau vor Wiederaufstieg". Die Fans dürften das nicht gerne lesen - und hätte man nicht vielleicht den Wiederaufbau vor dem Absturz in die zweite Liga angehen sollen? Seine Mannschaft verspräche zwar "für die Zukunft Spannendes", so der Sportchef. Aber erstens stellt er nicht klar, ob er die nahe oder ferne Zukunft meint und zweitens: Das Nordderby findet nicht in ein paar Wochen, Monaten, oder Jahren statt, sondern jetzt - und die geschundene Fan-Seele braucht den Sieg im ersten Duell seit 2018 mehr denn je.

Immerhin, Baumann, der als Spieler 2009 vier Nordderbys und eine Papierkugel in 19 Tagen erlebte, machte die Werder-Sympathisanten froh, indem er auch noch ein paar Sticheleien und Seitenhiebe in Richtung Hamburg abfeuerte. Das gehört ja quasi zum guten Ton in einem Nordderby. Er glaube, sagte der Sportchef, "dass wir etwas schneller in die Bundesliga zurückkehren könnten" als der HSV. Würde man nur auf die Kaderstärke und die Etatwerte schauen, hätte "der HSV in den vergangenen Jahren aufsteigen müssen". Aber das allein zähle eben nicht.

Überleben im Fußball-Business

Das Duell Werder gegen Hamburg, der ewigen Rivalen, es ist auch das Duell zweier Traditionsklubs, die die Ausfahrt verpassten. Das Aufeinandertreffen der Abgestürzten, die zwar verschiedene Wege gingen (Werder-Familie mit zu viel Fußball-Romantik gegen Kühne-Millionen und Führungskuddelmuddel), aber ähnlich unter der sich schnell verändernden Fußballwelt zerbrachen. Statt HSV und SVW (FC Kaiserslautern, MSV Duisburg oder Karlsruher SC kann man hier genauso nennen), heißt es mittlerweile in der Bundesliga: RB Leipzig (noch immer ziemlich neu), TSG Hoffenheim (nicht mehr ganz so neu), oder VfL Wolfsburg (seit 1997 im Oberhaus). Vereine, die natürlich von ihren finanziellen Mitteln stark profitieren, die aber auch zeitgemäße und erfolgreiche Strukturen geschaffen haben.

Solche Gefüge haben Bremen und Hamburg in den vergangenen Jahren nicht auf die Beine bekommen und folgerichtig stecken die Vereine in der Krise. Beim Nordderby geht es also auch um das nackte Überleben, die Existenz im modernen Fußball-Business, dessen Realität aufgrund der finanziellen Engpässe durch die Corona-Pandemie noch mal ein Stück härter wurde. Der Hamburger SV ist zu einer "echten" Zweitligamannschaft, der der Aufstieg bald nur noch von den ganz hartgesottenen Fans zugetraut wird.

Auch, wenn Flutlicht-Europapokalabende nicht das Ziel sein dürfen: Werder kann dieses langjährige Schlittern ins Niemandsland und die damit zusammenhängenden Einbußen durch einen Aufstieg in dieser Saison noch aufhalten. Klappt das nicht, wird's auch für Bremen bitter. Dann gelingt die Rückkehr in den Kreis der wenigstens halbwegs Großen vielleicht nie mehr. Das Nordderby wird richtungsweisend für Markus Anfang und seine neugeformte Mannschaft.

Quelle: ntv.de

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