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Bundesliga-Check: RB Leipzig Das spielende Klassenzimmer

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Oberlehrer Julian Nagelsmann will mit RB Leipzig Titel holen.

(Foto: imago images / Picture Point LE)

Junge Spieler, junger Trainer: Julian Nagelsmann kündigt vor seiner ersten Saison mit RB Leipzig Titel an. Der Dritte der Vorsaison holt wieder einmal vielversprechende Talente. Aber fehlen im Kader, besonders wenn Timo Werner noch wechselt, Erfahrung und Leadership für Titel?

Eigentlich sollte die vergangene Saison die Zeit zwischen Ex-Trainer Ralph Hasenhüttl und Neu-Coach Julian Nagelsmann überbrücken - doch dann brillierte RB Leipzig unter Ralf Rangnick über weite Phasen der Saison. Die Sachsen schlossen die Bundesliga auf dem dritten Platz ab und zogen ins DFB-Pokalfinale ein. Die Spielzeit 2018/19 zu toppen, wird für die Roten Bullen kaum möglich sein. Besonders, weil Nagelsmann ein neues System mitbringt und die Dreifachbelastung mit Bundesliga, Champions League und Pokal auf eine Mannschaft wartet, deren Spieler teilweise noch die Schulbank drücken könnten.

Was ist neu?

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Im Osten viel Neues. Zunächst: der Trainer. Julian Nagelsmann, eines der größten deutschen Trainertalente, hätte sicher auch zu einem europäischen Spitzenklub wechseln können. Aber er wollte zu RB Leipzig, die in der Vergangenheit schon öfter die Fühler nach dem 32-Jährigen ausgestreckt hatten. Rund um die Thomaskirche kommt er gut an. "Sein im Gegensatz zu Rangnick offeneres, mitnehmendes, auf Menschen zugehendes aber auch polarisierenderes Auftreten ist ein Stilbruch", sagt Matthias Kießling, der als "Rotebrauseblogger" über Rasenball schreibt. "Insgesamt ist Nagelsmann ein angenehmer Typ."

Der Trainer bringt auch ein neues System mit, das er den Spielern erstmal eintrichtern muss: ein 3-5-2 mit sehr offensiven Außenverteidigern und hohem Anlaufen des Gegners. Aggressives Pressing, dazu aber schnelles Ballbesitzspiel - das könnte die verschiedenen Mannschaftsteile und das Gefüge zum Anfang der Saison vor Probleme stellen. "Die letzte Saison war sehr erfolgreich dank einer starken Defensive. Nagelsmanns Spielidee ist anders, die Defensive ist automatisch wackliger, weil die Spieler anders positioniert sind", sagt Kießling. "Die Veränderungen sind zwar nicht total radikal, aber man sieht schon, dass anders von hinten rausgespielt und mehr durch die Mitte flach kombiniert wird."

Neu ist ebenfalls der Sportdirektor - und auch gerade einmal 38 Jahre alt. Markus Krösche wurde vom SC Paderborn losgeeist (dabei wurde auch ein Kooperationsdeal eingefädelt, der besonders bei SCP-Anhängern für Protest sorgte und letztendlich scheiterte). Insider Kießling sieht die Krösche-Verpflichtung besonders in Kombination mit Nagelsmann positiv: "Das Sinnverhältnis Krösche-Nagelsmann ist einfacher als Rangnick-Nagelsmann. Krösche und Nagelsmann passen sehr gut zusammen, beide sind jung, talentiert und wollen etwas bewegen. Bessere Voraussetzungen, um eine Ära zu prägen, kannst du nicht haben."

Frisch in Sachsen sind auch 15-Millionen-Mann Christopher Nkunku (21 Jahre), der im DFB-Pokal bereits sein offensives Potenzial andeutete und ein Shootingstar der Saison werden könnte, der 20-jährige Mittelfeldspieler Hannes Wolf, der vom Partnerklub RB Salzburg für zwölf Millionen Euro kommt sowie die 18-jährigen Ethan Ampadu, walisischer Nationalverteidiger und Chelsea-Leihgabe, und Luan Cândido aus Brasilien. Wieder da ist Ademola Lookman, der in der Rückrunde 2018 als Leihspieler in Leipzig überzeugte und nun fix für 18 Millionen Euro vom FC Everton verpflichtet wurde. Er wird im Oktober immerhin schon 22 und ist damit fast ein alter Hase im sächsischen Jungspund-Team. Neu angeschafft wurde zusätzlich der Rasen. Nach einem Pilzbefall musste RB das Grün schon vor dem Saisonstart für 100.000 Euro austauschen.

Auf wen kommt es an?

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Auf Timo Werner. "Für eine gute Saison sollte Timo Werner mehr treffen als in den letzten Spielen, in der Vorbereitung und im Pokal hat er noch keine Tore erzielt", merkt RB-Experte Kießling an. Doch bleibt der Nationalstürmer in der Stadt? Das Interesse des FC Bayern wurde immer wieder vermeldet und Werner, der nur noch einen Vertrag bis 2020 besitzt, konnte sich bisher weder zu einer Vertragsverlängerung noch zu einem Wechsel durchringen. Kießling sagt: "Im Moment gibt es nichts, das gegen Werners Verbleib spricht. Aus Vereinssicht musst du ihn aber zu Geld machen und darfst ihn nächstes Jahr nicht ablösefrei ziehen lassen. Das wäre der Worst-Case."

Und sonst so in der Mannschaft? "Gefühlt hast du 20 Spieler, die gleichberechtigt nebeneinander stehen. Offensiv gibt es auf jeder Position zwei Leute, die entscheidend sein können. Das kann man noch gar nicht richtig abschätzen."

Was fehlt?

"Ein Leader fehlt. Einer, der die anderen Spieler mal ein bisschen zusammenscheißt", so Insider Kießling. "Marcel Sabitzer verkörpert das manchmal. Aber insgesamt ist die Mannschaft noch zu lieb." Das französische Innenverteidiger-Duo Ibrahima Konaté und Dayot Upamecano zählt zusammen gerade mal 40 Lenze, Mittelstürmer Yussuf Poulsen ist mit seinen 25 Jahren sogar drei Jahre älter als Sturmpartner Jean-Kévin Augustin und Werner sowie Lukas Klostermann sind auch erst 23. Als jugendlicher Spieler mit wenig Erfahrung lässt es sich schwer auf den Tisch hauen. Jungspunde sind zwar hungrig, aber für eine lange Bundesligasaison braucht es auch Routine und Abgeklärtheit. Auch an der Kommunikation unter den Spielern soll es hapern. Ob Nagelsmann, ebenfalls noch ein Junior, den Oberlehrer geben kann?

Sabitzer (25) fordert deshalb immer wieder erfahrenere Spieler, konträr zur Leipziger Philosophie, hochtalentierte Jungtalente zu Spitzenleuten zu entwickeln. "Wenn du ganz nach oben willst oder auch mal einen Pokal gewinnen möchtest, ist es hilfreich, auch den einen oder anderen routinierten Spieler an Bord zu holen", sagte der österreichische Fußball-Nationalspieler dem "Kicker". Für den Rotebrauseblogger Kießling ist das aber eine Frage der Entwicklung, denn Erfahrung hole man sich ja als Mannschaft über die Jahre: "Wenn die Mannschaft zusammenbleibt, die das dritte Jahr in Folge international spielt und viele Nationalspieler hat, dann dürfte Erfahrung nicht das Größte Problem des Teams sein."

Wie lautet das Saisonziel?

Titel holen. Sowohl Nagelsmann als auch Leipzig haben noch keinen nationalen Titel gewonnen. "Ich gehe schon dahin, um irgendwann Titel zu holen", äußerte sich der Coach offensiv im "Kicker". Mit einer "hungrigen Mannschaft" wolle man die Bayern attackieren. Die Spieler selbst brennen darauf, die vergangene Saison mit einer Trophäe noch zu überbieten. "Letztes Jahr gab es mit dem Pokalfinale die Chance", sagte Linksverteidiger Marcel Halstenberg der "Bild"-Zeitung. "Die Zeit ist nun gekommen, dass ich den Pokal oder die Schale nach oben hieven möchte." Außerdem möchten die Sachsen gerne erstmals die K.-o.-Phase der Champions League erreichen - was angesichts der Platzierung in Lostopf vier aber auch ein schwieriges Unterfangen wird.

Die Prognose:

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"Die Stimmung in Leipzig ist noch etwas diffus. Keiner kann bisher einschätzen, in welche Richtung das Ganze letztendlich läuft", sagt Insider Kießling über die neuen Entwicklungen in Leipzig – und drückt bezüglich der Titelambitionen, zumindest für die nahe Zukunft, auf die Realismus-Bremse: "Titel sind dieses Jahr utopisch und davon träumt dieses Jahr niemand ernsthaft. Das ist etwas für die kommenden zwei oder drei Nagelsmann-Jahre. Man merkt schon, dass die Mannschaft noch Zeit braucht und es ganz schön rumpelt."

Mit Nagelsmann und Krösche würde auch nach einem schlechten Start nicht gleich der Baum brennen, glaubt der Brauseblogger. Was aber passiert, wenn das Nagelsmannsche System in der Hinrunde einfach nicht greifen will und die ehemals stabile Defensive so wackelt, wie die der Hoffenheimer in der vergangenen Saison, wird spannend zu beobachten sein. Die Vorbereitung auf die neue Spielzeit lief eher durchwachsen. Neben Siegen gegen Galatasaray Istanbul (3:2) und Stade Rennes (2:0) setzte es auch harte Niederlagen gegen den FC Zürich (1:4) Aston Villa (1:3). Das Weiterkommen im Pokal gegen Zweitliga-Aufsteiger Osnabrück (3:2) war auch eher eine Qual. "Wir sind noch weit weg von dem idealen, tollen Fußball, den ich mir vorstelle - und das wird auch noch ein bisschen dauern", gab Nagelsmann nach dem Pokal-Sieg zu.

Elf Gegentore in fünf Spielen sind zu viel, um Titel zu gewinnen. Selbst im DFB-Pokal, in dem viele kleine Faktoren oder das Losglück den Ausschlag geben können. "Aber der Kader hat so eine hohe individuelle Qualität, dass du oben mitspielen musst, selbst wenn das neue System noch nicht komplett drin ist", sagt Kießling. "Bei Platz fünf wären wir enttäuscht, dann würden gleich mal 40 Millionen Euro im Etat fehlen." Recht hat er. RB Leipzig wird sich mit seinen hungrigen Jungspunden wohl wieder für die Champions League qualifizieren. Sollten die Umstellungsschwierigkeiten andauern, könnten die Sachsen sich aber auch mit einen Europa-League-Platz begnügen müssen.

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Quelle: n-tv.de

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