Fußball

Fußball-Zeitreise, 20. April Dem Rassismus die Stirn bieten

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"Wir schämen uns für alle, die gegen uns schreien." Der Satz stammt aus einem offenen Brief der Fußballprofis Souleyman Sané und Anthony Baffoe gegen Rassismus und ist seit 2014 auf einer Hauswand an der Frankfurter S-Bahn-Station Niederrad zu sehen.

(Foto: imago/Arnulf Hettrich)

Der Fußball steht für eine weltoffene Gesellschaft, die Fairness und Toleranz als Prinzipien lebt. Der 20. April ist für Deutschland historisch ein schwieriges Datum. Es wird Zeit, gerade an diesem Tag daran zu erinnern, wofür wir stehen - als Nation und Fußballfamilie!

Es ist ein Tag, der gerne stillschweigend übergangen wird - obwohl in Deutschland ab dem Kindesalter fast alle Menschen wissen, wer einst an diesem 20. April geboren wurde. Es ist ein Datum, das in der Tat nur sehr schwer richtig zu handhaben ist. 1939, zu Hitlers 50. Geburtstag, wurde dieser Tag in Deutschland als Feiertag begangen. Und noch heute gibt es in unserem Land Menschen, die dieses Datum feierlich zelebrieren. Und so lange dies so ist, sollte man diesen Leuten offensiv begegnen und ihnen sagen und zeigen, dass sie in unserer Gesellschaft mit ihrer Haltung keinen Platz haben. Nicht am 20. April und an keinem anderen Tag des Jahres. In diesem Sinne kann auch der Fußball helfen - auch wenn es immer noch Leute geben mag, die alles Politische aus dem Spiel heraushalten wollen. Dabei sollte ein Wertesystem, das auf Toleranz gegenüber seinen Mitmenschen fußt, eigentlich Normalität sein - und nicht Politik.

Als vor wenigen Tagen der Spieler des FC Liverpool, Mohamed Salah, bei einer Partie rassistisch beleidigt wurde, ging sein Trainer Jürgen Klopp nicht einfach zur Tagesordnung über, sondern fand in einer Pressekonferenz starke Worte: "Rassistische Beleidigungen sind ekelerregend - so etwas darf niemals passieren. Es sind nur ein paar wenige Leute, aber je stärker die Reaktion von uns allen ausfällt, desto eher kann man bewirken, dass so etwas in Zukunft nicht mehr vorkommt. Diese Leute sind Fußballfans, aber wenn man so etwas tut, sollte man nie wieder ein Stadion betreten dürfen. Für den Rest des Lebens. Jede Art von Rassismus folgt ja im Grunde nur der irren Logik, dass manche Menschen denken, sie seien mehr wert als andere. Dabei ist der Fußball das beste Beispiel dafür, wie unterschiedliche Menschen auf fantastische Art zusammenarbeiten können. In der Kabine ist es egal, woher du kommst oder woran du glaubst. Wir müssen unsere starke Stimme dafür einsetzen, dass Rassismus bei uns keinen Platz hat."

Man kann Jürgen Klopp nicht genug dafür danken, dass er offensiv diesen Vorfall thematisierte und wieder einmal engagierte Worte fand. Nicht viele Fußballer sind sich erstens ihrer wichtigen wie gewichtigen Rolle bewusst und bringen zudem den Mut auf, sich öffentlich zu äußern - immer im Bewusstsein, dass es da immer noch Menschen gibt, die nicht willens sind, aus der Geschichte zu lernen.

Kein Lagerfeuer im Wohnzimmer

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Charly Körbel und Gerd Müller tragen im Jahr 1994 T-Shirts der Kampagne "Mein Freund ist Ausländer".

(Foto: imago/Sportfoto Rudel)

Anfang der 1990er-Jahre spielte in Frankfurt der gebürtig aus Ghana stammende Fußballprofi Anthony Yeboah. Es waren schwierige Jahre für das vereinte Deutschland. Der Fremdenhass erreichte einen neuen Höhepunkt. Bilder von brennenden Häusern und der hässlichen Fratze des Ausländerhasses gingen um die Welt. Und in Frankfurt zauberte auf dem Fußballplatz eben dieser Anthony Yeboah. Als der "Kicker" ihn zu Hause besuchte, stellte der Redakteur ganz verwundert fest, dass der Mann aus Ghana tatsächlich "wie ein deutscher Musterbürger" wohne. Yeboah zeigte sich ebenso erstaunt und fragte den Mann: "Soll ich etwa ein Lagerfeuer im Wohnzimmer machen?"

Es war nicht die einzige kluge Aktion Yeboahs in dieser Zeit. Er sagte auch einmal: "Gegen Ausländerfeindlichkeit hilft wohl nur, dass jedes Team einen erstklassigen Afrikaner hätte. Wer dann 'Nigger, raus!' brüllt, schadet automatisch auch seiner Mannschaft." Das Comedy-Duo "Badesalz" machte daraus seinen Sketch über den legendären "Anthony Sabini", in dem laut krakelende Fans einen dunkelhäutigen Spieler erst beschimpfen und dann - als er für ihren Klub spielt - hochleben lassen.

"Solche Leute in die Schranken weisen"

Yeboah wusste intelligent seine besondere Situation als gefeierter Fußballprofi einzuschätzen: "Wäre ich kein Star, müsste ich mich auch verprügeln lassen. Ich möchte in Deutschland nicht um Asyl bitten müssen." Deshalb nutzte er seine exponierte Stellung und schrieb zusammen mit seinen Bundesligakollegen Souleyman Sané und Anthony Baffoe einen offenen Brief gegen Ausländerfeindlichkeit. Seit 2014 prangt das Motto dieses Schreibens - "Wir schämen uns für alle, die gegen uns schreien" - auf einer Hauswand an der Frankfurter S-Bahn-Station Niederrad.

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Als neulich beim Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in Wolfsburg Fußballanhänger den Sohn von Souleyman, Leroy Sané, beleidigten, äußerte sich am nächsten Tag Leon Goretzka zu den Vorkommnissen. Er sagte: "Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets. Da antwortet man auf die Frage nach der Nationalität mit Schalke, Dortmund oder Bochum." Und er beendete die Pressekonferenz mit einem Appell: "Ich kann nur alle aufrufen, mit viel Mut dagegen vorzugehen und solche Leute in die Schranken zu weisen." Es ist gut und so wichtig, dass Leon Goretzka seinen Unmut öffentlich äußerte.

Der 20. April wird für unsere Nation leider bis in alle Ewigkeit mit dem Namen einer Person verbunden bleiben, die so viel Leid in der Welt zu verantworten hat. Dieser Tag kann uns aber zudem auch an unsere eigene Verantwortung erinnern, dass der Geist dieser barbarischen Zeiten nie wieder lebendig werden darf. Tag für Tag sind wir aufgefordert, gemeinsam für unsere Werte, die so wunderbar im Grundgesetz formuliert sind, zu kämpfen. Der Fußball kann uns dabei helfen. Aber nur dann, wenn wir ihn frei von allen Störenfrieden halten, die immer noch nicht begriffen haben, dass sie in einer weltoffenen Fußballfamilie keinen Platz haben.

Quelle: n-tv.de

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