Fußball

Die Lehren des achten Spieltags Der FC Bayern ist so verwundbar wie nie

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Doch ein paar Spiele zu viel? Auch Thomas Müller konnte dem FC Bayern diesmal nicht wirklich helfen.

(Foto: Peter Schatz /Pool )

Der FC Bayern München ist dieser Tage nicht mehr die unbezwingbare Maschine, sondern so anfällig, dass sogar zuvor stets harmlose Bremer glänzen. Eine Maschine steht dafür in den Reihen des BVB und hört auf den Namen Haaland. Gladbach hadert mit späten Gegentreffern, Hertha mit der Realität.

Der FC Bayern ist anfällig

Die Botschaft des Spieltages lautet: Wenn selbst Werder Bremen den FC Bayern in Not bringen kann, dann kann es jede andere Bundesliga-Mannschaft auch (Schalke, Mainz und Köln mal ausgenommen). Nach 22 Pflichtspiel-Niederlagen am Stück seit September 2010 gegen die Münchner riss Bremens Horror-Serie. Das war so nicht zu erwarten, denn Werder spielte dieses Jahr bislang offensiv so unglaublich harmlos, dass in der Hansestadt seit Wochen hitzige Diskussionen über die mangelhafte Kreativität im Aufbauspiel und vor dem gegnerischen Tor und den wenig attraktiven Spielstil hochgekocht waren.

Und doch verursachte Werder in der Bayern-Hintermannschaft große Probleme und hätte sogar mit einem Dreier nach Hause gehen können - hätte im Tor der Münchner nicht ausgerechnet der beste Keeper der Welt gestanden. Manuel Neuer entschärfte mehrere Bremer Möglichkeiten überragend. "Ich bin sogar einen ganz kleinen Hauch enttäuscht, weil sogar mehr möglich gewesen wäre", gestand Torschütze Maximilian Eggestein

Wie schon die TSG Hoffenheim zeigte Werder, dass man mutig aber gleichzeitig diszipliniert, schnörkellos und vor allem aggressiv gegen die Bayern spielen muss. Und dass die Abwehr des Rekordmeisters dann ein ums andere Mal wackelt. Die Münchner hatten natürlich einige Ausfälle zu beklagen, aber gerade das macht sie so anfällig wie nie: Der Mittelfeld-Motor, Stabilisator und Anführer - Joshua Kimmich - fehlt bis auf Weiteres. Dazu kommen die Abwehrsorgen: Alphonso Davies ist verletzt, nun gesellt sich auch Lucas Hernández zum Lazarett hinzu, Niklas Süle hat offenbar körperliche Probleme. Bayern-Coach Hansi Flick hofft deshalb weiterhin auf eine Zukunft von Jérôme Boateng und David Alaba beim FC Bayern.

Aber auch offensiv kam der FCB gegen die stabile Werder-Defensive nicht zur Entfaltung, selbst als die Stammoffensive mit Leroy Sané und Serge Gnabry auf dem Platz stand. Matt und träge wirkten die Münchner Bemühungen teilweise. Ömer Toprak und Christian Groß nahmen Robert Lewandowski durch vehementen Einsatz komplett aus dem Spiel. Kapitän Neuer monierte die Chancenarmut nach dem Spiel und die Mannschaft scheint dem vollen Terminkalender - zumindest in manch einem Spiele immer mal wieder - Tribut zu zollen.

BVB-Maschinen schlafen nicht

Gleich zwei Rekorde durfte der BVB bejubeln. Da war natürlich Youssoufa Moukoko, der nun jüngste Bundesligaspieler aller Zeiten. Aber die Geschichte des Spiels gegen Hertha BSC schrieb Erling Haaland, gerade einmal vier Jahre älter als der 16-jährige Liga-Neuling, der die Berliner im Alleingang abschoss. Vier Tore in einem Bundesligaspiel - in einer Halbzeit, wohlgemerkt - das hatte selbst der Norweger noch nicht geschafft. Und so jung wie er war ein Viererpacker natürlich auch noch niemals zuvor.

"Maschinen schlafen?", fragte Hertha via Twitter als Reaktion auf einen Beitrag von Haaland über sein morgendliches Aufwachen vor dem Spiel in Berlin. Tatsächlich schien die norwegische Maschine in der Nacht nicht ausreichend geruht zu haben, denn in der ersten Hälfte gelang Haaland nichts, kurz vor dem Halbzeitpfiff verstolperte er sogar eine sehr gute Möglichkeit. Nach seiner Vier-Tore-Gala gab er dann zu, in der Pause einen Wachmacher namens Red Bull getrunken zu haben - eine mündliche Bewerbung für RB Leipzig sollte das aber nicht sein, wie er klarstellte.

Ex-Bundesligaprofi Sandro Wagner versah Haaland in seiner Funktion als Co-Kommentator bei DAZN mit dem Prädikat Weltklasse. Dass der 20-Jährige nicht erst auf dem Weg dahin ist, sondern schon eine Maschine von Weltformat ist, beweisen seine Statistiken. Nur sechs Torschüsse benötigte er für seine vier Tore. Dazu kommt, dass der Stürmer eine sehr vielseitige und flexibel einsetzbare Maschine ist. Seine Treffer gegen Hertha waren alle unterschiedlich. Mal bewies er perfektes Stellungsspiel, mal lief er den Verteidigern im Sprint davon, mal drosch er den Ball völlig humorlos in die Maschen.

Auf die Frage, welcher Treffer ihm am besten gefallen habe, antwortete Haaland gewohnt mechanisch: "Sehr schön. Ich mag sie alle." Das hätte auch Cristiano Ronaldo - eine der besten Fußball-Maschinen aller Zeiten - so sagen können. In sieben Bundesligapartien hat Haaland dieses Jahr zehn Treffer markiert und zwei vorbereitet. In den drei Champions-League-Spielen traf er viermal. Der Norweger macht einfach da weiter, wo er im vergangenen Jahr aufgehört hat: mit Weltklasse-Rekorden.

Leverkusen trotzt Patzern wie Abgängen

Natürlich sprach nach dem Spiel alles und jeder über dieses kuriose Missgeschick in der 47. Minute, das Keeper Lukas Hradecky so versuchte zu erklären. "Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich habe ins Leere geschossen, das war nicht der schönste Moment meiner Karriere." Der Rückpass von Daley Sinkgraven flutschte irgendwie über Hradeckys Standbein-Fuß, der Ball hoppelte dadurch einmal hoch - und der Klärungsversuch des Keepers landete im eigenen Tor. Im Netz wird der Treffer bereits als das "Own Goal of The Century", als das "Eigentor des Jahrhunderts" gefeiert.

Aber die viel spannendere Geschichte ist, dass Bayer Leverkusen trotzdem gewann, als einzige Mannschaft mit dem VfL Wolfsburg in der Bundesliga ungeschlagen bleibt und auf Platz drei der Tabelle steht - punktgleich mit dem BVB. Die Werkself trotzt Jahr um Jahr den Abgängen seiner Superstars, zieht den eigenen Spielstil konsequent durch und spielt stets oben mit. Trainer Peter Bosz schafft es seit seiner Übernahme 2018, das Wegbrechen seiner wichtigsten Säulen zu kompensieren und findet auch dieses Jahr wieder die richtigen Lösungen.

Erst zog es vor gut einem Jahr Julian Brandt zum BVB, dann diesen Sommer Kai Havertz zum FC Chelsea und Kevin Volland zur AS Monaco. Diese drei Spieler sammelten in der Spielzeit 2018/19 gemeinsam unglaubliche 85 Scorerpunkte in allen Pflichtspielen. Havertz und Volland ließen vergangenes Jahr weitere 49 folgen. In der Saison 2018/19 kamen zudem noch die Abgänge Bernd Lenos und Benjamin Henrichs hinzu. Aber dann erzielt dieses Jahr eben Lucas Alario die Tore (sieben in sieben Bundesligapartien) und Moussa Diaby bereitet sie vor. Bosz macht gute Arbeit in Leverkusen, hat nicht umsonst den besten Punkteschnitt aller Bayer-Trainer in der Geschichte des Vereins (ausgenommen die, die nur für einen Haufen Spiele an der Seitenlinie standen) und dürfte auch dieses Jahr seine Mannschaft trotz Abgängen wieder nach Europa führen.

Gladbach wäre Tabellenführer, wenn ...

Nach Europa möchte auch Borussia Mönchengladbach. Vor einem Jahr war die Elf von Niederrhein zum jetzigen Zeitpunkt Tabellenführer - und das könnte sie auch dieses Jahr sein, wäre da nicht der vermaledeite Last-Minute-Tor-Fluch. Gladbach kann einfach keine Führungen mehr über die Zeit bringen, der FC Augsburg schaffte nun sogar mit einem Mann weniger auf dem Feld den Ausgleich kurz vor dem Abpfiff.

"Es ist ein Muster zu erkennen. Daran müssen wir arbeiten", sagte Coach Marco Rose nach dem bereits sechsten Gegentreffer in der Schlussviertelstunde und klagte über die "Passivität" seiner Mannschaft am Ende. Es war das dritte Mal, dass die Fohlen dieses Jahr nach einem Vorsprung Punkte liegen ließen. Auch gegen Union Berlin und den VfL Wolfsburg sprang am Ende trotz Führung und etlicher Chancen nur ein 1:1 heraus. Das Pikante: Alle Ausgleichstreffer fielen jeweils in den letzten zehn Minuten. Der finale Gegentreffer beim 3:4-Spektakel in Leverkusen fiel ebenfalls in der Schlussphase.

Auch in der Champions League macht den Gladbachern dieses Problem zu schaffen. Zwar ist man Spitzenreiter der Gruppe B, aber nach drei Spielen hätte die Qualifikation fürs Achtelfinale fast schon dingfest gemacht werden können. Doch beim 2:2 gegen Inter Mailand fing sich die Borussia den Ausgleich in der 90. Minute und gegen Real Madrid gab sie gar ihre 2:0-Führung noch kurz vor dem Abpfiff aus der Hand. "Wir müssen es auf jeden Fall abstellen. Das kann auch kein Zufall mehr sein, wenn es so oft passiert", schimpfte nun Torhüter Yann Sommer. Gut, dass es für die Gladbacher am nächsten Spieltag gegen Schalke 04 geht.

Hertha braucht Leader und Realität

Hertha BSC befindet sich - nach eigener Aussage - immer noch im Umbruch, bittet um Vertrauen und will langsam ein Spitzenteam aufbauen. Aber: Saisonübergreifend haben die Berliner nun aus 14 Spielen nur zehn Punkte geholt. Drei Siegen und einem Unentschieden stehen zehn Niederlagen gegenüber. Dabei hat sich Hertha gleich 28 Gegentore eingefangen. Hinzu kam noch die Pokal-Blamage gegen Eintracht Braunschweig. Die großen Ambitionen des Vereins und die Realität gehen immer noch weit auseinander.

Trainer Bruno Labbadia, der mit drei Siegen aus vier Spielen bei den Berlinern loslegte, hat nun einen schlechteren Punkteschnitt als damals beim HSV. Eine magerere Ausbeute auf dem Konto als dieses Jahr hatte der "Big City Klub in Arbeit" am achten Spieltag nur in der Saison 2009/10 - damals wurde man am Ende Letzter. Selbst in der Spielzeit 2011/12, die in der Relegation endete, hatten die Berliner zu diesem Zeitpunkt fünf Punkte mehr.

Die teuer zusammengewürfelte Mannschaft funktioniert trotz Windhorst-Millionen (noch?) nicht. Erfahrene Spieler wie Vedad Ibisevic oder Per Skjelbred wurden für den Umbruch entsorgt. "Klar brauchen wir Leader, ich glaube, in der letzten Saison hatten wir mehr solche Spielertypen", meinte dazu Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt nach dem BVB-Debakel. "Jetzt stecken wir noch ein wenig im Umbruch, sind auf der Suche nach so einem Typen, der uns vorantreibt und auf dem Platz das Zepter in die Hand nimmt." Hertha muss aufpassen, sonst könnte Union Berlin mit ihrem Leader und Offensivkünstler Max Kruse (erzielte gegen Köln schon wieder den Siegtreffer) bald zur dauerhaften Nummer eins in Berlin werden.

Quelle: ntv.de