Fußball

17 Sekunden stören das Glück Der (ärgerliche) zwölfte Mann des FC Bayern

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Der starke Kingsley Coman (2.v.r.) stand 17 Sekunden zu lange auf dem Feld.

(Foto: IMAGO/MIS)

Der FC Bayern fährt einen überzeugenden Sieg beim SC Freiburg ein. Trainer Julian Nagelsmann schwärmt nach dem Spiel. Von der Mannschaft und von Leon Goretzka. Auch der BVB spielt mit. Und dennoch könnte der perfekte Nachmittag noch blöd enden.

Die Kollegen von Sky hatten dankenswerterweise mitgestoppt. 17 Sekunden lang hatte der FC Bayern an diesem Samstagnachmittag gegen die geltenden Regeln des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verstoßen. 17 Sekunden, die an diesem Sonntagvormittag in allen bekannten TV-Stammtischen für Furore sorgen und in den kommenden Tagen genau beobachtet werden. Präziser: Deutschlands Fußball-Interessierte werden in den kommenden Tagen genau hinschauen, wie dieser Fehler im Bundesliga-Spiel gegen den SC Freiburg bewertet werden wird.

Aktuell sieht die Sache so aus: Schiedsrichter Christian Dingert hatte übersehen, dass die Münchner beim Spiel in der neuen Freiburger Arena in diesen verdammten 17 Sekunden mit elf Feldspielern, also insgesamt zwölf Mann, auf dem Feld standen. Das geht natürlich nicht! Zu dieser Konfusion war es gekommen, weil bei der geplanten Auswechslung von Kingsley Coman die falsche Rückennummer angezeigt worden war. Der Franzose fühlte sich offenkundig nicht angesprochen und ging bei einem Doppelwechsel zunächst nicht vom Feld.

Tja, und nun? Felix Zwayer, der als Video-Referee im Einsatz war, erwartet nicht zwingend Konsequenzen. "Es ist aus meiner Sicht nicht mit der Situation zu vergleichen, wenn ein Spieler, der nicht im Spielbericht drin steht, am Spiel teilnimmt", sagte er im Sportstudio. "Tatsächlich ist es so, dass der Spieler, der zu viel auf dem Platz war, ein spielberechtigter Spieler war, der zu einem Zeitpunkt auf dem Spielfeld stand, wo er nicht hätte stehen sollen. Das ist in den Fußballregeln geregelt und nicht in den Statuten, wie damit umzugehen und zu verfahren ist." Klingt schwammig? Ist es auch.

"Nichts dabei, was gegen ein faires Spiel spricht"

Aber die grundsätzliche Einschätzung von Zwayer, dass die Münchner nichts zu befürchten haben, die stößt bei den Bayern natürlich auf große Zuneigung. Trainer Julian Nagelsmann befindet: "Es passieren Fehler, aus Sicht beider Mannschaften und des fairen Sports war nichts dabei, was gegen ein faires Spiel spricht." Nun, falsch liegt er damit natürlich nicht. Aber immer, wenn der FC Bayern mit einem vermeintlich blauen Auge davon kommt, ist die Empörung im (Fußball)-Land arg groß. "Causa FC Bayern", wird dann krakeelt. Coman, der überzählige Mann, hatte in den aufregendsten Sekunden dieses Spieltags keinen Ballkontakt. Und auch sonst tat er nichts, was diese Partie maßgeblich (oder überhaupt irgendwie) beeinflusst hätte. Anders als in den 85 Minuten zuvor. Da war er umtriebig gewesen und hatte drei Minuten vor seiner Auswechslung ein schönes Tor geschossen, zum 3:1. Es war die Entscheidung in diesem wirklich guten Spiel.

Nicht ganz so entspannt geht Dietmar Hamann mit den Dingen um, die sich da am Samstag nach 17 Uhr ereignet hatten: "Es ist ein Regelverstoß. Wenn einer aufs Feld geht, hat einer runterzugehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es 20 Sekunden oder fünf Minuten sind. Wie wir gehört haben, haben die Freiburger den Schiedsrichter über die Situation aufgeklärt", sagte der Sky-Experte, der einst selbst für die Münchner auflief, den Klub aber in seiner aktuellen Rolle gerne kritisiert. "Den Rest muss das DFB-Sportgericht entscheiden. Es muss geahndet werden und das steht für mich außer Frage", legte er hinterher.

Derweil läuft auch die Suche nach jenem oder jener, der oder die dieses blöde Dilemma (oder wie auch immer Sie es nennen wollen) zu verantworten hat. Die Spur führt zu Kathleen Krüger. Dingert erklärte, dass die Teammanagerin dem Vierten Offiziellen die falsche Nummer angezeigt hatte, die 29 nämlich. Die allerdings hatte Coman im Sommer abgelegt und trägt seither die 11. Im aktuellen Profikader ist die angezeigte 29 derzeit gar nicht vergeben. Verrückte Sache. Oder eine "konfuse Situation", wie Dingert befand. Einen Einspruch müssen die Bayern zumindest von Freiburger Seite unterdessen übrigens nicht erwarten, oder doch? "Wir werden etwas kommunizieren, wenn es etwas zu kommunizieren gibt. Einen Zeitplan haben wir dafür nicht", sagte ein Sprecher des Sportclubs am Sonntag.

Am Samstag hatte Trainer Christian Streich noch angedeutet, dass es vermutlich keinen Einspruch geben würde. Er finde dieses Prozedere "absurd", sagte er im Sportstudio: "Es gibt ja für alles Regeln, es gibt auch keinen Einspruch beim Eckball oder Freistoß."

Ein möglicher Protest müsste bis Montagnachmittag eingelegt werden. Sollten die Freiburger davon absehen, wird auch der DFB nicht tätig werden. "Der Kontrollausschuss hat keine rechtlichen Möglichkeiten, Einspruch gegen die Spielwertung einzulegen", sagte ein Sprecher am Sonntag mit Blick auf die Regel 3, Ziffer 7 und 9, des Regelwerks. "Dies kann der SC Freiburg beim DFB-Sportgericht innerhalb von 48 Stunden machen. Dieses Recht ist ihm unbenommen", hieß es vom DFB weiter. Nach Informationen der Deutschen Presseagentur habe es sich aus Sicht des Verbands bei dem Vorfall nicht um eine Regelwidrigkeit, sondern um einen Irrtum gehandelt.

Nur Liebe für Leon Goretzka

Also dann, zurück zum Sport. Den hatte Nagelsmann 90 Minuten lang gebannt verfolgt. Und er war mit seinen Beobachtungen sehr zufrieden, obwohl seine Mannschaft erst in der zweiten Halbzeit so richtig auf Touren kam. Das zurückkehrte Kraftwerk Leon Goretzka per Kopf (58.), Serge Gnabry (73.), Coman (82.) und Marcel Sabitzer (90. +6) trafen für den FC Bayern. Für die Gastgeber hatte das Phänomen Nils Petersen nur einen Tag nach seiner Vertragsverlängerung seinen 100. Pflichtspieltreffer für den Sport-Club erzielt. "Ich habe den Jungs im Hotel erzählt, dass auf dem Weg zu den Titeln, die wir holen können und wollen, jede Minute zählt. Sie haben jede Minute genutzt und ich war zufrieden", plauderte Nagelsmann glücklich daher. Und besonders gerne plauderte er auch über Goretzka, den er und der Klub so sehr vermisst hatten, in den vergangenen Wochen, die so schwierig waren, so schwankend. Zwischen sensationell und rätselhaft.

"Er soll es genießen, dass er nach vier Monaten wieder auf dem Platz steht", hatte Nagelsmann vor diesem Spiel gesagt. "Mir ist wichtig, dass er nicht zu verkopft ist und die Welt einreißen will." Und der gebürtige Bochumer, dieses menschgewordene Kraftwerk, riss doch die Welt ein, zumindest brachte er sie ein wenig ins Wanken. In der 58. Minute köpfte Goretzka einen Freistoß vor dem heranfliegenden Freiburger Torwart Mark Flekken ein.

Vier Monate hatte Goretzka gefehlt, nachdem er sich Anfang Dezember im Spitzenspiel bei Borussia Dortmund verletzt hatte. Die Leidenszeit des Nationalspielers zog sich ewig, nachdem man sich entschieden hatte, die Knieblessur konservativ auszukurieren und nicht zu operieren. Nun schickte Nagelsmann seinen Mittelfeldspieler von Anfang an aufs Feld. "Man hat es in den letzten zwei Wochen, als er wieder voll da war, gemerkt, dass er uns auch im Training sehr guttut", lobte Nagelsmann den Rückkehrer, dessen Kraft als Verbindungsspieler niemand im Kader kompensieren kann. "Du brauchst immer einen Spieler, der mit absoluter Gier trainiert und die anderen mitpusht." Goretzka sei "wichtig für die Mannschaft, für den gesamten Klub. Er hat eine enorme körperliche Präsenz, ist ein sehr guter Fußballer. Er ist einer, der Elan reinbringt, der eine Gier reinbringt. Dementsprechend wertvoll ist es, dass wir ihn nach vier Monaten wieder haben."

Und das allumfassende (Titel)-Glück wurde am späten Samstagabend noch ein bisschen größer. Denn Borussia Dortmund, der einzig verbliebene Rivale (wenn es das richtige Wort ist), wurde von RB Leipzig im eigenen Stadion gedemütigt. Mit 1:4 ging der BVB unter. Ein Wahnsinn. Und wahrscheinlich die endgültige Entscheidung im Meisterduell. Es sei denn, diese verdammten 17 Sekunden haben doch noch Folgen. Der Fokus ist gerichtet.

Quelle: ntv.de

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