Fußball

Heikle Mission für "Held" Xavi Der neue Messi(as) des FC Barcelona

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Legenden.

(Foto: imago images/Shutterstock)

Der FC Barcelona hat es endlich geschafft: Nach einem zähen Verhandlungskrimi holt der strauchelnde Fußball-Riese die Legende Xavi nach Hause. Die Erwartungen an den 41-Jährigen sind riesig. Kann er ihnen gerecht werden?

All jenen Menschen, die es gut bis sehr gut mit dem FC Barcelona meinen, dürfte herzlich egal sein, dass ein womöglich pikantes Detail zur Heimkehr von Xavi Hernández noch fehlt. Denn viel zu groß ist die Euphorie darüber, dass die Legende diesen stolzen Klub nun retten wird (nicht weniger wird erwartet), als dass man sich wieder mit den dramatischen finanziellen Verhältnissen der Katalanen auseinandersetzen möchte. Die sind bekanntermaßen fürchterlich. Was angesichts von Schulden nahe an der Milliardengrenze eine ziemliche niedliche Formulierung ist.

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Kann Xavi an frühere Spieler-Erfolge auch als Trainer anknüpfen?

(Foto: imago images/Xinhua)

Nun, bevor es wieder um Euphorie und Erleichterung geht, pikst die Schuldennadel noch einmal in eine der klaffenden Wunden des FC Barcelona. Davon hat der Verein indes gleich mehrere. Um Xavi, so nennen sie ihn nur, heimzuholen, mussten die Katalanen offenbar eine Ablöse von fünf Millionen Euro an den katarischen Spitzenklub (darüber wird noch zu sprechen sein) Al Sadd überweisen. Für eine Legende scheint diese Summe in einem Business (dem Fußball-Weltmarkt), das von irdischen Verhältnissen trotz aller Demutsvisionen völlig entrückt ist, wie ein Freundschaftsdienst.

Aber die Sache ist halt so: Für den FC Barcelona, der in den vergangenen Jahren bei Ablösen und Gehältern alles andere als zurückhaltend war, eher größenwahnsinnig, sind fünf Millionen Euro mittlerweile ein nicht mehr zu stemmendes Brett. Der Deal mit der Legende, der nicht scheitern durfte, drohte zu scheitern. Denn Barça habe die Zahlung offenbar zunächst abgelehnt, hieß es in spanischen Medien. Zustande kam die Vereinbarung trotzdem. Dank Xavi! Denn der 41-Jährige, der unbedingt in seine Heimat, unbedingt zu seinem Klub, wechseln wollte, beteiligte sich an der Zahlung an seinem aktuellen Arbeitgeber, übernahm die Hälfte. Die andere stemmte Barcelona.

Xavi beantwortet die Krise-Frage

Aber weiß Xavi eigentlich, auf was er sich da einlässt? Natürlich weiß er das. Er muss ein mittleres Wunder vollbringen. Barça ist abgestürzt. Finanziell (siehe oben) und sportlich. Die Blaugrana sind derzeit bestenfalls ein fußballerischer Mitläufer. Nicht nur in der Champions League, das könnte man unter großen Schmerzen womöglich noch aushalten, sondern auch in der heimischen Liga. Unter dem unglücklichen Trainer Ronald Koeman stümperte die Mannschaft durch die spanischen Stadien, leistete sich dabei viel zu oft Unannehmlichkeiten, die als Peinlichkeiten verurteilt wurden. Aber die Frage ist ja: Wie viel Schuld ist dem Niederländer wirklich zuzuweisen?

Eine Antwort darauf wird Xavi geben. Ob er will oder nicht. Denn ein Aussageverweigerungsrecht gibt es in neuer Verantwortung nicht. Ist er erfolgreich, ist Koeman als am Ende planlos entlarvt. Ist er es nicht, spitzt sich die Lage in Katalonien zu. Denn Xavi ist, wenn man so will, der neue Messi(as). Ein Scheitern ist nicht vorgesehen. Denn einen Plan B, C, D, den gibt es sehr wahrscheinlich nicht. Und wenn es ihn gebe, dann wäre er ganz sicher zu teuer.

Das Problem an der Sache ist: Scheitern ist ein (leider für Xavi) nicht völlig utopisches Szenario. Denn die Komplikationen sind gewaltig. Ohne den ewigen Superstar Lionel Messi, der sucht bei Paris St. Germain verzweifelt nach seinem Glück, ist der Klub ein anderer. Ein schwächerer. Denn einen Mann, der stets da ist und selbst in brisantesten Momenten immer eine gute bis sehr gute Lösung fand, den gibt es nicht mehr. Memphis Depay, der als Ersatz verpflichtet wurde, ist ein vernünftiger Fußballer. Aber kein herausragender. Und erst recht kein Heilsbringer. Noch weiter davon entfernt ist Luuk de Jong, den man sogar noch aus Gladbacher Zeiten kennt.

Die klaffende Messi-Wunde

Das Kurieren dieser Messi-Wunde ist die größte Operation, die Xavi nun leisten muss. Bedeutet in seiner gigantischen Wahrheit: Er muss dem FC Barcelona eine neue Spielidee implementieren. Dass er das kann, das hat er schon einmal bewiesen. Nicht als Trainer allerdings. Als Spieler war er das Hirn der legendären Tiki-Taka-Generation. Gemeinsam mit Andrés Iniesta orchestrierte er das für fast jeden Gegner zermürbende Passspiel. Die Erinnerung an die dominanten Jahre, die unter anderem mit vier Triumphen in der Champions League gekrönt wurden, speisen den Hype und die Erwartungen an den neuen, alten Mann. Aber die Frage, ja sogar Sorge, die mitschwingt: Kann ein brillanter Stratege auf dem Feld auch ein brillanter Stratege an der Seitenlinie sein? Seine Arbeit in Katar dient da kaum als belastbarer Maßstab. Zwar feierte er dort Titel und ließ einen feinen Offensivfußball spielen, aber Katar ist eben Katar. Und das bedeutet im Fußball: Katar ist ein Entwicklungsland.

Nun, so trist, so beängstigend die Gegenwart bei den Katalanen ist, so sportlich mutmachend ist die Zukunft. Denn wie so häufig hat die legendäre Talentschmiede "La Masia" wieder Spieler an den Start gebracht, die zarte Träume an goldene Zeiten reifen lassen. Das ist natürlich Pedri, der bei der EM im Sommer für beeindruckende Momente in der spanischen Nationalmannschaft gesorgt hatte. Und da ist Gavi, der bereits als neuer Wunderjunge des Weltfußballs gilt. Beide sind noch sehr jung, 18 (Pedri) und 17 (Gavi) und beide spielen im zentralen Mittelfeld. Wie einst Xavi und Iniesta. Mögliche Vergleiche sollten verboten werden. Träume aber nicht.

Und vorne, da ist ein Ansu Fati. Auch so ein Versprechen. Ein Mann, der in brisanten Situationen sehr gute Lösungen finden kann. Ein Messi ist aber natürlich nicht. Und wird das auch nicht werden. Beim FC Barcelona, wo auch sonst, wissen sie, wie einmalig ihr Argentinier war. Aber Hoffnungen sind wie Träume nicht verboten. Allerdings hat der 19-jährige Linksaußen auch bereits eine bemerkenswerte Verletzungshistorie vorzuweisen. All jenen Menschen, die es gut bis sehr gut mit dem FC Barcelona meinen, dürfte das herzlich egal sein. Xavi ist ja jetzt da (also er kommt an diesem Wochenende). Und er wird sie alle retten. Er muss. Denn Scheitern ist keine Option.

Quelle: ntv.de

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