Fußball

Die Ultrareichen greifen an Der skurrilste Abstiegskandidat Europas

d327a4b904e03c17e69f6c862fc8f3b7.jpg

Offenbar ein Mann für Newcastle: DFB-Aufsteiger Robin Gosens.

(Foto: imago images/ActionPictures)

Newcastle United ist womöglich bald Tabellenletzter der Premier League. Diese Aussicht verdirbt aber nicht die Stimmung. Denn schon bald soll es wieder um Titel gehen. Die neuen Bosse setzen dabei auf eine knallhart kalkulierte Transferpolitik.

Beim reichsten Klub der Welt wuchern die (Fieber)-Träume. 95 Jahre nach der letzten Meisterschaft und 67 Jahre nach der letzten nationalen Trophäe (FA-Cup) soll es nicht mehr allzu lange dauern, bis Newcastle United endlich wieder an der Spitze der englischen Fußball-Liga thront. Wann das so weit ist, das weiß niemand. Was man aber weiß: In dieser Saison wird es nix mehr mit der Attacke auf die Großmächte aus Manchester (City), Liverpool und London (FC Chelsea). In dieser Spielzeit geht es für die Magpies nur um eines: Überleben in der Premier League.

Und es wird mutmaßlich ein verdammt langer Kampf, ehe sich der reichste Klub der Welt den Dingen zuwenden kann, die der Anspruch der neuen Besitzer aus Saudi-Arabien sind. Eine Neusortierung der englischen und europäischen Fußball-Welt. Mutmaßlich wird die Attacke im Sommer ausgerufen, auf dem Transfermarkt. Auf dem wird freilich bereits in diesem Winter gewuchert. Muss auch, denn dem Verein geht es sportlich verdammt schlecht.

Im FA-Cup hat sich die Mannschaft gerade erst bei einem Drittligisten blamiert, in der Liga steht man auf Tabellenplatz 19, ist demnach Vorletzter. Lediglich einen Sieg (!) in 20 Versuchen hat die Mannschaft bislang zusammenbekommen. Das ist, man muss es so sagen, jämmerlich. Nur das Schlusslicht, der FC Burnley, ist genauso schlecht, hat aber drei Spiele Rückstand, um diese Bilanz ein wenig zu korrigieren. Dass mit Norwich City und dem FC Watford zwei andere Klubs ebenfalls kaum etwas hinbekommen, ist die aktuell noch die beste Nachricht für United. Drei Vereine steigen ab.

Das ist schon reichlich verrückt, was sich da gerade in Newcastle abspielt, denn die Realität frisst die Träume bei den treuen Anhängern nicht auf. Der Frust über die aktuelle Lage wird bei den vielleicht loyalsten Fans der Liga geschluckt von der Euphorie der Zukunft. Selbstverständlich ist das nicht. Die Übernahme von millionen- bis milliardenschweren Investoren findet nicht immer nur Liebe. Auf der Insel sind die Vorbehalte gegen neuen Reichtum allerdings mittlerweile weit weniger ausgeprägt als etwa in Deutschland und der Bundesliga. Als im Oktober des vergangenen Jahres bekannt war, dass ein Konsortium mit saudischer Beteiligung den Klub übernimmt, feierten tausende Fans eine wilde Party. Dass es den Investoren dabei knallhart auch um Image, Wirtschafts- und Machtpolitik geht, egal! Ebenso wie der eskalierte Streit mit der Liga um die Übernahme.

Spektakulärer Zwischenschritt nötig

Nun ist die Sache durch, sind die Träume groß. Noch größer ist allerdings der Berg an (Transfer)-Arbeit, den der Klub abzutragen hat. Mit dem Aufgebot der Hinrunde, diese Erkenntnis setzte sich schnell durch, droht im Sommer 2022 eher Grausamkeit (Abstieg) als Gloria (Angriff auf Titel und Europa). Die bedrohliche Lage in der Liga zwingt die sportlichen Bauherren zu einem mächtigen Spagat. Ehe im Sommer im obersten Transferregal zugegriffen werden soll, braucht es nun Klassenkämpfer, am besten mit Perspektive. Der umtriebige Rechtsverteidiger Kieran Trippier ist so einer (er kam für rund 14 Millionen Euro von Atlético Madrid), der ebenfalls umtriebige DFB-Aufsteiger Robin Gosens von Atalanta Bergamo soll so einer werden. Auch, wenn sich sein Klub gegen die Gerüchte wehrt und einen Wechselplan von Gosens negiert.

Tatsächlich haben die Magpies die Defensive als dringend zu bearbeitendes Feld identifiziert. Angesichts von 43 Gegentoren in 20 Spielen eine sehr nachvollziehbare Analyse. Oft vergeigte die Mannschaft Spiele in den letzten Minuten. Allerdings ist auch die Offensive mit nur 20 Toren noch nicht gewinnbringend eskaliert. Trippier ist ein Mann für beide Baustellen, ein Terrier im Duell, ein Mann mit gefährlichen Flanken und Standards. Gosens ist ein ständiger Antreiber, nicht unbedingt der Mann fürs Mauern, dafür aber stets gefährlich mit seinen energischen Läufen auf dem linken Flügel.

Trippier und Gosens sind diese Spieler, mit denen es für Newcastle auch in der nächsten Saison sinnvoll weitergehen kann. Ob das auch für Mittelstürmer Chris Wood gilt? Eher fraglich. Der Neuseeländer wurde gerade erst für die erstaunliche Summe von 30 Millionen Euro vom FC Burnley verpflichtet, dort war er jahrelang der Schlüsselspieler. In den Spielzeiten zuvor hatte er immer zweisteillig getroffen, dass er in dieser Saison nur drei Tore erzielte, nun ja. Aber tatsächlich ging es United nicht nur um die Schwächung eines Gegners, sondern auch darum, den längeren Ausfall von Callum Wilson zu kompensieren.

Erster großer Transferrausch im Winter

Nun dürften diese Verpflichtungen (oder bei Gosens die sich andeutende) nur die ersten großen Auswüchse des Gebarens auf dem Transfermarkt sein. Finanziell jedenfalls muss der Verein keine Rücksicht nehmen. Deswegen scheinen auch die Gerüchte um den brasilianischen Innenverteidiger Diego Carlos (für rund 50 Millionen vom FC Sevilla, dort ist er Stammspieler) und Leipzigs Mittelfeldmann Amadou Haidara (für weit mehr als 20 Millionen) durchaus glaubwürdig. Gekauft werden darf eben, was gewünscht wird (und verfügbar ist).

Und weil Fußballer und Berater um diese schöne neue Welt der Gehälter und Ambitionen wissen, steht halb Europa im Schaufenster (den entsprechenden Gerüchten zufolge) und posiert für die prächtige Braut. Quer durch alle Ligen werden Verbindungen lanciert. Was indes alles andere als ungewöhnlich ist. Bereits in diesem Winter könnte sich demnach in Newcastle ein Top-Ensemble der Unzufriedenen sammeln.

Von den Champions-League-Siegern Keylor Navas (Paris St. Germain) und Isco (Real Madrid) bis zum niederländischen Nationalspieler Donny van de Beek (Manchester United, wohl eher abgeneigt). Klingt spektakulär, ergibt aber vermutlich aktuell wenig Sinn. Noch braucht es Kämpfer, keine Feingeister und Strategen. Das ist der übernächste Schritt und wird (medial) schon vorbereitet.

Und so dulden im Hintergrund schon (vogelwild) die Namen für das künftige Gloria. Marc-André ter Stegen wird gehandelt, Niklas Süle, Toni Kroos, Florian Wirtz und Timo Werner ebenfalls. Geträumt wird offenbar auch von der Rückkehr von Georginio Wijnaldum, der den Klub kennt und in der Saison 2015/16 begeisterte, ehe er nach Liverpool wechselte und der inzwischen in Paris unzufrieden ist.

Ousmane Dembélé soll angesichts der üppigen Aussichten nicht abgeneigt sein, auch Philippe Coutinho gilt als Kandidat. Er bewies am Wochenende beim Debüt für Aston Villa, dass er trotz seines andauernden Karriereknicks immer noch ein außergewöhnlicher Fußballer sein kann. Beim reichsten Klub der Welt wuchern die wilden (Fieber)-Träume. Egal, wie bedrohlich die Realität gerade ist.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen