Fußball

Reals Legende Karim Benzema Der (unterschätzte) beste Stürmer der Welt

Wenn Manchester City im Halbfinale der Champions League auf Real Madrid trifft, dann bereitet ein Spieler der "Königlichen" Starcoach Josep Guardiola besonders großes Kopfzerbrechen: Karim Benzema, der Starstürmer, der auf der Zielgeraden seiner Karriere so gut ist wie nie zuvor.

Karim Benzema hat in der vergangenen Woche etwas getan, was so gar nicht zu ihm passt: Der Stürmer von Real Madrid, der in diesen Wochen so gut ist wie nie zuvor in seiner ohnehin schon extrem erfolgreichen Karriere, versemmelte im Liga-Spiel gegen CA Osasuna in nicht mal zehn Minuten zwei Strafstöße. Zweimal lief er lässig an, schoss je in die gleiche Ecke und wurde dort von Torwart Sergio Herrera überrascht. Blöd gelaufen für den 34-Jährigen. Aber für jenen Mann, der in diesem Jahr wahrscheinlich verhindern wird, dass Bayern Münchens Tor-Phänomen Robert Lewandowski wieder nicht den verdammten "Ballon d'Or" gewinnen kann, und seinen Klub war dieses Malheur folgenlos. Die "Königlichen" gewannen das Auswärtsspiel mit 3:1 (1:1) und sind quasi Meister. Vor den letzten fünf Spielen in der spanischen Liga haben sie 15 Punkte Vorsprung vor den Verfolgern Barcelona und Sevilla.

Nun war diese skurrile Partie gegen Osasuna quasi die Antithese zur gegenwärtigen Fußball-Wahrheit von Real. Das Team von Carlo Ancelotti braucht Karim Benzema nämlich. Vielleicht nicht in Spielen, die mehr Pflicht als Kür sind. Aber davon gibt es im Endspurt einer Saison ja tendenziell eher wenige. Außer eben in der Liga, in diesem Jahr des Barcelona-Scheiterns. Wenn die Titel ausgespielt werden, dann braucht es die großen Momente von großen Spielern. Und Benzema ist halt so einer. Womöglich ist er in der aktuellen Verfassung der beste des Planeten. Eine bemerkenswerte Story. Die so nicht unbedingt prophezeit war. Seit 13 Jahren spielt der Mann aus einem rauen Vorort von Lyon in der spanischen Hauptstadt. Sehr häufig tat er das gut. Aber noch häufiger weit unter dem Radar. Denn im langen Schatten von Cristiano Ronaldo war kein Platz für eine zweite Lichtgestalt. Er war sein unterschätzter, aber höchst wertvoller Adjutant.

Und wenn es eine hätte geben sollen, dann wäre sie Gareth Bale gewesen, der einst teuerste Spieler der Welt, der mittlerweile der teuerste Clown im Fußball-Zirkus ist, für sein Heimatland Wales aber regelmäßig nachweist, was für ein herausragender Spieler er weiterhin sein kann. Wenn er nicht auf dem Golfplatz steht. Nun ist Ronaldo längst weg, Bale zwar noch anwesend, aber gar nicht mehr präsent und deren sehnsüchtig erwartete Nachfolger Kylian Mabppé und womöglich Erling Haaland noch in nebulösen Transferschlangen gefangen. Die Zwischenzeit. Die Zeit zwischen den ewigen Duellanten Lionel Messi und Ronaldo, der Real bereits im Sommer 2018 verlassen hatte, und die Zeit bis die Nachfolger ein neues Duell ausrufen. Ein Vakuum, das nun Benzema und Lewandowski füllen können. In diesem Jahr. Vielleicht auch noch im nächsten Jahr. Dann läuft sein gültiger Arbeitsvertrag bei Real Madrid aus.

Dort die glorreiche Vergangenheit und da hinten die Vision einer fantastischen Zukunft. Es ist die Zeit von Karim Benzema. Und diese Zeit ist so wundersam und wundervoll, dass sie selbst bei Real nur staunen. Obwohl der Klub natürlich sein eigenes Verständnis eines "mia san mia" hat, also den unerschütterlichen Glauben ein ewiger Champion zu sein.

"K9 ist dein Schutzengel. K9 ist Gott!"

Benzema, da ist sich die Fußball-Welt sehr einig, spielt die beste Saison seines Lebens. Dass das noch unfertige Ensemble im Umbruch in diesem Jahr souverän Meister (trotz eines 0:4-Debakels im "Clasico", allerdings ohne Benzema) wird und um den Titel in der Champions League mitspielt, das hat die Mannschaft der so gemütlichen Trainer-Eminenz Ancelotti vor allem dem Franzosen zu verdanken. In 40 Pflichtspielen hat der Franzose 39 Tore erzielt und 13 vorbereitet. Das macht ihn zum besten Scorer in Europas Top-Ligen, er hat in allen Wettbewerben gleichsam stark gespielt - aber besonders die Königsklasse zu seiner Bühne gemacht, die er in diesem Jahr bereits zum fünften Mal mit Madrid gewinnen könnte. Und je mehr sich der Kampf um den Henkelpott zuspitzt, desto spektakulärer tritt der Franzose auf.

Im Achtelfinal-Rückspiel zerschmetterte er das Luxus-Projekt Paris St. Germain mit einem Hattrick in tausend wertlose Diamanten. Er verzwergte Neymar, Mbappé, Lionel Messi und Co. zu Milliarden-Deppen. Eine Runde weiter zermalmte Benzema den FC Chelsea. Traf in London beim furiosen 3:1-Erfolg wieder dreifach und wurde danach mindestens zur Welt-Welt-Welt-Legende ausgerufen. "K9 ist Spiderman. K9 ist Wolverine. K9 ist der Türsteher vor deinem Gebäude. K9 ist dein bester Freund. K9 ist deine Großmutter. K9 ist der Präsident der USA. K9 ist dein Aufpasser beim Fallschirmspringen. K9 ist dein Schutzengel. K9 ist Gott!", twitterte die spanische Torwart-Ikone und Ex-Teamkollege Iker Casillas über Benzemas surreale Gala an der Stamford Bridge.

Im Rückspiel dann, in Bernabeu, rettete er sein überfordertes Team in der Verlängerung vor einem Knockout gegen den Titelverteidiger. Sein Kopfball, eine Wucht. Seriöses Handwerk eines Angreifers, der den Abschluss mit seiner herausragenden Technik zu einer eigenen Kunstform erhoben hat. Der mit der Art seines Spiels zwischen vorderster und hängender Spitze eine eigene Interpretation der Figur des Stürmers geschaffen hat. Mittlerweile geliebt und nicht mehr verschmäht. Mittlerweile längst eine Legende im Klub, für den er 599 Mal gespielt hat, für den er 318 Mal traf (nur Ronaldo, 450, und Raúl, 324, haben mehr) und 157 gewinnbringend vorlegte. Ikonen wie Alfredo di Stefano, Santillana und Ferenc Puskás hat er hinter sich gelassen.

Es war nicht immer einfach mit Real

Lange Jahre war die Beziehung zwischen dem Franzosen, dem immer noch die undurchsichtige Rolle in der sehr bizarren Sextape-Affäre um den ehemaligen Nationalmannschaftskumpel Mathieu Valbuena anhängt, und den Fans der Madrilenen eine schwierige. Denn nicht immer war Benzema der Erlöser im Spiel. Nicht immer war er Torjäger, sondern gelegentlich auch Chancentod. In Ronaldos letzter Saison, 2017/18, traf er lediglich fünf mal in der Liga, die Fans waren not amused. Nicht immer war er in Madrid das gewaltige Versprechen, als das er 2009 von Olympique Lyon gekommen war. Obwohl er den Klub im Alter von 21 Jahren verlassen hatte, hatte er sich dort bereits ikonischen Status erarbeitet. Als Mitglied der hochtalentierten 1987er-Generation galt er als neuer Held des französischen Fußballs, in 148 Spielen für Lyon traf er 66 Mal und legte 27 Mal auf. Benzema ist nicht nur ein Mann für den Abschluss, sondern dank seiner Spielintelligenz auch jemand, der ständig Gefahr heraufbeschwört. Der mit einer Aktion alles entscheiden kann. Der das Spiel so leicht erscheinen lässt.

Dass er aber überhaupt den Weg zum Fußball fand, hat er seinem Vater zu verdanken. Benzemas Familie wuchs in Bron auf, einem rauen Vorort der Metropole in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. Ein hartes Pflaster, ein Ort, an dem viele Jugendliche auf den falschen Weg abbiegen und ins kriminelle Milieu abdriften. Vater Hafid trieb diese Sorge um, er meldete Karim im Jugendinternat an. Er ging den guten Weg. Ein Freund aus Kindheitstagen nahm den schlechten. Er soll die Sextape-Affäre um Valbuena inszeniert haben. Ob Benzema Mittäter war oder dem Fußballer helfen wollte, das wird am 30. Juni neu verhandelt. In erster Instanz war er wegen der Beihilfe zur versuchten Erpressung zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung und 75.000 Euro Strafe verurteilt worden.

Die Affäre brachte seine Karriere zwischenzeitlich tüchtig ins Wanken. Ende 2015 wurde er vom Verband bis auf Weiteres aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen, erst im vergangenen Sommer, kurz vor der vermurksten EM der "Les Bleus" kehrte er zurück. Überschattet wurde seine lange Abstinenz von Rassismusvorwürfen gegenüber Nationalcoach Didier Deschamps, als dieser den Stürmer nicht für die Heim-EM 2016 nominiert hatte, trotz herausragenden Leistungen bei Real. Es folgten zwei dürftige Jahre bei den Königlichen. Benzemas Karriere droht zu knicken. Aus der Ferne musste er mit mitansehen, wie seine Nationalmannschaftskollegen bei der WM in Russland den Titel holten. Ein immenser Makel seiner Karriere. So steht in seiner Karriere für die Équipe Tricolore nur der unbedeutende Nations-League-Titel.

Doch er biss sich zurück als Ronaldo ging. Wurde von der mauzenden Katze zum bellenden Hund. So war er 2010, ein Jahr nach seiner Ankunft von Starcoach José Mourinho verspottet worden. Wörtlich hatte er gesagt: "Wenn du keinen Hund zum Jagen hast, musst du die Katze nehmen."

"Das ist wie mit dem Wein"

Alles längst vergessene Geschichten. In der Zeit zwischen der glorreichen Vergangenheit und der Vision einer fantastischen Zukunft ist der Stürmer zur prägenden Figur der Madrilenen gereift. Zum Tor-Phänomen, zum Anführer. Eine Rolle, die dem introvertierten Franzosen nie zugetraut worden war, die er aber umso bemerkenswerter ausfüllt. "Karim wird jeden Tag besser, das ist wie mit dem Wein. Er wird jeden Tag mehr zum Leader. Seine Einstellung ist beispielhaft für alle", schwärmte Coach Carlo Ancelotti zuletzt: "Karim ist ein kompletter Spieler. Er hat schon viele Tore geschossen, deshalb ist er sehr wichtig. Er hilft dem Team sehr mit seiner Besessenheit, mit seiner Dynamik." Die Fähigkeit zur Führung, zur Motivation, sie hebt ihn etwa von einem Lewandowski ab, der vor dem Tor vielleicht sogar noch ein bisschen abgezockter ist, aber dem der Ruf anhaftet, mehr Egoist als Teamspieler zu sein.

Wenn Real nun am Abend (ab 21 Uhr im Liveticker bei ntv.de) im Halbfinal-Hinspiel der Champions League auf Manchester City trifft, dann ist das nicht nur das Duell der alten Fußball-Welt gegen die neue, sondern auch das von Benzema gegen Starcoach Josep Guardiola. Der Katalane neigt in großen Spielen dazu, sein Genie in fatale Fehleinschätzung entgleiten zu lassen. Eine Frage, die ihn quälen wird: Wie ist der Franzose aus der Partie zu nehmen? Wie gelingt es den Citizens, nicht von Benzema gefressen zu werden, der in solchen Spielen immer besonders gierig ist. Wie er nach seiner Gala beim FC Chelsea bekannte. "Ich spiele nicht Fußball, um der Beste der Welt zu werden, ich spiele für Nächte wie diese." Aber Nächte wie solche sind gemacht, um der Beste der Welt zu werden. Lewandowski dürfte dieser Gedanke besonders quälen, weil er nach dem peinlichen Knockout gegen den FC Villarreal nur Zuschauer ist, wenn der König des Fußballs ausgespielt wird.

Quelle: ntv.de

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