Fußball

Die Lehren des fünften Spieltags Die Bundesliga kapituliert vor Lewandowski

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Wie viele Tore noch gleich?

(Foto: Pool via REUTERS)

Der Profi-Fußball ist ein höchst sensibles Gebilde, das zeigt nicht nur der Fall Gnabry. Dessen Bayern-Kollege Robert Lewandowski stellt wieder einen Bundesliga-Rekord auf, während der FC Schalke verzweifelt. Und Borussia Dortmund muss sich endlich entscheiden.

Ach, Schalke

61 Minuten, länger hielt es der einzige Schalke-Fan im Stadion nicht aus. Über einen Bekannten hatte er sich eine Karte besorgt, um live dabei zu sein beim Revierderby. Nach dem 0:2 durch Erling Haaland aber hatte er genug gesehen und machte sich auf den Weg nach Hause, angesichts des Endstands von 0:3 seiner Königsblauen bei Borussia Dortmund wohl die richtige Entscheidung. Schließlich ist Hoffnung bei den Knappen gerade nicht im Angebot. Der neue Trainer Manuel Baum, als Hoffnungsträger geholt, ist schon nach drei Spielen bei Durchhalteparolen angekommen. "Das kann ganz schnell gehen", erklärte er die Suche nach dem Erfolgserlebnis, auf das die Schalker nun seit 21 Spielen und mehr als neun Monaten warten.

Rein sportlich war kein bisschen zu erkennen, woher die Zuversicht kommen soll, dass es "ganz schnell" gehen könne. Schließlich wusste die Mannschaft nichts mit dem Ball anzufangen, wenn sie ihn denn mal hatte, und brachte offensiv nichts zustande. Ein einsamer Punkt, zwei magere Tore stehen nach fünf Spielen in der Statistik, dazu gewaltige 19 Gegentreffer, also knapp vier pro Partie. Von 540 Minuten lag Schalke 263 in Rückstand, eine Führung gab es noch überhaupt nicht. Das schwere Auftaktprogramm - in München, in Leipzig, in Dortmund - trägt dazu sicher einen Teil bei, aber es ist ja nicht so, dass mit etwas mehr Spielglück zwei Siege herausgesprungen wären, gegen FCB und BVB hätte es noch wesentlich deutlicher werden können.

Die Zweifel an der Bundesliga-Tauglichkeit von S04, sie sind berechtigt und sie wachsen weiter. Am Freitag (20.30 Uhr im Liveticker bei ntv.de) kommt Aufsteiger VfB Stuttgart nach Gelsenkirchen, danach geht es zum Krisentreffen bei Schlusslicht FSV Mainz 05. Wenn dabei - wie auch immer - die Horrorserie ein Ende findet, gelingt der Umschwung vielleicht. Offen ist nur, mit welchen Mitteln. Wenn selbst nach Spielen die einzige Hoffnung ein Wunder ist, droht Königsblau die erste Zweitliga-Saison nach 30 Jahren Erstklassigkeit.

Es ist ein sensibles Gebilde

Prominente Corona-Fälle produzierte die Bundesliga unter der Woche: Beim FC Bayern wurde am Dienstag Serge Gnabry positiv getestet. Das hatte Folgen: Der formstarke Nationalspieler verpasste das Champions-League-Spiel seines Klubs gegen Atlético Madrid (4:0) und durfte auch gegen Eintracht Frankfurt (5:0) in der Bundesliga nicht ran. Nach dem ersten positiven Test wurde Gnabry aber mehrfach negativ getestet. Das wiederum beeindruckte die zuständige Gesundheitsbehörde nicht: Gnabry hatte in Quarantäne zu bleiben. Am Sonntag schwang man dann um, erklärte den ersten zum "falsch positiven" Test und entließ den Spieler mit sofortiger Wirkung aus der Quarantäne.

In der zweiten und dritten Liga gab es sogar eine ganze Flut widersprüchlicher Testergebnisse. Würzburg, Heidenheim, Türkgücü München: Allesamt wurden sie ins Chaos gestürzt von positiven Tests, die offenbar falsch waren. Die voneinander abweichenden Befunde sollen nun durch die "Task Force Sportmedizin/Sonderspielbetrieb" der Deutschen Fußball-Liga (DFL) in den kommenden Tagen fachlich ausgewertet werden.

Mit offenbar funktionierenden Hygienekonzepten dürfen die obersten Ligen in diesen Tagen stetig steigender Krisenkennzahlen bislang durchspielen. Wie die Verantwortlichen nun auf das Testchaos des Wochenendes reagieren? Wer haftet für finanzielle Schäden durch falsche Ergebnisse? Wie wird eine eventuelle Wettbewerbsverzerrung durch unnötig ausgefallene Spieler und Spiele kompensiert? Das ist eine neue Prüfung in unsicheren Zeiten.

Der beste Lewandowski der Welt

Es ist eine simple Dreisatz-Rechnung: An den ersten fünf Spieltagen erzielte Robert Lewandowski zehn Tore - das ist neuer Bundesliga-Rekord. Wenn er diese Quote für den Rest der Saison aufrechterhält, steht er nach 34 Spieltagen bei 68 Toren; die Bestmarke steht seit 1971/72 bei 40, aufgestellt vom legendären Gerd Müller. Und wenn im Fußball auf eines Verlass ist, dann auf Vorhersagen, auf Prognosen, auf Hochrechnungen. Aber mal ernsthaft: Der Stürmer des FC Bayern ist der beste Abschlussspieler der Welt. Das ist nicht neu und auch nicht überraschend, aber es ist eben beeindruckend, wie der 32-Jährige seine Klasse wieder und wieder nachweist.

Seine Torquote beim FC Bayern ist fast identisch mit der des besten Torjägers, den Deutschland je gesehen hat: Gerd Müller kam auf 0,89 Tore pro Spiel (515 Tore in 576 Spielen), Lewandowski steht aktuell bei 0,86 (256 in 297). Am nächsten kommen dem Duo Luca Toni (58 in 89) und Mario Gomez (113 in 174), die für den FC Bayern im Schnitt 0,65 Tore pro Spiel erzielten. Das ist natürlich alles sehr statistiklastig, und der Vergleich über Dekaden hinweg ist auch immer schwierig, aber manchmal sagt eine Zahl einfach mehr als 1000 Worte.

Beim eindrucksvollen 5:0 gegen Eintracht Frankfurt demonstrierte Lewandowski einmal mehr seine außergewöhnliche Begabung vor dem Tor. Beim 1:0 legte er den Ball mit seinem linken Fuß hart und platziert im rechten unteren Toreck ab, SGE-Keeper Kevin Trapp streckte sich vergeblich. Beim 2:0 gewann Lewandowski nach einer Ecke das Kopfballduell gegen Stefan Ilsanker, das 3:0 erzielte der polnische Nationalmannschaftskapitän dann mit rechts. Weshalb Jérôme Boateng nach dem Spiel festhielt: "Er hat einfach alles, das macht ihn zum besten Stürmer der Welt."

Was ist Borussia Dortmund?

Borussia Dortmund eilt noch immer der Ruf einer talentierten, jungen Mannschaft voraus. Eine Elf, die noch in der Entwicklung ist und der noch ein, maximal zwei Jahre fehlen, um endlich ganz oben anzugreifen. Da ist schließlich Erling Haaland, der zwar schon jetzt Weltklasse ist, aber eben auch im Juli seinen 20. Geburtstag feierte. Jadon Sancho ist nur vier Monate älter, Giovanni Reyna wird Mitte November 18, Jude Bellingham sogar erst im nächsten Sommer. Deshalb wird dem BVB mitunter verziehen, wenn er in seinen Leistungen so schwankt wie in der vergangenen Woche. Dem miesen Auftritt beim 1:3 bei Lazio Rom folgte ein überzeugendes 3:0 im Revierderby, wobei der FC Schalke derzeit seine Bundesliga-Tauglichkeit schuldig bleibt (siehe oben).

Dabei ist es vor allem die wechselhafte Defensivarbeit, die dem BVB immer wieder Probleme macht. Dort aber spielen keine Talente, sondern mit Mats Hummels, Manuel Akanji, Raphael Guerreiro und Thomas Meunier gestandene (Ex-)Nationalspieler. Das gilt ebenso im Mittelfeld für Marco Reus, Axel Witsel, Thomas Delaney und Emre Can, auch Julian Brandt ist zwar erst 24 Jahre alt, hat aber auch 33 Länderspiele absolviert. In der von Trainer Lucien Favre unfreiwillig eröffneten Torwart-Diskussion ist Roman Bürki der drei Jahre jüngere, der Schweizer wird in zweieinhalb Wochen 30.

Das Problem, das Borussia Dortmund hat, ist schwer zu greifen. Zu oft wechseln sich starke Leistungen mit unerklärlichen ab, zu selten tritt der BVB drei Spiele in Folge konstant gut auf. Es aber allein auf die vermeintliche Jugend zu schieben, greift zu kurz. Zumal mit Haaland einer der Jüngeren mitunter der konstanteste Akteur in Schwarzgelb ist, nicht nur wegen seiner sechs Tore in sieben Einsätzen. Vielleicht muss sich die Borussia einfach entscheiden, was sie sein möchte: Eine junge Mannschaft mit einigen erfahrenen Profis oder eine erfahrene Mannschaft mit einigen Jungprofis.

... und nicht vergessen: Am Montagabend findet noch eine Partie des fünften Spieltages statt, um 20.30 Uhr empfängt Bayer Leverkusen den FC Augsburg. Das Spiel gibt's natürlich im ntv.de-Liveticker.

Quelle: ntv.de