Fußball

Die Lehren der Saison Die Liga - entfesselt, entliebt, entpeppt

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Meister, schon wieder: der FC Bayern.

(Foto: imago/Revierfoto)

Der FC Bayern dominiert die Bundesliga, obwohl er keine Dominanz mehr zeigt. Der BVB bietet FC-Hollywood-Drama. RB überrascht im Trump-Style, Hamburg macht Schule - und in Köln können die Opas einpacken.

1. Der FC Bayern hat abgerüstet

Josep Guardiola, das hat Philipp Lahm der "Zeit" Anfang Mai verraten, hat während des Spiels oft einfach mal die Taktik geändert. Obwohl sportlich auf dem Rasen längst alles geklärt war. Warum er das tat? Nun, weil er es konnte. Weil die Mannschaft was lernen sollte. Der Katalane rüstete den FC Bayern München in drei Jahren zum taktisch vermutlich besten Ensemble im Weltfußball. Dass er damit nicht den ganz großen Titel, die Champions League, gewinnen konnte, nun, es bleibt der große Makel der "Pep"-Ära. Dem zehrenden Überforderungsfußball setzten die Münchener mit Beginn der nun abgelaufenen 54. Bundesliga-Saison den Entspannungs-Veteranen Carlo Ancelotti entgegen. Die Rechnung war folgende: Katalanische Klugheit + Ruhe des "Papà italiano" = Champions League (+ Meisterschaft und gerne auch DFB-Pokal). Das Ergebnis: Meisterschaft. "Auf Dauer ein bisschen wenig", mosert Klubboss Uli Hoeneß.

Für die Zukunft bedeutet das folglich: Bitte wieder mehr als nur ein Titel. Und das gerne auch mit Bordmitteln, wie Hoeneß sagt. Bedeutet also: Keine Great-Investment-Heilssuche auf dem sommerlichen Transfermarkt. Coach Carlo soll mit dem Bestand minus Philipp Lahm und Xabi Alonso sowie ein paar Ergänzungen klarkommen. Und er muss persönlich liefern. Die stoische Ruhe, mit der er die für Münchener Verhältnisse teilweise grenzwertigen Auftritte seiner Elf verfolgte, ließ nicht nur in der bayrischen Landeshauptstadt Zweifel an der taktischen Finesse aufkommen. In einer sich seit Herbst andauernd wiederholenden 24/7-Abwehrschleife bellten die Vereinsbosse: "Abwarten, die Ancelotti-Zeit kommt noch." Dann nämlich, wenn die Titel verteilt werden. Und? Die Titelzeit kam, die Ancelotti-Zeit kam nicht, zumindest nicht zur vollen Blüte. Beim Königsklassen-Kollaps gegen Real Madrid kosteten 45 verängstigte Minuten die sechste Halbfinal-Teilnahme in Serie. Und im DFB-Pokal scheiterten die Bayern am BVB – der mutig war, gut gecoacht wurde – und am folgenschwersten Fehler in Philipp Lahms Karriere seit dem EM-Finale 2008. Meister sind sie dennoch geworden. Mit 15 Punkten Vorsprung. Sie haben die Liga dominiert – ihre sportliche Dominanz aber verloren. Der alte FC Bayern, er sagt: Servus. Und der neue? Er schweigt. Noch.

2. Der BVB kopiert den FC Hollywood

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Herzlich ist anders: BVB-Boss Hans-Joachim Watzke und sein Coach Thomas Tuchel bei der Umarmung nach dem letzten Pflichtspiel.

(Foto: imago/Nordphoto)

Das Potenzial für einen großen Blockbuster trägt Borussia Dortmund quasi in der Klub-DNS. Die 1909 begonnene, rührselige Geschichte des Arbeiterklubs vom Borsigplatz. Die leidenschaftlich erspielten und gefeierten Erfolge. Die fortwährende "Echte Liebe" zwischen Verein und Fans. Die Beinah-Insolvenz im Jahr 2005. Mit Kultcoach Jürgen Klopp pendelte das Potenzial zuletzt irgendwo zwischen Komödie und Grimassen-Horror. Das aktuelle Dortmunder Bewerbungs-Drehbuch für den Bundesliga-Oscar der Spielzeit 2016/17 erzählt indes die eigenartige Geschichte eines bizarren Mobbing-Thrillers. In den Hauptrollen: Klubchef Hans-Joachim Watzke und Trainer Thomas Tuchel. Zwei Alphatiere, die augenscheinlich nicht miteinander können. Die sich vom Tun des jeweils anderen zunehmend provoziert fühlen – die sich in der Rückrunde, speziell nach dem fatalen Anschlag auf den BVB-Bus vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen den AS Monaco am 11. April, gegenseitig diskreditiert und danach im Eiltempo entliebt haben.

Dabei hat es dieses FC-Hollywood-reife Theater eigentlich gar nicht nötig. Denn die Borussia hat sich im zweiten Jahr unter dem talentierten Tuchel vom kraftraubenden Klopp-Heavy-Metal befreit, hat die neben Monaco spannendste Youngster-Mannschaft in Europa, spielt zwar nicht konstant, aber phasenweise dramatisch schön und spektakulär wie auch zum wilden Saisonabschluss gegen Bremen. Der BVB spielt in der kommenden Saison erneut in der Champions League und kann nächste Woche sogar noch einen bedeutenden Titel gewinnen, den DFB-Pokal. In Dortmund, an der Strobelallee, könnte Großes entstehen. Nichts so Leidenschaftliches wie unter Klopp. Eher eine professionelle Erfolgsgeschichte. Vielleicht passt aber genau das nicht zur Klub-DNS. Vielleicht braucht es eher das Drama, das Lieben und das Leiden, nicht den kühlen Erfolg. Dass der Klub jeglichen Gerüchten um seine heftig umworbenen Spieler Pierre-Emerick Aubameyang oder Ousmane Dembélé schneller ein Schloss umhängt, als sie geschrieben werden können, aber bei allen Spekulationen um mögliche Tuchel-Nachfolger wenig Mühe auf Dementi verschwendet, verdichtet das für viele ziemlich Wahrscheinliche: Ein vorzeitiges Auseinandergehen der Alphamännchen, ein "Hau rein" von Tuchel - als bester BVB-Punktesammler der Ligageschichte und vielleicht als Pokalsieger.

3. Aufsteiger sind abgeschafft

Aufsteiger, das waren mal Mannschaften, die als Liga-Neulinge um jeden Punkt kämpfen mussten. Mit wenig Fußball, aber reichlich Biss, Laufbereitschaft, Leidenschaft und Blutfluggrätschen, falls angezeigt. Das große Ziel (von teuflischen Ausrutschern nach oben abgesehen): nur kein Absteiger werden. Aufsteiger, das waren in dieser Saison Bundesliga-Debütant RB Leipzig und der SC Freiburg. Ihr Saisonplan: Mutiger Fußball, kluge Taktik. Ihre Endplatzierungen: Rang zwei und Rang sieben, direkter Champions-League-Platz und vielleicht Europaliga-Qualifikationsrang. Was die Fragen aufwirft: Gab es jemals ein besseres Aufsteigerpärchen in der Ligageschichte? Und: Sind das überhaupt noch Aufsteiger? Natürlich, RB ist allein durch sein Vereinskonstrukt der unnormalste Aufsteiger aller Zeiten. Der Brause-Sturmlauf in die Königsklasse war letztlich ähnlich überraschend wie der Umstand, dass inzwischen auch Trump-Wählern zu ihrem US-Präsident inzwischen vor allem ein Begriff einfällt: "Idiot". Aber was auch Christian Streich und seine Freiburger Nobodys an erfolgreichem Fußball und Zivilcourage zeigten, ist nicht weniger als ein Gesamt-Aufstiegs-Wunder. Deshalb ziehen wir à la Bayern-Boss Rummenigge den Hut und sagen "Champs-Élysées". Denn Aufsteiger sind abgeschafft. Zumindest in dieser Saison.

4. Die Kölner Opas können einpacken

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Die Apartheid in Südafrika war seit sechs Monaten offiziell abgeschafft, Helmut Kohl noch Bundeskanzler, an der Spitze der deutschen Single-Charts stand Dr. Alban, Lothar Matthäus hatte sich gerade erst von Ehefrau Nr. 1 (Silvia) entliebt - und der 1. FC Köln spielte letztmals daheim im Europapokal. Vor 26.000 Zuschauern in Müngersdorf, die per Bandenwerbung zum Kauf von Agfa-Filmen animiert werden sollten oder eines fortschrittlichen 486er PCs. 1992 war das, verdammt lange her. 25 Jahre, das ist auch in Köln ein Vierteljahrhundert. Und ein Vierteljahrhundert, das ist im Fußball eine Ewigkeit. Doch auch Ewigkeiten gehen vorbei, der "Geiß von Europa" ist zurück in Müngersdorf. Coach Peter Stöger und seine Karnevalstruppe haben es tatsächlich in die Europaliga geschafft und das (dank Leverkusener Unterstützung) direkt in die Gruppenphase. #goattobaku, #roadtobaku – Leonardo Bittencourt war's egal: "Heute wird die ganze Stadt brennen." Sie brannte, denn es ist ja so, wie FC-Keeper Timo Horn selig-entrückt feststellte: "Europapokal, das ist Wahnsinn. Das kennen wir in Köln ja nur aus Erzählungen unserer Großväter." Die müssen künftig eine neue Platte auflegen. Bis dahin: Könnte bitte jemand den Kollegen Bartlau kneifen?

5. Die Hamburger Schule ist wieder offen

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Aus ganz viel ganz wenig machen: Das war und ist seit Jahren die Fußball-Kernkompetenz des Hamburger SV. Vor dieser Saison investierten die Hamburger rund 50 Millionen Euro in ihr Relegations-Abo und entschieden sich dann erst in der 88. Minute zur freiwilligen Zielverfehlung. Vielleicht deshalb, weil es nach 20 Jahren wieder eine Hamburger Schule gibt und das HSV-Prinzip in der Bundesliga längst schamlos plagiiert wird, unter anderem vom VfL Wolfsburg. Der trieb die Ressourcenverschwendung in dieser Saison auf die Spitze, feuerte zwei Cheftrainer plus einen Manager und gönnt sich jetzt noch die Relegation. Das reicht im Bundesliga-Underperformer-Ranking locker für Platz 1 vor dem FC Schalke und Bayer Leverkusen. Und beim HSV müssen sie einsehen: Nicht mal im Stümpern sind sie noch Spitze.

6. Die Liga wird den "Lilien"-Charme vermissen

Die Bundesliga ist ein Event. Wer etwas anderes behauptet, der arbeitet sich souverän an der Wahrheit vorbei. Außer er ist Fan des SV Darmstadt 98. Zwar sind auch die "Lilien" nicht frei von Kommerz, sie erhalten sich in der Parallel-Welt Profifußball aber ihre eigene charmante Ursprünglichkeit. Sei es mit ihrer Böllenfalltor-Bruchbude (Sorry dafür!), sei es mit Second-Chance-Fußballer-Typen, die mehr malochen als zaubern. Oder sei es mit ihrem Trainer Torsten Frings, der die Mannschaft belebt, ihr den Spaß zurückgebracht hat und einfach alles raushaut, was ihm gerade durch den Kopf schießt, und nicht zum langweiligen, weil inhaltslosen Pseudophilosophischen-0815-Gespräch vors Mikrofon tritt. Dass Darmstadt (punktemäßig) sang- und klanglos aus der Liga scheidet, tut nicht nur in Darmstadt weh, sondern schmerzt auch am Berliner Alexanderplatz. Die letzten Worte der letzten Lehren gebühren deshalb "Lilien"-Coach Torsten "Lutscher" Frings, der feststellte: "Ich glaube nicht, dass der Fußball immer gerecht ist." Denn es sind Worte, die bleiben.

Quelle: n-tv.de

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