Fußball

Sollte die EM verschoben werden? Die Uefa muss Spielraum schaffen

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Die 51 EM-Spiele sind für den 12. Juni bis 12. Juli in zwölf Ländern geplant.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Italien setzt die Serie A auf unbestimmte Zeit aus, die Bundesliga behilft sich derzeit noch mit Geisterspielen. Auch, weil für Vernunft und konsequente Entscheidungen der Spielraum fehlt. Die Uefa könnte das ändern.

Am 12. Juni soll die erste paneuropäische Fußball-Europameisterschaft beginnen. Bis dahin sind es noch drei Monate. Klingt lange - ist es aber im Hinblick auf die aktuelle Situation ganz und gar nicht: Die Corona-Epidemie erfordert Voraussicht und Planung. Und ein konsequentes Handeln, auch im Sport. Der tut sich noch schwer und hangelt sich von einer Kurzzeitmaßnahme zur nächsten Einzelfallentscheidung.

Ein einheitliches Vorgehen ist gerade im Fußball noch nicht in Sicht, dabei bewegt vor allem die Bundesliga so ungeheuer viele Menschen und drängt sie zusammen - mehr als 350.000 Menschen sehen Bundesligaspiele im Schnitt pro Wochenende live im Stadion, Fans reisen quer durch die Republik und wieder zurück. Immerhin konnte man sich in einer durch und durch föderalistischen Flickschusterei dazu durchringen, den 26. Bundesliga-Spieltag ohne Zuschauer durchzuführen.

Intaktes Gesundheitssystem "steht über allem"

Jörg Schmadtke, Geschäftsführer des Bundesligisten VfL Wolfsburg, rechnet persönlich damit, "dass wir bis Ende des Monats ohne Zuschauer weiterspielen und dann die Lage bewerten". Der 55-Jährige hält es aber nicht einmal für ausgeschlossen, dass in den nächsten Wochen der komplette Profifußball "zum Erliegen kommt". Es sei "völlig klar, dass fehlende Zuschauereinnahmen jedem Klub der Liga Probleme bereiten - mit unterschiedlichen Auswirkungen", sagte Schmadtke. "Aber auch wenn es aus wirtschaftlichen und sportpolitischen Gesichtspunkten eine andere Betrachtungsweise gibt: Im Interesse aller ist es besser, keine Zuschauer zu haben. Über allem steht, dass unser Gesundheitssystem intakt bleibt."

Eine zumindest vorübergehende Aussetzung der Liga mit Verschiebung der Spiele sei nicht vorstellbar, das machte DFL-Chef Christian Seifert in der vergangenen Woche deutlich. Bis Mitte Mai müsse die Saison durch sein. Das liegt auch daran, dass die Ligen keinen Spielraum für Neuansetzungen haben. Das liegt an der Fußball-Europameisterschaft.

Den Ligen fehlt bei ihrer Entscheidung vor allem eins: Zeit. Für den 16. Mai ist der 34. Spieltag angesetzt, dann stünden zumindest der Meister und die Europapokal-Qualifikanten fest. Und zwei der maximal drei Absteiger, denn das Rückspiel der Relegation zwischen erster und zweiter Liga steht erst am 25. Mai an. Dazwischen liegt noch das DFB-Pokalfinale. Puffer zum Beginn der EM-Vorbereitung? Gibt es nicht. Dabei gibt es derzeit Wichtigeres als Fußball, da sind sich auch viele Bundesliga-Akteure einig, und reagieren. Doch durch diese Prioritätensetzung kommt eines ordentlich ins Wanken: Der enge Terminkalender der großen europäischen Profiligen.

Die Serie A wählt den mutigen Weg

Und da könnte die Uefa jetzt einen wichtigen ersten Schritt machen, den nationalen Ligen Planungssicherheit zu geben, tut sie aber nicht. Eine Verschiebung der EM wird derzeit ausgeschlossen. Während die italienische Serie A schon den mutigen Weg gegangen ist, die Liga aufgrund des sich ausbreitenden Coronavirus zu unterbrechen, hat die Bundesliga noch Hemmungen und versucht, ihre Saison mit Geisterspielen fortzusetzen.

Und die Uefa? Sieht bisher keinen Grund, den Zeitplan für die EM in diesem Sommer zu überdenken und verpasst damit die einmalige Gelegenheit zu zeigen, dass sie es mit der gesellschaftlichen Verantwortung wirklich ernst meint. Diese betonen die großen Verbände schließlich gerne. Durch Geisterspiele erkauft sich der Fußball nur ein bisschen Zeit. Anders als in kleineren Sportarten verdienen die Fußball-Bundesligisten ihr Geld nur nachrangig durch Zuschauer im Stadion. Ein Wegbrechen dieser Einnahmen ist kurzfristig nicht existenzbedrohend.

Am Mittwoch erlebt die Bundesliga ihr erstes Geisterspiel der Geschichte, am Wochenende folgen die nächsten. Und dann? Die Liga muss dringend entscheiden, wie es weitergehen soll. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte schon am vergangenen Wochenende vehement gefordert, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern abzusagen. Der deutsche Fußball hat sich diese Woche damit sehr schwer getan. Doch jetzt muss etwas passieren - neun Spieltage vor Schluss sind dabei drei Szenarien denkbar.

Zunächst könnte die Bundesliga den Kollegen aus Italien nacheifern und den Spielbetrieb vorerst aussetzen. Der Vorteil dabei wäre, "Geisterspiele" ohne Fans zu vermeiden, die für die Klubs hohe finanzielle Einbußen bedeuten würden. Außerdem würde diese Lösung die Länder erheblich dabei unterstützen, alles zu tun, um eine Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Der Nachteil: Die Terminkalender aller Ligen bieten keinerlei Spielraum für eine Verlegung solchen Ausmaßes.

Es muss eine einheitliche Lösung her

Der April ist gespickt mit Europapokal-Spieltagen, nachdem die Bundesliga Mitte Mai ihren Meister kürt, folgen die Finals im DFB-Pokal und in den europäischen Wettbewerben und am 1. Juni kommen die Nationalmannschaften in Vorbereitung auf die Europameisterschaft zusammen. Um diese Planungsschwierigkeiten zu verhindern, sind "Geisterspiele" bis zum Saisonende ein denkbares Vorgehen. Dabei drohen den Klubs allerdings finanzielle Einbußen in Millionenhöhe pro Spieltag. Besonders für weniger finanzstarke Klubs wie den 1. FC Union Berlin oder den SC Paderborn wäre das eine Katastrophe. "Die Gesundheit unserer Fans und unserer Mitglieder steht natürlich über allem. Das ist gar keine Frage. Für uns wäre das natürlich trotzdem sehr bitter", sagt auch Alexander Wehrle, der Geschäftsführer des 1. FC Köln.

Das dritte mögliche Szenario hat die Deutsche Eishockey Liga bereits vorgemacht: der Abbruch der Wettbewerbe. In diesem Fall würde die Meisterschaft nicht weiter ausgespielt, kein Auf- und Absteiger ermittelt und in der kommenden Saison deshalb mit 20 oder 21 Mannschaften gespielt.

Fest steht: Es muss eine einheitliche Lösung her. Denn wenn einige Spiele zum passenden Ternmin stattfinden und andere nicht, wenn einige Spiele mit Zuschauern stattfinden und andere als "Geisterspiel", einige Klubs finanzielle Einbußen verzeichnen und andere nicht - dann droht eine Wettbewerbsverzerrung, und zwar über die Landesgrenzen hinaus. Daran sollte niemand ein Interesse haben, selbst wenn es nicht um die Gesundheit, sondern "nur" um das Geld und den gesunden Wettbewerb geht.

"Wenn die Gesundheit wirklich das Wichtigste ist, hätten wir konsequenterweise die nächsten beiden Spieltage absagen müssen. Das wäre am sinnvollsten und fairsten gewesen", kritisiert Werder Bremens Sport-Chef Frank Baumann, der vor allem fehlende Fans als wettbewerbsverzerrend bewertet.

Immer so weiter?

Für kommenden Montag hat die Deutsche Fußball Liga die 36 Profi-Klubs der ersten beiden Ligen zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung eingeladen. Die große Frage: Wie gehen wir mit Corona um? Doch wirklich frei ist die DFL in ihrer Entscheidungsfindung nicht - denn da ist ja diese Fußball-Europameisterschaft im Juni. Und die soll in Rom beginnen. Im Moment ist es undenkbar, ein paneuropäisches Turnier auszurichten, Millionen Menschen durch ganz Europa reisen zu lassen und das Ganze - beinahe ein Treppenwitz - in dem Land zu beginnen, das am stärksten von der Epidemie betroffen ist. Natürlich kann die Situation in drei Monaten ganz anders aussehen, aber keiner weiß das so genau und Experten bezweifeln sogar, dass sich alles kurz- oder mittelfristig zum Besseren wenden wird.

Die Uefa verpasst die Chance, die Probleme und Sorgen seiner Mitgliedsverbände ernst zu nehmen und den Druck auf die nationalen Ligen zu verringern. Dann könnte die Antwort auf die Frage "Wie umgehen mit Corona?" für den Fußball so viel leichter sein: Setzt die Liga erstmal aus, handelt frei und nach bestem Wissen und Gewissen. Die EM wird verschoben und so wäre über das eigentliche Saisonende hinaus Zeit, die Spielzeit vernünftig zu beenden.

Quelle: ntv.de