Fußball

Eine Entlassung als Erlösung Die allerbeste Nachricht für Schalkes Wagner

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Endlich erlöst.

(Foto: AP)

Der FC Schalke 04 erlebt im Jahr 2020 einen historischen Fußball-Horror. Seit Monaten stolpert das Team von einer Wehrlosigkeit in die nächste. Der Trainer, der einen unfassbaren Amtskredit bekam, muss nun gehen. Und darf sich von einer schweren Last befreit fühlen.

Die Frage die sich auf Schalke stellte, und das freilich nicht erst seit dem späten Samstagabend, seit der 1:3-Niederlage gegen Werder Bremen in der heimischen Arena war ja: Ist David Wagner Teil der Lösung oder Teil des Problems des aberwitzigen sportlichen Horrors? Wagner selbst fand, dass "er Teil der Lösung sein kann". Und tatsächlich ist er nun Teil der Lösung des Problems geworden, aber eben anders als er sich das wohl gewünscht hätte. David Wagner wurde erlöst. Und als Übersprungshandlung der Verantwortlichen kann die Entscheidung gegen den Trainer wahrlich nicht gelabelt werden. 18 Spiele in Serie hat Schalke in der Fußball-Bundesliga nicht mehr gewonnen - ein Wahnsinn, der kaum mehr zu ertragen war.

Weder für die leidgewöhnten Fans, denen die corona-bedingten Geisterspiele als beste Schutzmaßnahme der eigenen Maximalfrustration vorkommen müssen. Noch für die Spieler, die nur noch eine Aufstellung von völlig verunsicherten Individualisten waren. Und schon gar nicht für David Wagner, der einfach gar nichts mehr richtig machen konnte. Bei aller Leidenschaft, bei allem Kampfgeist für seinen Job - wobei beides ja von vielen Anhängern bereits seit Monaten intensiv hinterfragt wurde. Zu emotionslos ertrug Wagner die aneinandergereihten Wehrlosigkeiten seiner Fußballer. Dass Wagner nicht mehr zu halten war, das war indes aller-aller-aller-spätestens nach dem 0:8 beim FC Bayern zum Auftakt der neuen Saison klargeworden.

Nicht, weil man nicht gegen die Mannschaft von Hansi Flick untergehen kann. Da befinden sich die Schalker ja in einem erlesenen Kreis, zudem sich jüngst erst der große FC Barcelona gesellt hatte. Nein, was Wagner auf bizarre Weise endgültig entmachtete, waren Sätze von Thomas Müller, die so im deutschen Fußball selten bis nie fallen. Thomas Müller hatte sich öffentlich über die Taktik der Schalker gewundert, die tatsächlich schon vor dem Anpfiff als gescheitert gelten durfte. Eine hochstehende Abwehr mit zwei eher langsamen Außenverteidigern gegen die Topspeed-Pressingmaschine aus München, das war kreativ. Oder naiv. Dass auf die Demütigung nicht die verpflichtend angekündigte Steigerung kam, das beendete eine kuriose Zeit von David Wagner, dem ehemaligen Eurofighter, in Gelsenkirchen.

Den richtigen Zeitpunkt verpasst

Denn so überragend diese Zeit im Sommer 2019 begann, mit einem spektakulären Pressing, mit viel Spielfreude und einer begeisternden Idee, so brutal demütigend schlich sie sich durch das Jahr 2020. Ein einziger Bundesligasieg, am ersten Spieltag nach der Winterpause, das war's! Und je länger diese Krise andauerte, so mehr verzweifelte Wagner: Rumgeeiere in der Torwartfrage, eindimensionale Matchpläne die nicht mehr funktionierten sowie unnötige und irritierende Aussagen über mangelnde Qualität im Kader - all das wirkte wie ein fatales Gift. Es lähmte die Fußballer, deren individuelle Klasse noch immer gut genug eingeschätzt wird, um sich in der Liga ganz weit weg von den Abstiegsregionen zu bewegen, physisch und psychisch.  Den Nachweis ihrer Qualität müssen sie nun allerdings zwingend erbringen, denn das Alibi Trainer gibt es nicht mehr.

Aber genau dort steht die Mannschaft. Sie ist Letzter. 1:11 Tore aus zwei Spielen, das ist ligahistorisch schlecht. Sie ist akut abstiegsbedroht (wenn man das nach zwei Spieltagen sagen darf). Und womöglich wäre sie schon gar nicht mehr erstklassig, wenn sie im ersten Halbjahr dieses Horrorjahres nicht vom üppigen Punktepolster der Hinrunde 2019/20 profitierte hätte. Schon nach Abschluss der Saison wäre eine Trennung eigentlich unvermeidlich gewesen.

Denn dass sich der Kader, der mit dem Trainer einfach nicht mehr harmonisieren wollte oder konnte, verändern würde, das galt angesichts der katastrophalen Finanzen als ausgeschlossen. Dass er im Amt bleiben wurde, weil in der großen Saisonanalyse vor allem die tatsächlich krasse Verletztenmisere mit zahlreichen Leistungsträgern als Hauptgrund für den Absturz ausgemacht wurde, wirkte damals schon reichlich kurz gegriffen. Wenn nicht sogar als Fehler. Nun weiß man: Es war einer. Ein großer.

Eine Vorbereitung ohne Erfolg

In der sehr langen Vorbereitung auf die Saison gelang es Wagner nicht, die großen Probleme in der Mannschaft zu kitten. Von ihm ausgemusterte (und verliehene) Spieler als neue Hoffnungsträger auszumachen scheiterte ebenso krachend wie die notwendige (aufgrund der miesen Finanzen) Einbindung von Talenten aus der legendären Knappenschmiede. Bestensfalls sporadisch wurden sie eingesetzt. In der vergangenen Saison zog Wagner so auch die Wut der Anhänger auf sich, als er beharrlich seinen an akuter Torphobie leidenden Stürmern vertraute und nicht auf Ahmed Kutucu setzte. Ein Talent aus dem eigenen Bestand. Dass diese Personalie so hochkochte - hier ging es nicht wie im Herbst 2019 in München um den Super-Bayern Thomas Müller, sondern um einen 20-Jährigen ohne große Erfahrungen (!) - eigentlich unfassbar.

David Wagner, er konnte einfach nichts mehr richtig machen. Seit Monaten eigentlich. Deswegen ist seine Entlassung eine Erlösung. Für alle. Die sportlich mutmaßlich beste Nachricht in diesem Jahr.

Quelle: ntv.de