Fußball

Einige Etablierte müssen zittern Die beste Idee des BVB heißt Bellingham

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Jude Bellingham gelingt ein Wahnsinnseinstand beim BVB.

(Foto: AP)

Fünf Tore, viel Spielfreude und Spektakel: Beim souveränen Pokalsieg von Borussia Dortmund beim MSV Duisburg verzückt vor allem der Jüngste: Jude Bellingham. Der 17-jährige Neuzugang steht in der Startelf, trifft und liefert auch sonst voll ab. Auf der Ersatzbank steigt die Nervosität.

Eine Halbzeit, mehr gab es für Jude Bellingham nicht in seinem ersten Pflichtspiel für Borussia Dortmund. Nach 45 Minuten wechselte Trainer Lucien Favre den 17-Jährigen aus. Nicht etwa, weil der Neuzugang nicht überzeugte. Nein, der Coach wollte ihn schützen. Denn bereits in der 21. Minute hatte Bellingham die Gelbe Karte kassiert. Für Ballwegschlagen, eine jugendliche Dummheit. "Ich wollte nicht, dass er eine zweite Gelbe Karte sieht", erklärte Favre. Gelb-Rot - es wäre wirklich kein passendes Ende für den besten Fußballer dieses finalen Spiels in der ersten Runde des DFB-Pokals gewesen.

Es war eine Unbeherrschtheit, die zeigte, wie der Neue so tickt. In der 21. Minute nämlich führte der BVB schon 1:0, war das absolut überlegene Team gegen den MSV Duisburg. Bellingham ackerte, spielte mit englischer Robustheit, aber meist fair, beeindruckte mit Pässen und unbändiger Spielfreude. Der Drittligist hatte ob der leichtfüßigen Kombinationen des vor allem in der Offensive jungen BVB-Teams keinerlei Chance. Das Spiel endete 5:0 (3:0) für den BVB - und mit einem Traum-Einstand für Bellingham.

Ein Angriff aufs BVB-Mittelfeld

MSV Duisburg - Borussia Dortmund 0:5 (0:3)

Duisburg: Weinkauf - Sauer, Gembalies, Volkmer, Sicker (84. Fleckstein) - Kamavuaka - Karweina (46. Jansen), Bretschneider - Scepanik (64. Ghindovean), Engin (77. Krempicki) - Vermeij (46. Ademi). - Trainer: Lieberknecht

Dortmund: Hitz - Can, Hummels, Akanji - Bellingham (46. Delaney), Witsel - Meunier (57. Piszczek), Reyna (57. Brandt), Hazard - Haaland (57. Reus), Sancho (64. Reinier) - Trainer: Favre

Schiedsrichter: Dr. Robert Kampka (Mainz)

Tore: 0:1 Sancho (14., Handelfmeter), 0:2 Bellingham (30.), 0:3 Hazard (39., 0:4 Witsel (50.), 0:5 Reus (57.)

Der sonst häufig wortkarge Favre geriet ins Schwärmen: Er habe "eine gute Beschleunigung", sei "aber auch defensiv sehr gut". Dann fiel ihm noch Folgendes ein: "Aber er ist erst 17." Eine Einschränkung, die es nach diesem Debüt gar nicht brauchte. Oder gar eine, die unterstrich, was für ein Ausnahmekönner da in der ersten Halbzeit auf dem Feld zu sehen war? Der "erst" 17-Jährige traf selbst zum 2:0 - nach einem Zucker-Angriff der Dortmunder. Gio Reyna passte von rechts auf den Ebenfalls-Debütanten Thomas Meunier, der legte nach links rüber zu seinem Landsmann Thorgan Hazard, der Belgier verlängerte zum heranlaufenden Bellingham. Ein Lauf vors Tor, ein Schuss mit rechts. Duisburgs Torwart Leo Weinkauf versuchte, den Schuss abzublocken, das gelang ihm nicht entscheidend, der Ball segelte als Bogenlampe über den noch zum Verteidigungsversuch laufenden Dominic Volkmer hinweg ins Tor. Ein Angriff wie gemalt.

Ein Angriff, der gleichzeitig einer auf das erfahrene BVB-Mittelfeld war: Marco Reus und Julian Brandt mussten sich diesen von der Bank aus ansehen, die Jungen waren den Etablierten - und Brandt ist selbst erst 24 - vorgezogen worden. Beide wurden in der 57. Minute eingewechselt. Und sicherlich: Reus sorgte mit dem schnellsten Jokertor im DFB-Pokal für Aufsehen - er traf drei Sekunden nach seiner Einwechslung. Es war ein Super-Comeback für den 31-Jährigen nach sieben Monaten Verletzungszeit. Bemerkenswert, aber für das Spektakel sorgten die Jüngeren.

BVB widerlegt Hoeneß

Nämlich Bellingham, Sancho, Reyna - auch der ebenfalls erst 17-Jährige trug sich in der 50. Minute mit dem 4:0 in die Torschützenliste ein. Gleichzeitig sorgten sie für Gegenwind für Uli Hoeneß. Der muss wohl spätestens jetzt seine Meinung über den Gegner aus dem Westen revidieren. Im August hatte er gesagt: "Was mich stört: Wenn Dortmund einen hochtalentierten Spieler kauft und er gut spielt, kann man wenige Monate später entweder aus dem Klub selbst oder von außerhalb hören, dass er irgendwann ein Verkaufsobjekt darstellen wird. Das halte ich für unklug." Der Ehrenpräsident des FC Bayern argumentierte: "Wie soll ein Spieler die DNA eines Vereins hundertprozentig aufsaugen, wenn er das Gefühl hat, ein Verkaufsobjekt zu sein? Bei uns gibt es das überhaupt nicht. Wir holen Spieler für Bayern München. Und niemals, um daraus Geschäfte zu machen."

Mal davon abgesehen, dass auch der FC Bayern seine Spieler nicht für lau ziehen lässt: Der BVB hat nicht nur Sanchos Vertrag verlängert, sondern auch allen Transfergerüchten eine klare Absage erteilt. Von Gram darüber, dass sein viel diskutierter Wechsel zu Manchester United nicht klappte, war bei Sancho gegen Duisburg nichts zu spüren. Im Gegenteil, bevor er in der 57. Minute ausgewechselt wurde, spielte er engagiert, feierte mit den anderen dessen weitere Treffer, lieferte 92 Prozent seiner Pässe ab, hatte eine Zweikampfquote von 62 Prozent.

Aber Hoeneß hat ja noch mehr in petto: "Der junge Bellingham wird jetzt gekauft, und warten Sie mal, wenn der gut spielt, wie schnell dann über Interesse von außen geredet wird. Ich würde das nicht so machen. Ich würde der Öffentlichkeit, aber auch meinen eigenen Leuten sagen: Das ist unser Spieler, und wenn der gut spielt, der bleibt. Auch wenn ich 100 Millionen kriege." Nun spielte Bellingham gut, sehr gut, fast phänomenal.

"Eine wirkliche Ehre"

Über dessen Startelfeinsatz ärgerte sich nur einer: Thomas Delaney, der das Nachsehen hatte. "Ich bin nicht sauer, aber ich möchte natürlich gern spielen. Ich möchte jedes Spiel von Beginn an spielen." Freilich, es ist zu früh, um Gerüchte abzuschmettern. Doch ein Talent in dieser überragenden Form wird der BVB nicht leichtsinnig abgeben wollen. Bellingham sorgte gleich für einen Rekord: Er ist mit 17 Jahren und 77 Tagen der jüngste Torschütze der Dortmunder, löste Nuri Sahin ab. "Das ist eine wirkliche Ehre", kommentierte Bellingham selbst. "Ich bin so dankbar für die Möglichkeit, für diesen Klub zu spielen", schrieb er bei Twitter.

Apropos soziale Medien: Einzig da offenbarte er, dass er nicht immer der Mann der starken Entscheidungen ist. Bei Instagram postete er gleich mehrere Bilder des Spiels: sich beim Schuss, sich beim Dribbeln, sich und sein Team beim Jubel, sich allein beim Jubel, sich und Jadon Sancho bei einer innigen Umarmung und so weiter. Ganz schön viel aus 45 Minuten Spielzeit. Die Euphorie hat wohl deutlich länger als eine Halbzeit angehalten.

Quelle: ntv.de