Fußball

Klinsmann nach "483. Absage"? Die ganz kuriose Trainersuche der Spurs

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"Tottenham ist immer noch in meinem Herzen", sagt Klinsmann.

(Foto: imago images / PRiME Media Images)

Wer wird neuer Trainer bei Tottenham Hotspur? Nachdem José Mourinho Ende April entlassen wurde, sucht der englische Fußballklub händeringend jemand Neues. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht - und plötzlich klopft Jürgen Klinsmann an.

Will denn niemand Harry Kane helfen? Erst jüngst erzählte der 27-Jährige, dass er um Trophäen spielen will, eine Ebene mit Cristiano Ronaldo und Lionel Messi erreichen will. Zugegeben, bei der Fußball-Europameisterschaft konnte Englands Kapitän und normalerweise auch Torgarant (bisher) keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Bei seinem Klub ist das anders. Bei Tottenham Hotspur ist er das Aushängeschild der Mannschaft. Dass ihn die Spekulationen um seine Person bei der EM hemmen, hat Kane deutlich zurückgewiesen.

In der abgelaufenen Saison sicherte er sich mit 23 Treffern schon zum dritten Mal die englische Variante der Torjägerkanone. Doch um konstant abliefern zu können, braucht er Hilfe: nicht nur ein schlagkräftiges Team, sondern auch einen Trainer. Und das ist gerade das Problem im Norden Londons. Die Spurs suchen schon seit dem 19. April einen neuen Übungsleiter. Seitdem hat nämlich nicht mehr José Mourinho das Sagen. Und seitdem stellt der 30-jährige Ex-Profi Ryan Mason interimsweise die Hütchen beim Training auf.

Klar, die noch laufende Europameisterschaft nimmt etwas Druck aus der Trainersuche, die meisten Profis reisen gerade quer über den Kontinent. Dennoch ist so ein Turnier auch eine willkommene Gelegenheit für Vereinswechsel und ein Klub ohne Trainer wird es wohl schwer haben, die großen Entdeckungen der EM von sich zu überzeugen.

Conte, Nagelsmann, Flick, Klinsmann

Es ist aber nicht so, als hätte Tottenhams Präsident, Daniel Levy, nicht alles versucht, die Mourinho-Nachfolge zu klären. Zum Beispiel mit dem Italiener Antonio Conte. Der Meistertrainer von Inter Mailand soll der absolute Wunschkandidat gewesen sein. Doch das habe sich ganz schnell geändert, als der 51-Jährige seine Budgetwünsche mitgeteilt hatte. Dann war die Wunschlösung wieder passé.

Tage und Monate vergingen und die Gerüchteküche brodelte weiter. Und ganz nebenbei zeigte sie eindrücklich, wie schnell sich die Fußballwelt doch wandelt. Kurz nachdem Mourinho gehen musste, wurden bei den Spurs noch Namen wie Hansi Flick (inzwischen Löw-Nachfolger) und Julian Nagelsmann (inzwischen Flick-Nachfolger bei den Bayern) gehandelt. Auch der Name Ralf Rangnick schwirrte durch die Gazetten.

Die wohl offensivste Werbekampagne fuhr jedoch jemand ganz anderes: nämlich Jürgen Klinsmann. In der BBC erzählte der Weltmeister von 1990 kürzlich, dass er mit dem Spurs-Trainerstuhl liebäugele. Nachdem er von Mourinhos Entlassung Wind bekommen hatte, habe Klinsmann direkt zu seinem Handy gegriffen und Levy angerufen. Der wiederum hatte den Ex-Hertha-Erfolgscoach angeblich mit einem "Ich muss erstmal ein paar Sachen in Ordnung bringen" abgewimmelt.

Dabei ist die Idee eigentlich nicht schlecht. Klinsmann liebt die Spurs (hat er in der BBC nochmals verdeutlicht) und die Spurs lieben Klinsmann. Bei seinen zwei Abstechern nach London gewann er die Herzen der Fans. Das ist auch dem 56-Jährigen bewusst. Deshalb hatte er schon vor drei Wochen öffentlich verlauten lassen, dass Levy immer bei ihm anrufen könne.

Steuerrecht und eine italienische Legende

Warum er das nicht getan hat, darüber lässt sich natürlich nur spekulieren. Zum einen fragte der Tottenham-Präsident erstmal seine Wunschkandidaten ab. Darunter der alte Bekannte Mauricio Pochettino, der schon einmal in London mit den Spurs erfolgreich war. Er entwickelte junge Spieler weiter und führte das Team bis ins Finale der Champions League. Also eigentlich eine gute Idee. Wenn es da nicht ein Problem gäbe: Pochettino hat das Erbe von Thomas Tuchel bei Paris St. Germain übernommen und der Katar-Klub ist nicht gewillt, den Coach ziehen zu lassen.

Die nächste Lösung, Paulo Fonseca, hatte schon einen fertigen Vertrag vorliegen. Doch angeblich sei der am englischen Steuerrecht gescheitert. Der Insider Fabrizio Romano berichtete, dass Fonseca zurückgezogen haben soll, nachdem er sein Netto-Gehalt berechnet hat. Andere Quellen dementieren das.

Und da war auch noch Gennaro Gattuso. Als Spieler Italiens eine Ikone, als Trainer noch nicht. Wie "The Athletic" berichtete, wäre es möglich gewesen, dass die Geschicke der Spurs in den Händen des Italieners lägen. Doch aus gleich mehreren Perspektiven klappte das nicht. Zum einen lagen Verein und der mögliche Bald-Coach bei der Transferstrategie auseinander. Zum anderen gab es großen Unmut in der Fanszene wegen problematischer Aussagen zu Frauen, gleichgeschlechtlicher Ehe und Rassismus. Zusammengefasst unter dem Hashtag #NoToGattuso.

Was ist jetzt eigentlich mit Harry Kane?

Die (momentan) letzte Absage kam von Sevilla-Trainer Julen Lopetegui, der das Angebot der Spurs dankend ablehnte. Auch wenn es, wie sein Vereinspräsident José Castro später bei einem spanischen Radiosender ausplauderte, "schwindelerregend" gewesen sei.

Nachdem nun sämtliche europäischen Coaches, noch bevor sie wohl ein Impfangebot bekamen, eine Spurs-Anfrage auf dem Tisch hatten, bleibt immer noch Klinsmann. Wer die Bundesliga verfolgt, weiß, dass dessen Amtszeiten nicht unbedingt die erfolgreichsten waren. Die Saison 2008/09 endete bei den Bayern ohne Titel. Über die skurrile 77-Tage-Ära bei der Berliner Hertha, Facebook-Live-Videos und das anschließende Tagebuch wurde sowieso schon alles gesagt.

Doch wenn Klinsmann die volle Entscheidungsgewalt bekam, lief es anders. Bei den Nationalmannschaften der USA und der DFB-Elf gab er ein durchaus erfolgreiches Bild ab. Bei den Klubs hatte er nie diese Freiheiten. Weder in München noch in Berlin. Das Trainermodell in der Premier League, nach dem eine einzige Person die wichtigsten Entscheidungen trifft, das hatte Klinsmann sich in der Bundesliga immer gewünscht. Das sieht auch England-Legende Gary Lineker. Nach der "483. Absage" gibt es für ihn nur eine Lösung: Klinsmann. Und der sei auch "charismatisch, sachkundig, erfahren, ein ehemaliger Spieler und ein Fan-Liebling."

Ob das wirklich Realität wird? Das ist wohl eher unwahrscheinlich. Generell spielt sich doch vieles noch im Konjunktiv ab. Es ist noch nicht einmal klar, ob der abwanderungswillige Harry Kane wirklich bleiben sollte. Angeblich sollen Anfragen von unter anderem Manchester United und Manchester City geben. Beim Toreschießen kann ihm Jürgen Klinsmann bestimmt weiterhelfen. Doch es gibt noch zu viele andere Kandidaten auf Levys Zettel. Aber so kurios wie die bisherige Trainersuche abgelaufen ist, scheint bei den Spurs vieles möglich.

Quelle: ntv.de

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