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Torwart-Idol Uli Stein im Interview "Dieser Spieltag ist entscheidend"

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Hannover, Stuttgart, Frankfurt, Bremen: Alle haben über Jahre falsche Entscheidungen getroffen, wie Torwart-Ikone Uli Stein sagt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die halbe Bundesliga kämpft noch gegen den Abstieg. Wen erwischt es? Wer rettet sich? Wer hat überrascht, wer enttäuscht? Und warum stecken so viele Traditionsklubs in der Krise? "Dieser Spieltag ist entscheidend", sagt Ex-HSV- und Eintracht-Torwart Uli Stein. Er sagt im n-tv.de Interview auch, wieso man vor Darmstadt den Hut ziehen sollte und wieso es für den Klub dennoch eng wird.

n-tv.de: Herr Stein, so langweilig der Titelkampf in der Fußball-Bundesliga, so spannend ist es im Tabellenkeller. Die halbe Bundesliga kämpft zwei Spieltage vor Schluss gegen den Abstieg. Wie konnte es zu dieser kuriosen Situation kommen?

Uli Stein

Uli Stein, 1954 in Hamburg geboren, spielte 512 Mal in der Bundesliga. Neben Arminia Bielefeld (1976-80, 1995-97) und Eintracht Frankfurt (1987-94, Pokalsieger 1988) stand er auch im Tor des Hamburger SV (1980-87, 1994/95). Mit dem HSV gewann er 1983 den Europapokal der Landesmeister, 1987 den DFB-Pokal und wurde zweimal Deutscher Meister (1982, 1983). Sechs Mal stand er im Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Bei der WM 1986 in Mexiko bezeichnete er Teamchef Franz Beckenbauer als "Suppenkasper" und flog aus dem Team. Steins Autobiografie "Halbzeit" (1993) war ein Bestseller. Heute ist er unter anderem RTL-Fußballexperte.

Uli Stein: Interessante Frage. In erster Linie liegt es vielleicht daran, dass wir derzeit eine Drei-Klassen-Gesellschaft in der Bundesliga haben: Bayern marschiert vornweg. Die Dortmunder dahinter souveräner Zweiter. Danach kommt eine riesengroße Lücke: Zwischen Platz zwei und drei liegen 20 Punkte. Zwischen Platz drei und Platz 17 sind es 24 Zähler, der Abstand also ähnlich groß. Das bedeutet oben Langeweile, aber ab Platz drei ist die Liga ungemein ausgeglichen - und damit auch spannend.

Es fällt auf, dass mit Hannover, Stuttgart, Frankfurt und Bremen gleich vier der sogenannten Traditionsvereine tief unten drin stecken. Dazu noch der HSV. Wieso kriselt es bei den großen Traditionsklubs gerade?

In erster Linie, glaube ich, dass da vor allem in den vergangenen Jahren viel falschgelaufen ist. Es wurde viel Misswirtschaft betrieben, heißt: Mit viel Kapital wurde nur wenig erreicht. Hannovers Martin Kind hat ja schon Fehler eingeräumt, in Kaderplanung und Trainerbesetzung etwa. In allen fünf Vereinen sind viele Fehler gemacht worden und das ist der Grund dafür, dass die Klubs da unten stehen.

Was ist bei der Eintracht los, einem ihrer Ex-Klubs?

Frankfurt gehörte in der Vergangenheit immer zu den spielerisch stärksten Teams in der Bundesliga. Davon war in dieser Saison nicht viel zu sehen. Auch da wurden viele Fehler begangen: Man hat nicht konsequent genug durchgegriffen. Man hat viel zu lange zugeschaut und im Endeffekt die Realität nicht gesehen. Man kann nur hoffen, dass es noch nicht zu spät ist.

Im letzten Jahr von Heribert Bruchhagen geht es statt nach Europa wieder einmal um die nackte Erstliga-Existenz. Wo liegen die Gründe dafür?

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Der scheidende Vorstandsvorsitzende der "Eintracht Frankfurt Fußball AG", Heribert Bruchhagen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Sicherlich auch in der schlechten Einkaufspolitik: Statt Verstärkungen wurden Ergänzungsspieler geholt, teilweise bei anderen Vereinen ausgemusterte Spieler. Ein Beispiel: Szabolcs Huszti. Der war nicht mal mehr gut genug für Absteiger Hannover 96, den holt die Eintracht aus China zurück. Da stimmt doch etwas nicht, das kann ich nicht nachvollziehen. Das sind Dinge, die dazu beitragen, dass es bei der Eintracht in dieser Saison so schlecht gelaufen ist.

Fehler in der Transferpolitik, das schreit nach einem neuen Sportdirektor ...

Die Entscheidung, einen Spieler zu holen, trifft keiner allein. Weder Trainer noch Sportdirektor. Das entscheidet der gesamte Vorstand. Einem deshalb die Schuld zu geben, wäre verkehrt. Alle sind beteiligt und alle haben kein glückliches Händchen bewiesen. Mehrere Male.

Trotz allem: Am Ende könnte die SGE aber noch mit einem blauen Auge davonkommen, wie der HSV in den vergangenen beiden Spielzeiten ...

Ja. Man hat immerhin die letzten beiden Spiele gewonnen. Aber man muss auch schauen, wie: absolut glücklich. Trifft Darmstadts Sandro Wagner den Elfmeter, wäre das Spiel gelaufen gewesen. Dann wären für Frankfurt in Darmstadt die Bundesliga-Lichter ausgegangen. So hat Frankfurt noch eine kleine Chance auf den Klassenerhalt.

Nun heißt der Gegner Dortmund ...

Das ist das entscheidende Spiel für mich. Wenn sie gegen Dortmund nicht gewinnen oder zumindest einen Punkt holen, droht zumindest die Relegation. Dann können sie den Abstieg aus eigener Kraft nicht mehr abwenden am letzten Spieltag in Bremen. Punkten gegen Dortmund, das wird verdammt schwer.

Müsste sich Eintracht Frankfurt nach dieser Saison noch viel tiefgreifender umbauen?

Egal, ob man in der ersten Liga bleibt, wie auch immer, oder ob man absteigt: Man muss etwas Grundlegendes bei der Eintracht ändern. Da gibt es viel, was im Argen liegt. Eine komplette Neuaufstellung tut da Not.

Wie schätzen Sie denn das Trainer-Duo Kovac ein? Schließlich ist die Eintracht der erste Bundesliga-Verein, den die beiden coachen.

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SGE-Trainer Robert und Niko Kovac: Für Uli Stein war ihre Verpflichtung die beste Entscheidung des Klubs in dieser Saison.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ich halte sehr viel von Niko Kovac. Er hat als Nationalcoach von Kroatien sehr gute Arbeit geleistet. Als Cheftrainer der Eintracht hat er bisher das Optimale herausgeholt. Er hat es geschafft, eine Mannschaft auf den Platz zu schicken, die erkannt hat, dass man beißen und fighten muss, um die Klasse zu halten. Das hat vorher gefehlt. Ich glaube schon, dass er als Trainer der Richtige am richtigen Ort ist. Das gilt auch für einen möglichen Neuanfang in der 2. Liga. Niko Kovac zum Trainer zu machen, war die mit Abstand beste Entscheidung, die die Frankfurter Oberen in dieser Saison getroffen haben!

Hätte man die Ablösung Armin Vehs durch die Kovacs deshalb nicht eher treffen müssen?

(Lacht) Hinterher ist man ja immer schlauer. Fakt ist: Die Trennung von Veh ist für die Verantwortlichen sicher keine leichte Entscheidung gewesen. Eine Ablösung zwei, drei Wochen früher - und die Eintracht wäre vielleicht jetzt schon gerettet. Im Nachhinein lässt sich so etwas immer einfach sagen.

Wie schwer wiegt die Verletzung des Torschützenkönigs der Vorsaison, Alex Meier?

Das ist das größte Problem, was Frankfurt derzeit hat: Man hat es über Jahre nicht geschafft, ein Pendant zu Meier zu finden. Wie wertvoll er für das Team ist, sieht man gerade jetzt, wo er an allen Ecken und Enden fehlt. Meier ist nicht zu ersetzen und deshalb läuft es auch bei der Eintracht nicht.

Einen Ersatz für Kevin Trapp hat die Eintracht in Lukas Hradecky gefunden. Was halten Sie als Torwart-Ikone vom neuen Mann zwischen den SGE-Pfosten?

Hradecky ist ein ganz toller Torwart, der zudem eine überragende Saison gespielt hat! Wenn es die Eintracht schaffen sollte, erstklassig zu bleiben, hat sie es in erster Linie dem Torhüter zu verdanken. Nur ein Beispiel: Der gehaltene Elfmeter in Darmstadt war ja die Wende zum Guten und zu drei überlebenswichtigen Punkten. Mit Hradecky hat die Eintracht einen gleichwertigen Trapp-Ersatz gefunden und die, die ihn geholt haben, ausnahmsweise mal ein glückliches Händchen bewiesen.

Hradecky ist angeschlagen. Kann das die entscheidende Schwächung des Teams sein?

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Hradecky ist der einzige Volltreffer der Neueinkäufe von Eintracht Frankfurt über Jahre.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das kann ausschlaggebend sein und wäre ein herber Verlust für das Team. Hradecky ist wie Meier nicht ersetzbar.

Droht Frankfurt nach Bruchhagen wieder zur "launischen Diva vom Main" zu werden?

(Lacht) Ich will es nicht hoffen! Bruchhagen hat es geschafft, Ruhe in den Verein zu bringen, auch gerade in den schwierigen Zeiten. Es wäre daher schade, wenn die Eintracht wieder in die alten Fehler verfällt und zur launischen Diva wird.

Ihrem anderen Herzensverein, dem HSV, bleibt die Relegation wohl erspart. Überrascht Sie das?

Die Überraschung für mich ist, dass es erst so spät Sicherheit gibt. Ich hatte zur Winterpause bereits gedacht, dass der HSV in sichereres Fahrwasser gelangt ist, aber das hat sich als Trugschluss herausgestellt. Erst der 2:1-Sieg im Nord-Derby gegen Bremen hat meiner Meinung nach für den nötigen Befreiungsschlag gesorgt. So lang ist das ja nun auch nicht her. Mit den jetzigen 38 Punkten hat man mit dem Abstieg nichts mehr zu tun.

Es gibt also noch einiges zu tun. Muss da mannschaftstechnisch noch etwas passieren?

Ja, das hat der Saisonverlauf wieder eindrucksvoll bewiesen. Der HSV genügt noch nicht den Ansprüchen, die sich der Verein auch selbst auferlegt hat. Will heißen, es kann nicht sein, dass ein Verein wie der HSV sich erst drei Spieltage vor Schluss rettet. Der HSV hat sicherlich andere Ansprüche. Ich hoffe nur, dass dieser Traditionsverein endlich die Kurve kriegt.

Gegen Wolfsburg kann der HSV sich endgültig aller Abstiegssorgen entledigen und stattdessen den Vizemeister und Pokalsieger weiter in Bedrängnis bringen. Wie ist so ein fußballerischer Abstieg binnen weniger Wochen möglich - bei all den klangvollen Spielernamen in der VW-Stadt?

Das ist schwer zu beurteilen. Kann so etwas allein an einem Spieler liegen? Am Abgang von Kevin de Bruyne? Und daran, dass dessen Fußstapfen zu groß für den als Nachfolger geholten Julian Draxler gewesen sind? Das wäre zu einfach. Der Kader ist im Großen und Ganzen ja sonst zusammengeblieben. Ich kann nicht erklären, was bei dem Verein nicht stimmt. Wolfsburg ist für mich die größte Enttäuschung in dieser Saison!

Welches Team hat sonst noch enttäuscht?

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Darmstadts Trainer Schuster und sein Top-Torjäger Wagner: Er hatte den Klassenerhalt gegen Frankfurt auf dem Fuß.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ganz klar Hannover. Dass sie unten mit drin stecken, war zwar zu erwarten gewesen. Aber dass sie so abgeschlagen absteigen nicht.

Wer hat Sie überrascht?

Überrascht haben mich die beiden Aufsteiger Ingolstadt und Darmstadt, die ich vor der Saison auf dem Abstiegszettel hatte. Aber jetzt sage ich: Hut ab! Vor den Mannschaften und den Verantwortlichen. Tolle Arbeit gemacht.

Bleibt Darmstadt erstklassig?

Schwer zu sagen, weil die Darmstädter von allen das schwerste Restprogramm haben mit Hertha auswärts und Mönchengladbach dann zu Hause. Aber mit der Einstellung und Moral, die die 98er in der ganzen Saison an den Tag gelegt haben, traue ich denen einen Überraschungssieg oder den ein oder anderen Punkt durchaus noch zu. Aber am Ende wird es ganz eng.

Wer wird es nicht mehr schaffen?

(lacht) Eine von den vier Mannschaften Stuttgart, Frankfurt, Bremen und Darmstadt. Ganz entscheidend wird jetzt der 33. Spieltag sein. Wenn Frankfurt überraschenderweise gegen den BVB punkten kann, haben sie gute Chancen. Bremen muss in Köln nicht verlieren, für den FC geht weder nach oben noch nach unten etwas. Zudem kommen die Bremer mit der breiten Brust des 6:2 gegen Stuttgart in die Domstadt. Der VfB empfängt Mainz, muss sich vor den eigenen Fans rehabilitieren. Das wird auch nicht einfach. Es kann also jeden der vier erwischen, aber es kann sich auch jeder noch retten. Da eine Prognose zu stellen, ist verdammt schwierig.

Anders gefragt: Für wen wäre denn eine Relegation gegen wahrscheinlich Nürnberg aus Liga 2 am aussichtsreichsten aus dem Quartett?

Das ist noch schwieriger zu sagen. (lacht) Ich versuche es mal so: Wenn man sich das Spiel Bremen gegen Stuttgart anschaut, hat der Drittletzte der Bundesliga gute Chancen, im Oberhaus zu bleiben. Die spielerische Klasse der beiden, auch von Frankfurt, sollte ausreichen, um gegen Nürnberg die Klasse zu halten. Das hängt dann aber auch vom Nervenkostüm der Spieler ab. Falls Darmstadt in die Relegation muss, sehe ich deren Chancen "nur" 50:50. Zumindest würden die es aus dem Quartett am schwersten haben.

Die Tabelle mal von oben betrachtet: Ein Fünf-Punkte-Vorsprung der Bayern, nun das Halbfinal-Aus in der Champions League - das schreit doch nach Widergutmachung und einem klaren Sieg in Ingolstadt und damit nach dem Gewinn der Meisterschaft?

Das werden sich die Bayern nicht nehmen lassen! Gerade nach so einer bitteren Niederlage drängen sie auf ein schnelles Erfolgserlebnis. Und da kommt die Meisterschale gerade recht. Ingolstadt hin oder her.

Mit Uli Stein sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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