Fußball

WM-Bewerber in der Einzelkritik Ein Superteenie verzaubert das DFB-Team

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Jamal Musiala beherrscht auch das robuste Handwerk.

(Foto: IMAGO/Uwe Kraft)

Dieses Unentschieden gefällt Hansi Flick. Der Bundestrainer zieht nach dem 1:1 in den Niederlanden eine positive Bilanz. Die Vorgaben werden umgesetzt, personelle Alternativen sind vorhanden. Die DFB-Elf sieht der 57-Jährige auf einem guten Kurs zur WM in Katar.

Man hätte vermuten können, dass Hansi Flick am späten Dienstagabend nicht die allerbeste Laune haben würde, schließlich hatte sich in Amsterdam Historisches ereignet. Der nicht mehr ganz so neue Bundestrainer hatte zum ersten Mal in seiner Chef-Karriere beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) nicht gewonnen. Auf die Serie von acht Siegen folgte nun gegen die Niederlande ein Remis, 1:1 endete der furiose Test nach Toren von Thomas Müller (45.) und Steven Bergwijn (68.). Ein Ergebnis, das den Dingen auf dem Platz entsprach.

Nun kann sich die Laune von Hansi Flick, die verdammt gut war, womöglich so erklären. Seine beeindruckende Serie, so schön die Siege auch erspielt gewesen sein mögen, wurde ständig von einem "ja, aber...." begleitet. Ja, alles toll, aber diese Gegner! Die waren doch (so bellten die Kritiker) nun wirklich kein Maßstab für die so großen Ziele, die da ausgerufen wurden. Kleiner Reminder: In Katar, wo im Winter (klingt immer noch verrückt) die WM ausgetragen wird, soll der Titel her. Ja, klingt verrückt, ist aber so. Manuel Neuer hatte einen entsprechenden verbalen Nachweis in diesen Tagen geliefert. Nun also die Befreiuung: Flicks Deutschland kann es auch gegen die Top-Nationen. Und das auch ohne verletztes oder verhindertes Stammpersonal wie Niklas Süle, Joshua Kimmich, Leon Goretzka oder aber Serge Gnabry.

Der Bundestrainer wollte seiner Mannschaft dann auch erst mal ein "Riesenkompliment" machen - besonders für die dominanten ersten 60 Minuten. "Einfach erfrischend", lobte Flick die Leistung beim ersten internationalen Gradmesser. "Ich weiß, dass wir über 90 Minuten diese Leistung abrufen müssen. Aber die Intensität von der Mannschaft war enorm hoch", resümierte der DFB-Chefcoach. "Die Richtung stimmt", befand auch Torschütze Thomas Müller nach dem inklusive des 2:0 gegen Israel ordentlichen Start in das WM-Jahr. "Wenn man einen Strich drunter zieht, sind wir auf einem sehr guten Weg", urteilte auch Kapitän Manuel Neuer. Na dann, gehen wir mal in medias res und schauen uns das spielende Personal in der Einzelkritik an:

Manuel Neuer: Ach ja, was soll man über den Kapitän anderes sagen, als: Gut, dass er dabei ist. Zunächst fiel gar nicht auf, dass er sein 109. Länderspiel bestritt, dann aber umso mehr. Verdiente sich rund um die 80. Minute den Titel als Chef-Faustballer in der Nationalmannschaft. Boxte in der Drangphase der Gastgeber alles raus, was in sein Habitat segelte (und das war nicht wenig). Beim wuchtigen Gegentreffer durch Bergwijn, einem äußerst mächtigen Schuss aus kürzerster Distanz unter die Latte war er machtlos.

Thilo Kehrer: In den vergangenen Tagen war sehr viel über und mit dem Spieler von Paris St. Germain geredet worden. Und dabei verfestigte sich der Eindruck, dass er einer der Lieblingsschüler von Flick ist. Auch andere Kollegen aus dem DFB-Team können sich für die Qualitäten des Defensivspielers erwärmen. Thomas Müller etwa lobte dessen Polyvalenz! Ein tolles Wort, das sich Fans unbedingt merken müssen. Was das bedeutet: Nun, früher hätte man gesagt: Kehrer ist flexibel einsetzbar. Klingt aber natürlich viel langweiliger! Der Herr Polyvalent spielte nun also natürlich auch gegen die Niederlande, stand damit zum neunten Mal in der Ära Flick in der Startelf, zeigte dieses Mal aber defensiv ungewohnte Schwächen und konnte in der Vorwärtsbewegung mit dem Platz auf seiner Seite kaum etwas anfangen. Hatte einmal mächtig Beef mit Leroy Sané, als beide Spieler andere Ideen beim Laufweg hatten. Kehrer hatte nach einem Duell Glück, dass ein Elfmeter per VAR annulliert wurde. Er hatte Memphis Depay zwar klar zu Fall gebracht, aber mit der Fußspitze noch den Ball berührt... Ab der 79. Minute Benjamin Henrichs: Der Leipziger hatte in der hektischen Schlussphase ordentlich zu tun, den Oranje-Wirbel zu unterbinden. Machte das gut.

Antonio Rüdiger: Gegen Israel noch geschont, stand der mächtige Innenverteidiger wieder auf dem Platz und erledigte sein Geschäft gewohnt zuverlässig und robust. Auch wenn er manchmal Schwierigkeiten hatte, den flinken Niederländern zu folgen. Mitte der ersten Halbzeit konnte er den Dortmunder Donyell Malen gerade noch einholen und ihn mit einem ganz leichten Rempler im Strafraum aus dem Tritt bringen. Clever und so gut dosiert, dass es nicht für einen Elfmeter reichte. Ansonsten dirigierte er die Abwehr in seinem 50. Länderspiel aber lange Zeit gut und war in der Luft meist Sieger, kam beim Ausgleich aber den entscheidenden Schritt zu spät, so hatte Bergwijn ungestört Platz, den Ball an Neuer vorbeizunageln.

Nico Schlotterbeck: Der Freiburger war gegen Israel noch der Mann des Spiels. Auf allen Ebenen. Er legte bis in die Nachspielzeit ein furioses DFB-Debüt auf den Sinsheimer Rasen, ehe er sich einen kleinen "Arroganzanfall" leistete, wie ZDF-Experte Per Mertesacker befand. Auch Flick nahm sich den Spieler zur Seite und klärte ihn darüber auf, dass eine solche Pass-Schlamperei bei einer WM "tödlich" enden könne. Schlotterbeck hatte verstanden und konzentrierte sich nun darauf, weitere Patzer zu vermeiden. Was gelang, er rettete in der 82. Minute das Remis mit einer starken Aktion kurz vor der eigenen Torlinie. Im Spielaufbau war dieses Mal indes nicht so mutig, wie noch gegen Israel. Wenn er sich aber traute, dann wurde es meistens gefährlich.

David Raum: Der Hoffenheimer, der in der Bundesliga die meisten Flanken schlägt, war erneut viel offensiver als sein rechtes Pendant Kehrer. Der 23-Jährige hatte wenige Minuten nach der Pause die riesige Chance auf sein erstes Länderspieltor - oder aber auch eine fantastische Vorlage für Timo Werner, der wenige Meter neben ihm, mitten im Strafraum stand. Raum entschied sich für die Option Schuss, ging schief. Bitter für ihn, bitter für Werner. Wurde vor dem Gegentor kurz vor der Torauslinie von Denzel Dumfries übersprungen. Ab der 86. Minute Christian Günter: Durfte sich über seinen vierten Einsatz für Deutschland freuen, mehr gibt es nicht zu sagen.

Jamal Musiala: Man mag es sich gar nicht vorstellen, aber es hätte nicht viel gefehlt und Musiala würde nicht für Deutschland spielen, sondern für England. Er hatte beide Optionen. Zum Glück für den DFB und für Hansi Flick hat er sich für sein Geburtsland entschieden und wird für den Bundestrainer immer mehr zum Luxus-Problem. Der Diamant des FC Bayern durfte sich unter Flick nun erstmals von Beginn an als "Sechser" beweisen - und war bester deutscher Feldspieler. Geschickt im Zweikampf, passsicher, ein gutes Auge - sein ganzes Spiel sieht so wunderbar leicht aus, selbst wenn er robust agiert. In dieser Form ist er mehr als nur eine Alternative. Das weiß auch Flick und singt eine Hymne: "Jeder Einzelne hat gesehen, was für eine Qualität er hat. Im Ballbesitz war das auch vorher klar, dass er sehr gut weiß, sich durchzusetzen und Raum auch für die eigene Mannschaft zu erspielen. Er ist im eins gegen eins sehr gut. Er kann Bälle gut vorbereiten. Was er auch in der Defensive geleistet hat, war schon herausragend." Ab der 69. Minute Florian Neuhaus: Half engagiert mit, das Remis über die Zeit zu bringen. Muss sich in Gladbach beweisen.

Ilkay Gündogan: Der Spielmacher von Manchester City war längst nicht so präsent im zentralen Mittelfeld wie Musiala. Und damit dann auch weniger auffälllig als während seiner 45 Minuten gegen Israel. Steigerte sich in Amsterdam aber mit nahezu jeder Minute. Hatte in der zweiten Halbzeit mehr Ballbesitz und bessere Ideen. Er unterband mit seinem klugen Stellungsspiel viele Angriffe von Oranje frühzeitig.

Kai Havertz: Der potenzielle Schlüsselspieler des deutschen Teams in diesem WM-Jahr war nicht so dominant wie noch gegen Israel. War auf Sicherheitspässe bedacht und zeigte nur wenige Dribblings. Wurde von dem abgezockten Daley Blind allerdings auch immer wieder clever zugestellt. Der Champions-League-Sieger war viel unterwegs auf der Suche nach freien Räumen. Kam daher lange nicht zum Abschluss. Ab der 69. Minute Julian Brandt: Der einzige Dortmunder bekam von Flick noch ein paar Länderspielminuten, konnte dabei aber keine Werbung für sich betreiben. Für die WM ist er wohl nur Ersatzkandidat.

Thomas Müller: Achja, der Müllerthomas, einfach nicht wegzudenken aus dieser Mannschaft, auch wenn ihm nicht alles gelang. War dafür immer voll auf Zug unterwegs, unnachgiebig im Pressing, ein echter Nervspieler für den Gegner. Und ganz nebenbei holte er die Legende Uwe Seeler mit seinem 43. Länderspieltor ein. Mit amtlich Karacho drosch er den Ball knapp neben den Pfosten. Ein starker Abschluss eines starken Angriffs, eingeleitet von Musiala.

Leroy Sané: Der Flügelstürmer des FC Bayern hatte die erste Chance, als er nach einem Pass von Müller nur das Außennetz traf. Danach aber mit einigen Abspielfehlern, seine Körpersprache litt dadurch. Steigerte sich nach dem Seitenwechsel leicht, haderte aber immer wieder mit den Zuspielen der Kollegen. Nicht mehr in der Form der ersten Länderspiele unter Flick. Der Grat zwischen lässig und leichtsinnig bei ihm bleibt äußerst schmal. Ab der 86. Minute Julian Draxler: Nur ein Kurzeinsatz wie so oft bei Paris Saint-Germain. Zu wenig Zeit für Akzente.

Timo Werner: Der Stürmer des FC Chelsea, wo er keine glückliche Phase hat, bekommt weiterhin das Vertrauen von Flick. Und er machte seine Sache solide. War giftig beim Pressing, hatte gute Laufwege und beim 1:0 durch Müller seine Füße im Spiel. Köpfte einen Ball an die Latte, stand dabei aber im Abseits. Seine beste Chance auf ein Tor, wurde ihm von Raum genommen, der lieber selbst abschloss, als auf den freien Werner abzulegen. Der konnte den Egoismus des Außenspielers kaum fassen und zeigte ihm deutlich an, was die bessere Idee gewesen wäre. Ab der 80. Minute Lukas Nmecha: Ist ein ganz anderer Typ als Werner, viel mehr bulliger Stoßstürmer. Er suchte sofort den Abschluss und hätte nach Müllers Pass fast als Joker spät gestochen.

Quelle: ntv.de

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