Fußball

Charly Körbel im Interview "Eintracht kann Geschichte schreiben"

118275565.jpg

Wenn Eintracht-Torwart Trapp am Spielende gegen Chelsea wieder so jubelt, geht die Europa-League-Reise für Frankfurt weiter - ins Finale nach Baku.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach dem 1:6 im Bundesligaspiel bei Bayer 04 Leverkusen heißt für Eintracht Frankfurt der nächste Gegner FC Chelsea. Für Rekordspieler und Klubikone Karl-Heinz "Charly" Körbel kommt das Halbfinal-Rückspiel in der Fußball-Europaliga genau zum richtigen Zeitpunkt. Im Gespräch mit n-tv.de nennt er die Gründe, sagt, worauf es nun ankommt und gibt einen klaren Tipp für das Spiel an diesem Donnerstag (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) ab.

n-tv.de: Herr Körbel, wie tief sitzt der Frust nach dem 1:6 in Leverkusen?

Karl-Heinz Körbel: Dass das irgendwann mal kommt, dass es uns irgendwann mal erwischt, war klar. Die Spiele gegen Augsburg, Wolfsburg oder auch Hertha waren schon nicht gut. Dann gab es das schnelle 0:1 nach knapp einer Minute und danach hat Bayer ein wahres Feuerwerk abgebrannt. Ich muss aber auch sagen, dass ich sie so stark in dieser Saison noch nicht erlebt habe und dass sie mit diesem Kader und der Leistung gegen uns eigentlich um den Titel mitspielen müssten. Das sollen aber keine Ausreden sein: Wir haben unsere bisher schlechteste Saisonleistung in Halbzeit eins geliefert und uns danach gefangen.

Die schnelle Reaktion auf das 0:2, das 1:2 durch Kostic in der 14. Minute ließ ja hoffen. Die Hoffnung währte aber nur kurz.

53906488.jpg

Karl-Heinz "Charly" Körbel: Mister Eintracht Frankfurt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ja, leider. Danach war ja fast jeder Angriff der Leverkusener ein Treffer. Das beflügelt eine Mannschaft natürlich auch, das Spiel geht entsprechend leichter vom Fuß, es scheint, dass man immer den berühmten Schritt schneller ist, immer vorm Gegner am Ball. Und so war es dann ja auch. Dann noch das Eigentor von Hinteregger. Da war jedem klar: Hier reißt du heute nichts mehr.

Wie passiert so etwas? Sind die Spieler nach den fast 50 Partien in der Saison müde? Ist der Kader vielleicht zu klein?

Nein! Der Kader ist breit genug, das war er bereits zu Saisonbeginn und dann kamen in der Winterpause ja noch einmal Spieler wie Rode oder Hinteregger dazu. Wir hatten zudem das Glück, lange immer mit der Top-Elf spielen zu können, denn mit Chandler gab es nur einen Langzeitverletzten. Jetzt muss schon der eine oder andere Spieler mal wegen einer Blessur passen: Länger wie Haller oder auch nur kurz wie am Sonntag Rode. Und natürlich merkt man auch irgendwann, welch irre Kilometeranzahl die beiden Dauerläufer auf den Außenbahnen, Kostic und da Costa, bisher abgerissen haben. Die Euphorie hat uns lange getragen und sie wird uns auch noch möglichst vier weitere Spiele tragen. Fakt ist aber bereits: Die Eintracht spielt ihre beste Saison seit Jahren! Wer zu Beginn dieser Spielzeit gesagt hätte, Eintracht Frankfurt steht nach dem 32. Spieltag auf einem Champions-League-Platz und kämpft um den Einzug ins Europa-League-Finale, den hätte man wohl mindestens ausgelacht.

Das betont auch immer wieder Sportvorstand Fredi Bobic. Der sprach nach der Partie bei Bayer von einem "richtig, richtig schlechten" Spiel, Trainer Adi Hütter von einem "rabenschwarzen Tag": Wie viel steckt davon noch in den Köpfen der Spieler?

Karl-Heinz "Charly" Körbel spielte von 1972 bis 1991 für Eintracht Frankfurt und ist mit absolvierten 602 Bundesligapartien der Rekordspieler der Liga. Sechs Mal trug er das deutsche Nationaltrikot. Mit der Eintracht gewann er vier Mal den DFB-Pokal (1974, 1975, 1981, 1988) und den Uefa-Cup (1980). In den 1990ern saß er bei den Frankfurtern auch auf der Trainerbank. Heute leitet er die Eintracht-Frankfurt-Fußballschule.

Sechs Stück zu bekommen ist immer schwer. Zu meiner Zeit lagen wir einmal 0:5 zur Pause gegen Hertha zurück. Da läufst du auf dem Platz wie Falschgeld herum, zählst jede Sekunde und hoffst, dass der Schiedsrichter endlich abpfeift. So ist der Fußball. Aber ich glaube auch, das Spiel hat die Mannschaft abgehakt. Das ist das Gute daran, wenn du jetzt am Donnerstag in der Europa League spielst. Du kannst dich gar nicht lange mit der Niederlage beschäftigen. Du musst den Schalter im Kopf umlegen. Die Niederlage gegen Bayer kann man eh jetzt nicht mehr ändern. Die volle Konzentration gilt seit Sonntagabend nur noch Chelsea.

Chelsea steht auf Platz drei der Premier League: Wie schätzen Sie die Ausgangsposition der Eintracht nach dem 1:1 im Hinspiel ein?

Die Chance ist da, ganz klar! Der 1:0-Sieg bei Inter Mailand im Achtelfinale hat gezeigt, dass es geht.

Aber Chelsea dürfte stärker einzuschätzen sein als Inter Mailand, auch wenn die ebenfalls Dritter in ihrer Liga sind.

Chelsea ist eine ganz andere Hausnummer und der schwerste Brocken, mit dem es die Eintracht in der Europa-League-Saison zu tun hat. Aber genau deshalb werden wir an der Stamford Bridge auch eine andere Eintracht sehen. Die Spieler wissen genau, um was es jetzt geht. Die werden sich alle zerreißen. Jeder wird für den anderen laufen. Ich bin mir auch sicher, dass die mitgereisten Fans für Stimmung auf den Rängen sorgen werden.

Chelsea gilt als sehr heimstarkes Team, bei der Generalprobe am Wochenende gegen den FC Watford gab es ein klares 3:0. Wie muss die Eintracht spielen?

119883109.jpg

Chelsea-Topstar Hazard kann Spiele allein entscheiden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ruhig. Ein schnelles Gegentor wie in Leverkusen wäre fatal! Chelsea ist mit Weltklassespielern gespickt: Hazard, Higuain, Giroud, Pedro in der Offensive können jeweils allein ein Spiel entscheiden. Im Viertelfinal-Rückspiel zu Hause gegen Slavia Prag stand es auch ruckzuck 4:1.

Und am Ende hieß es 4:3.

Ja, durch das 4:1 ist Chelsea leichtsinnig geworden. Und wenn die Londoner Schwächen haben, dann sicherlich in der Abwehr. Die Eintracht muss deshalb geduldig spielen, kompakt stehen, als Mannschaft dagegenhalten. Auch mal mit körperliche Härte zeigen, auf ihre Chancen warten und diese eiskalt nutzen. Die Eintracht muss gegen Chelsea fighten - und immer hellwach sein.

Vorne kehrt bei der Eintracht Rebic nach einer Gelbsperre zurück.

Genau, das sollte der ganzen Mannschaft Sicherheit geben. Rebic' Spielweise, vorn immer anspielbereit zu sein, Bälle halten zu können, festzumachen und dabei noch torgefährlich zu sein, hilft der Mannschaft ungemein.

Wie sieht es beim Langzeitverletzten Haller aus? Im Hinspiel saß er auf der Tribüne.

Ja, da ist vieles möglich. Auf dem Trainingsplatz habe ich ihn jetzt nicht gesehen. Aber die Möglichkeit besteht, dass er im Kader auftaucht und dann zum Ende der Partie hin vielleicht eine weitere Option darstellt. Zu hoffen wäre es, denn auch er kann vorne Bälle halten, verteilen und so für Entlastung sorgen.

Und wie steht es um Rode? Gegen Bayer stand er nicht im Kader.

119883981.jpg

Rode verausgabte sich in jedem Spiel für die Eintracht.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der wurde ja im Hinspiel wirklich übel umgetreten. Aber der Rode ist ein zäher Hund, ein absoluter Kämpfer, ein Stehaufmännchen und für die Mannschaft ungemein wichtig. Ich persönlich mache mir um ihn keine Gedanken, wenn es irgendwie möglich ist, wird Rode spielen. Aber ganz ehrlich: Am Ende ist egal, wer aufläuft, denn es geht um den Einzug ins Finale!

Das ist Motivation genug?

Absolut! Jeder Spieler will Finals spielen und Titel gewinnen. Was so etwas bewirken und freisetzen kann, hat ja der DFB-Pokalsieg der Eintracht 2018 gegen die Bayern gezeigt. Und auch da ging Frankfurt als klarer Außenseiter in die Partie und am Ende als Sieger mit dem Pokal vom Platz. Wir haben auch gegen Chelsea nichts zu verlieren, können nur alles gewinnen und für die Eintracht Geschichte schreiben!

Klingt gut: Wie lautet denn Ihr Tipp für das Spiel, gibt es vielleicht Verlängerung?

Ich hoffe, dass sich die Spieler das ersparen und die Eintracht am Ende 2:1 bei Chelsea gewinnt!

Mit Karl-Heinz "Charly" Körbel sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema