Fußball

Taktik-Evolution nach Guardiola-Ära FC Barcelona feiert offensiven Pragmatismus

Neymar.jpg

Luis Suarez, Neymar und Lionel Messi: Die Qualität dieses Offensiv-Trios ist in Europa wohl einmalig.

(Foto: imago/BPI)

Unter Josep Guardiola setzt der FC Barcelona Fußball-Maßstäbe. Luis Enrique entwickelt den Klub nun erfolgreich weiter. Das neue Barça profitiert von Vertikalspiel und einem extrem gefährlichen Sturmtrio. Das macht es zum CL-Favoriten.

September 2013: Der FC Barcelona gewann eine Ligapartie gegen Rayo Vallecano klar mit 4:0. Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, war aber bei genauem Hinsehen historisch. Denn in dieser Begegnung hatte Barça erstmals seit Mai 2008 weniger als 50 Prozent Ballbesitz aufzuweisen. In der Amtszeit von Pep Guardiola (2008 - 2012) war dies noch unvorstellbar. Doch mit dem Abgang des heutigen Bayern-Trainers ging zunächst eine Ära zu Ende.

2015-05-04_Barcelona-Grundformation.png

So könnte der FC Barcelona am Mittwochabend im heimischen Camp Nou gegen Bayern München antreten. Der deutsche U21-Nationaltorhüter Marc-André ter Stegen ist in der Königsklasse gesetzt.

Barcelona war nicht mehr die alles dominierende Ballbesitzmannschaft, die mit größter Ruhe und Präzision das Spielgerät innerhalb der eigenen Reihen zirkulieren ließ und bei Ballverlust sofort ins aggressive Gegenpressing umschaltete. Guardiolas Nachfolger war sein ehemaliger Co-Trainer Francesc "Tito" Vilanova. Der mittlerweile an Krebs verstorbene Katalane kämpfte im ersten Jahr nach Guardiola nicht nur gegen seine Erkrankung, sondern konnte trotz eines Hinrunden-Rekords und des Meistertitels auch den Abwärtstrend des Teams nicht stoppen. Negativer Höhepunkt war ohne Zweifel das addierte 0:7 gegen Bayern München im Halbfinale der Champions League – die höchste Niederlage in der Europapokalgeschichte des Vereins.

Niemand konnte sich zu diesem Zeitpunkt des Eindrucks erwehren, dass nicht nur die Mittelfeld-Ikonen Xavi und Andrés Iniesta ihren Zenit überschritten hatten. Selbiges wurde ebenso über das Spielsystem des FC Barcelona gesagt. Auf Tito folgte im Sommer 2013 Tata, mit richtigem Name Gerardo Martino. Der argentinische Trainer bestritt mit Barça eine erfolglose Saison, in der lediglich der Spanische Supercup gewonnen wurde. Martino veränderte den Spielstil, Ballbesitzdominanz stand nicht mehr allein im Fokus. Doch damit kam den Katalanen auch ihre Besonderheit abhanden. Hinzu kamen Formschwächen bei Schlüsselspielern wie Abwehrchef Gerard Piqué und die anhaltenden Verletzungssorgen von Lionel Messi.

Aufs Passspiel kommt es an

Die Mittelfeldakteure Busquets, Rakitić und Iniesta spielten in dieser Champions-League-Saison 3,3 Schlüsselpässe (Key Passes) pro 90 Minuten. Das Sturmtrio Neymar, Suárez und Messi kommt auf 6,8. Vor zwei Jahren spielte Andrés Iniesta noch durchschnittlich über 86 erfolgreiche Pässe innerhalb von 90 Minuten. Mittlerweile weist er einen Wert von knapp über 72 auf, während die Passquote konstant bei 90 Prozent blieb. Die durchschnittliche Passlänge stieg derweil um ungefähr 1,5 Meter. Im gleichen Zeitraum nahm jedoch die Anzahl an Schlüsselpässen und Torvorlagen nicht ab. (Quellen: Whoscored.com, Squawka.com)

Neustart unter "Lucho"

Pep Guardiola hat ein Credo für Angriffe und die entsprechende Absicherung dieser. "Ohne eine Sequenz von 15 Pässen ist es unmöglich, erfolgreich von Angriff auf Abwehr umzuschalten. Unmöglich. Ballbesitz ist kein Selbstzweck, es reicht nicht, ihn einfach nur in den eigenen Reihen zu halten", wird er in Marti Perarnaus Buch "Herr Guardiola" zitiert. Der katalanische Trainer brachte einst das zur Perfektion, was Barça-Legende Johan Cruyff in den Neunziger Jahren einführte.

Das "Juego de Posición" (Positionsspiel) gilt als Evolution des niederländischen "totaalvoetbal" und wird inklusive der 4-3-3-Formation in allen Mannschaften praktiziert sowie in der bekannten Jugendakademie "La Masia" gelehrt. Es ist eine Spielkultur, die Barça nach den erfolglosen Jahren nicht einfach verlassen wollte und konnte. Nachfolger des glücklosen Tata Martino wurde Luis "Lucho" Enrique. Der frühere Angreifer war einer der wenigen, der in seiner Karriere sowohl das Trikot von Real Madrid als auch des FC Barcelona trug. Bei den Katalanen beendete er 2004 seine Spielerlaufbahn und übernahm von Pep Guardiola später als Trainer die Reservemannschaft.

2015-05-04_Barcelona_Messi-Rakitic.png

Barcelona überlädt die linke Seite, während ballfern Messi und Rakitić in Überzahl sind. Aufgrund des Vertikallaufs von Rakitić wird der Gegenspieler zu einer Entscheidung gezwungen: Den Kroaten verfolgen oder doch lieber Messi bewachen?

Enrique steht für die spezifische Barça-DNA, wie er in dieser Saison unter Beweis stellt. Nach Anfangsschwierigkeiten in der Hinrunde erinnert spätestens seit Januar vieles an vergangene Zeiten. Superstar Messi rückte zugunsten des Neuzugangs Luis Suárez auf die rechte Seite. Zusammen mit Neymar wirbelt das Trio nahezu jede Abwehr durcheinander. Und hier besteht der Unterschied zur Ära Guardiola. Einst war das Mittelfeld spielbestimmend, heute ist es in erster Linie in der Kellnerrolle.

Iniesta bringt seine technische Brillanz als ballsicherer Zuträger ein, während der Ex-Schalker Ivan Rakitić mit seinen Läufen immer wieder Löcher für Messi reißt. Rakitić kam im Sommer von Europa-League-Sieger Sevilla und hat sich in Spanien mittlerweile einen Namen als Spielgestalter gemacht. Wenig erinnert noch an seine Zeit in Gelsenkirchen. Vielmehr bedient der Kroate seine Teamkollegen regelmäßig mit langen, gefühlvollen Zuspielen. In der Hinrunde hielt sich Rakitić zuweilen noch zu stark zurück. Doch seitdem er präsenter im Mittelfeld auftritt, wurde die Barça-Offensive gefährlicher.

Auch andere Akteure mussten in ihre Rollen erst hineinwachsen. Rechtsverteidiger Dani Alves war vor einigen Jahren noch ein unermüdlicher und weiträumiger Flügelläufer. Nicht selten war er mehr Außenstürmer als Außenverteidiger. Doch der heute 31-Jährige musste dem körperlichen Verschleiß Tribut zollen. Unter Luis Enrique fungiert Alves deshalb zurückhaltender und hinterläuft Messi auf der rechten Seite selten. Er bedient den Argentinier eher mit Pässen oder leitet seine Ballablagen weiter.

Als Barcelona vor einigen Wochen im Clásico auf Real Madrid traf, hatten die Katalanen großen Respekt vor der Pressingstärke von Toni Kroos und Luka Modrić in Reals Mittelfeld. Folglich setzte Barça ganz pragmatisch auf lange Schläge in die Spitze, anstatt stets stur mit Kurzpässen zu kombinieren. Genau solch ein langer Ball von Alves auf Suárez brachte schlussendlich die Entscheidung zum 2:1 und damit auch einen großen Vorteil im Meisterschaftsrennen.

Dass Barcelona die spanische Tabelle anführt und als Favorit auf den Titel in der Königsklasse gilt, hat man einer erfolgreichen Symbiose aus Guardiolas Ballbesitzkultur und Enriques Pragmatismus zu verdanken.

Quelle: ntv.de