Fußball

Die Lehren des zehnten Spieltags FC Bayern hat mehr Baustellen als der BER

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Hasan Salihamidzic muss beim FC Bayern viele Baustellen bearbeiten. Oder ist der Sportdirektor nicht vielmehr selbst eine?

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Niko Kovac hat es hinter sich: Der Kroate ist nicht mehr Trainer des FC Bayern. Die Münchener müssen sich jetzt aber noch um ganz andere Baustellen kümmern. Andernorts scheinen die Arbeiten dagegen überraschend schnell voranzuschreiten.

1. Der FC Bayern hat mehr Baustellen als der BER

Bei Twitter ploppte am Sonntagmittag eine Meldung auf, die es in sich hatte. Weil es dem Trainer leider nicht gelungen war, "die Entwicklung der Mannschaft so voranzutreiben, wie wir es uns gewünscht haben", trennte sich Fußball-Zweitligist Hannover 96 von Mirko Slomka. Niemand hätte sich gewundert, wäre dieser Tweet nicht aus der niedersächsischen Landeshauptstadt über den Äther geschickt worden, sondern aus der bayrischen. Aus der aber hatten mehreren Medien zuvor eilig gefunkt: Niko Kovac bleibt Trainer des FC Bayern. Trotz der enttäuschenden Spiele zuletzt. Trotz des desaströsen 1:5 bei Eintracht Frankfurt am Tag zuvor. Das Ganze gelte aber nur vorerst. Zwei Spiele zur Bewährung solle es geben, wollten sie erfahren haben. Die Münchener konterten am Abend und verkündeten das Aus für den Kroaten. Die Entscheidung selbst war dabei weniger überraschend als der Zeitpunkt und die Begründung: Kovac habe seinen Rücktritt angeboten. Die Ergebnisse und die Art und Weise der Auftritte haben ihn, der am Tag der sportlichen Katastrophe noch verkündet hatte, nie aufgeben zu wollen, zu diesem Entschluss geführt.

Nun, der Trainer ist also weg. Und damit auch das beste Alibi von Bayerns Fußballern für ihre schlechten Leistungen. Was aber bleibt, sind die Baustellen. Und davon haben die Münchener derzeit mehr als der BER – Fachkundige wissen, dass es sich dabei um den niemals fertigwerdenden Berliner Flughafen handelt. Auf der Mängelliste des Meisters stehen: fehlende Konstanz, undurchschaubare Spielidee, frustrierte Fußballer, formschwache Fußballer und eine extrem anfällige Defensive. Als Problembewältiger darf sich nun erstmal Co-Trainer Hansi Flick beweisen. Zunächst am Mittwoch (18.55 Uhr) gegen Olympiakos Piräus (Pflicht) und dann am Samstag gegen Borussia Dortmund (18.30 Uhr, beide im Liveticker bei n-tv.de). Spätestens bis dahin sollten die drängendsten Probleme behoben sein. Aber warum sollten sie in München in wenigen Tagen schaffen, woran sie in Berlin seit einem Jahrzehnt werkeln?

2. Borussia Mönchengladbach kann alles - auch Meister werden

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Marco Rose steckt auf einmal mitten drin im Kampf um den Titel.

(Foto: imago images/Norbert Schmidt)

Der Plan war ja schon, dass Marco Rose bei der unter Dieter Hecking zuletzt schon auch erfolgreichen, aber insgesamt träge gewordenen Borussia frische Ideen, ein neues Tempo, überhaupt frischen Wind reinbringen sollte. Das Projekt ist eigentlich langfristig angelegt, Rückschläge waren jederzeit eingepreist, denn die Implementierung des arbeitsintensiven Rose-Fußballs in einen Kader, der unter dem Vorgänger oft vor sich selbst erstarrt wirkte, schien kompliziert. "Wir wissen auch, dass die ersten Spiele mit Punkten garniert waren, dass aber noch nicht alles rund gelaufen ist", sagte denn auch Gladbachs Sportchef Max Eberl in seiner wohligen Rückschau nach dem zehnten Spieltag. Wohlig deshalb, weil der Umbruch so überraschend schnell abläuft - und erfolgreich. Mit drei Punkten Vorsprung auf Borussia Dortmund führt man die Tabelle an. Noch erfreulicher als die Tabellenführung dürfte für Eberl und die Fans aber die Erkenntnis sein: Die Mannschaft kommt ins Rollen - und wenn sie es nicht über die volle Distanz schafft, sichert sie ihre Punkte eben auch mal anders: "Wir können nicht nur schönen Fußball spielen, sondern wenn es sein muss, auch mal dreckig gewinnen", sagte Jonas Hofmann nach dem 2:1-Auswärtssieg in Leverkusen. "Das hat uns die letzten Jahre immer verfolgt, dass wir das nicht so drauf haben."

Rose hat seiner Mannschaft offenbar in Rekordzeit ein neues Arsenal an Möglichkeiten an die Hand gegeben, Spiele zu gewinnen. Nicht nur mental, sondern auch taktisch: Den eigenen Intensivfußball lässt er in wechselnden Formationen spielen, je nach Gegner und verfügbarem Personal. Das M-Wort vermeidet man am Niederrhein derzeit noch, umschreibt die eigenen Ansprüche aber maximal ambitioniert: "Wenn andere Teams so spielen, dass wir Tabellenführer sind, dann soll uns das nicht hemmen. Sondern es soll Lust auf mehr machen. Die Mannschaft zeigt: sie will oben bleiben", sagte Eberl. Und Hofmann weiß: "Es sind jetzt zehn Spieltage rum. Es ist also keine Eintagsfliege mehr!"

3. Derby-Randalierer machen das, was sie sonst kritisieren: nur Show

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Leuchtraketen, die in die Richtung von Menschen geschossen werden sind kein Ausdruck von Liebe zum Sport.

(Foto: imago images/Eibner)

Union Berlin hat BFC Dynamo und Hertha BSC hat Schalke 04. Das sind die wahren "Feinde" der Anhänger. Das Problem: Union spielt nun schon länger weit höherklassiger als der BFC und die Königsblauen kratzt es nicht, dass die Herthaner sie hassen. Sie konzentrieren sich lieber auf ihre Rivalen aus Dortmund, mit denen sie eine jahrzehntelange Fehde verbindet. Also, so dachten die Fanlager der beiden Hauptstadtklubs, müsste man doch eigentlich den Nachbarn hassen. Den Nachbarn, den man noch vor 30 Jahren lieb hatte, mit dem man Schulter und Schulter stand - zur Zeiten der Mauer wie zur Wiedervereinigung. Auch nach dem Mauerfall leben die Vereine in ihrem jeweiligen Mikrokosmos in West- und Ost-Berlin über die Jahrzehnte weitestgehend unangetastet voneinander. Jeder macht sein Ding. In den Straßen Berlins müssen weder Unioner noch Herthaner aufpassen (was auch gut so ist). Und jetzt soll auf einmal der Hass aufeinander regieren? Das wirkt aufgesetzt und falsch.

Klar, jeder will Vorreiter in der Stadt sein. Aber da hätte es ein wenig normalsportliche Häme - in einem Spiel das durch einen umstrittenen Foulelfmeter in der 88. Minute mit 1:0 für Union entschieden wurde - auch getan. Doch die halbstarken Fanlager haben aus dem Revier, vom Rhein und aus Bremen und Hamburg gelernt: Raketen, Pyro, Vermummung - so muss das bei einem Derby. Ohne Gewaltekstase ist es kein echtes Derby. Ohne Leuchtraketen war's nicht "hart" und "cool" genug. Echt war's aber schon lange nicht. Die Randalierer waren eigentlich nur große Showmänner, die zeigen wollten, dass sie die Derby-Regeln verstanden haben. Die Fans, die die Entertainmentisierung des Fußballs kritisieren taten am Samstag in Berlin genau das: Sie sorgten für eine große, nichtssagende Show ohne Inhalt. Und vielleicht tragen auch wir Medien eine Mitschuld daran, wurde doch in den Tagen vor dem Spiel alles auf diese Derby-Eigenschaft fokussiert.

4. Hertha ist ein "Normal City Club"

Hertha BSC - ein Verein, der schon immer Probleme hatte, Anspruch und Wirklichkeit unter einen Hut der Realität zu bringen - soll mit den neuen Windhorst-Millionen endlich ein "Big City Club" werden. Doch selbst gegen den kleinen Stadtnachbarn aus Köpenick setzt es eine verdiente 0:1-Niederlage, weil Hertha offensiv überhaupt nicht zur Entfaltung kam. Nach einem knappen Drittel der Saison hängt die Alte Dame im Niemandsland der Tabelle fest und scheint keinen Schritt weiter als unter Ante Covic‘ Vorgänger Pal Dardai. Schlimmer noch: Unter Dardai hätte Hertha an so einem Samstag einfach das 0:0 nach Hause gebracht. Aber die Abwehr von Coach Covic wackelt diese Saison gewaltig – was natürlich auch mit vielen verletzungsbedingten Umstellungen zu tun hat. Das Projekt Neuanfang gestaltet sich, gelinde gesagt, als schwierig. Vor einem Jahr stand die Hertha nach dem zehnten Spieltag auf dem achten Tabellenplatz, hatte im Vergleich zu heute fünf Punkte mehr auf dem Konto, genauso viele Tore erzielt, aber vier weniger bekommen.

5. Ein 0:8 ist auch nur eine Niederlage

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Jean-Paul Boetius muss nicht mit einem neuen Trainer rechnen. Vorerst.

(Foto: imago images/opokupix)

In Mainz stehen sie seit vielen Jahren nicht unter Verdacht, besonders anfällig für Panik-Reaktionen zu sein. Am Rhein betreiben sie in sportlichen Ausnahmesituationen gerne Analysen, um dann zu für die Branche untypischen Ergebnissen zu kommen: Mal fliegt der Aufstiegstrainer in der Woche vor dem Bundesligaauftakt, mal - und das ist am Bruchweg die Regel - wird so lange am Trainer festgehalten, bis der Klassenerhalt gesichert ist. Man scheut sich nicht, Entscheidungen zu treffen, man möchte sie nur mit Überzeugung treffen, nicht, um einfach nur irgendetwas zu entscheiden. Das ist ganz grundsätzlich und über den Sport hinaus immer eine gute Einstellung.

Nun sind die Mainzer nach neun bereits wenig begeisternden Spieltagen spätestens am zehnten mal wieder in einer Extremsituation gelandet: Mit 8:0 wurden wehrlose Mainzer in Leipzig verdroschen und ließen dabei alles vermissen, was man sich von einem Bundesligisten erhoffen darf. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen und den Trainer Sandro Schwarz, der von Teilen der Anhängerschaft nahezu seit Dienstantritt kritisch gesehen wird, um den Job bringt? Nein. "Der Trainer ist im Moment der ärmste, der die Mannschaft in der Woche und auch vor dem Spiel sehr gut eingestellt hat", stärkte Sportvorstand Rouven Schröder seinem Trainer den Rücken. Stattdessen schiebt er die Spieler in die Pflicht: "Das ist ganz klar eine Thematik, bei der wir die Mannschaft in die Pflicht nehmen. Wir stehen als Verein zusammen. Und der Trainer bleibt der Chef der Mannschaft, da werden wir gemeinsam arbeiten, um die Mannschaft aufzurütteln." Das klingt nach Jobgarantie und in Mainz darf sich der Trainer noch darauf verlassen. Auch, wenn diese Lösung vielen Fans nach einer historischen Klatsche nicht genug ist.

6. Bundesliga-Profis wird nicht viel zugetraut

*Datenschutz

Ein entlarvender Satz entfleuchte Bundestorwarttrainer Andreas Köpke am Sonntagabend bei der Auslosung des DFB-Pokal-Achtelfinals. "Wir trainieren so viel, da ist keine Zeit ..." sagte der ehemalige Bundesligaprofi auf die Frage von Sportschau-Moderator Matthias Opdenhövel, ob für Bundesligaspieler ein Pensum wie das von Turid Knaak vorstellbar wäre. Die ist Bundesligaspielerin für die SGS Essen, Nationalkickerin und in ihrer "Freizeit" Dozentin an der Uni in Köln - und schreibt aktuell an ihrer Doktorarbeit. Köpke wischte die Frage nach einem Leben neben dem Profisport also handstreichartig mit einem flapsigen Spruch beiseite. Undenkbar offenbar, dass Bundesligaprofis neben ihrem Job noch Kapazitäten für ein "echtes" Leben hätten.

Zur Veranschaulichung: Florian Kohfeldt, Trainer des SV Werder Bremen, eines durchschnittlichen Bundesligateams, bittet seine Profis in dieser Woche vorraussichtlich fünfmal zum Training, Montag und Freitag sind frei. Natürlich kommen noch weitere individuelle Termine auf die Spieler zu. Aber in Zeiten, in denen bei vielen Profis von der Pflege der Instagram-Accounts bis zur Pflege der eigenen vier Wände vieles abgenommen wird, bliebe da noch ganz viel Zeit drumherum. Köpke traut den Profis offenbar nicht zu, diese Zeit sinnvoll zu füllen. Es muss ja nicht gleich eine Promotion sein. Köpke präsentierte schlicht das Selbstverständnis der Blase Profi-Fußball, die sich von sämtlichen Lebensrealitäten normaler Menschen abgekoppelt hat. (Lesen Sie hier den Kommentar von Friederike Zörner, warum Köpkes Aussage nicht nur die Profis schlecht dastehen lässt, sondern vor allem ein Schlag ins Gesicht vieler, vieler Leistungssportler ist.)

Quelle: n-tv.de

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