Fußball

Fehler-Fratze vs. forsche Visage Die bizarren zwei Gesichter des FC Bayern

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Jubelnde Gesichter bei Goretzka und Müller.

(Foto: dpa)

Mit Ach und Krach verhindert der FC Bayern beim Champions-League-Knaller gegen den FC Barcelona anfangs einen Rückstand. Doch dann präsentiert der Rekordmeister plötzlich sein couragiertes Gesicht. Wo soll das mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde nur hinführen?

Die erfolgsverwöhnten 75.000 Zuschauer in der Allianz-Arena in München bekommen am Dienstagabend im Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona einiges geboten. Weit mehr noch als sonst sogar. Sie sehen nicht nur den 2:0 (0:0)-Sieg ihres FC Bayern, sondern gleich zwei Spiele in einem - und blicken dabei in die zwei Gesichter des Rekordmeisters, die diese Saison bisher prägen. Diese sind, bei näherer Betrachtung, in Kombination durchaus bizarr.

Über Gesicht und Partie Nummer 1, die ersten 45 Minuten, dürften sie beim deutschen Rekordmeister überhaupt nicht glücklich sein. Doch weil es Robert Lewandowski und Co. nicht gelingt, die vielen Chancen in ein Tor umzumünzen, startet nach der Pause ein wildes Duell Nummer 2. Und diese Bayern-Visage lieben sie in München. Der FCB, der Dr. Jekyll und Mr. Hyde des deutschen Fußballs.

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Denn da ist einmal der FC Bayern, der verunsichert gegen Barcelona die Bälle in der eigenen Hälfte vertändelt. Der sich haarsträubende Fehlpässe leistet und teilweise so sehr schwimmt, dass der Gegner zu besten Torchancen kommt. Etwa, als nach gut zehn Minuten das Spiel mit rasendem Tempo immer mehr in Richtung Barcelona kippt und vor allem Lewandowski beste Chancen auslässt.

Ballkünstler ohne Einfälle

Diese fehlerhafte Fratze trägt auch die Offensive im Spiel Nummer 1 am Dienstagabend. In der ersten Hälfte bringen Leroy Sané, Sadio Mané und Geburtstagskind Thomas Müller viel zu wenig Durchschlagskraft und Zielstrebigkeit auf den Platz. Bayern kombiniert sich gut bis an den Sechszehner, aber dann verpuffen die Angriffe. Den hochbegabten Ballkünstlern fällt nicht viel ein, am und im Strafraum schieben sie sich quer den Ball zu. Müller schaut sich so oft nach seinen Mitspielern um, dass er überhaupt keinen Blick mehr aufs Tor werfen kann. Sucht er vielleicht seinen alten Kollegen Lewandowski? Das Muster lautet: Noch ein Pass, noch ein Schlenker - aber ein gradliniger, direkter Abschluss springt dabei nicht heraus. Wo sind die Ideen, wo ist die geforderte Dominanz, wo bleibt die Gefahr?

Diese Grimasse schneidet auch Manuel Neuer, als er in der 14. Spielminute Lewandowski den Ball direkt in die Füße spielt und sich nur mit viel Glück nicht das 0:1 fängt. Lucas Hernández ebenfalls, als er sich von Lewandowski im Luftzweikampf düpieren lässt (21. Minute). Genauso das Mittelfeld, das sich in der ersten Hälfte von Sergio Busquets, Pedri und Co. abkochen lässt und hinterherläuft. "Wir haben Glück gehabt bei den Situationen, die Barça in der ersten Halbzeit hatte", gibt Neuer nach dem Spiel zu. Bayern-Präsident Herbert Hainer sagt: "Barcelona hat uns 45 Minuten lang vor große Probleme gestellt."

Zu diesem Zeitpunkt scheint es, als würde es Julian Nagelsmann nach der Mini-Krise in der Liga nun auch in der Champions League nicht gelingen, aus seinem Hunderte Millionen Euro schweren Kader das herauszukitzeln, was es braucht, um solche Topspiele zu gewinnen. In Spiel 1 schafft der Trainer es nicht, die richtigen taktischen Kniffe zu finden, um gegen Barcelonas kompakte Defensive anzukommen.

Eigene Ansprüche bisher nicht erfüllt

Der FC Bayern droht in eine handfeste Krise zu schlittern. Denn es hapert nicht nur in diesen Minuten im Spiel gegen die Katalanen. Da sind auch die drei Unentschieden in Serie in der Bundesliga - sie bedeuten den zumindest statistisch schlechtesten Saisonstart seit einem gefühlten Jahrhundert (in Wahrheit seit zwölf Jahren) - und die Querelen, die es intern immer wieder geben soll. Obwohl man mit zwölf Punkten fast ganz oben in der Tabelle steht und in der Königsklasse souverän bei Inter Mailand gewann, sind die Darbietungen der vergangenen Wochen für die Ansprüche der Münchner, für das "Mia-san-Mia"-Gefühl, zu wenig.

Der Bayern-Kader ist tief und breit in dieser Saison, der Konkurrenzkampf groß. Nagelsmann muss vor jedem Spiel harte personelle Entscheidungen treffen. Kritik wird laut, der Cheftrainer wäre überfordert und zu wenig Menschenfänger und -versteher für diese Situation. "Der Trainer muss natürlich auch viele zufriedenstellen", sagt Sportvorstand Hasan Salihamidžić am Sonntag im Sport1-Doppelpass. Dieses "Fingerspitzengefühl" entwickle Nagelsmann derzeit: "Er findet gerade seinen Stil. So einen Kader hat er noch nicht gehabt."

Der Stil des Trainers kommt bei Fans immer öfter nicht gut an. Nagelsmann wird unter Fans vorgehalten, mit einer zu großen Klappe negativ aufzutreten, sich zu wenig vor die Mannschaft zu stellen und nicht empathisch und bodenständig genug zu sein. Auch die ersten Spieler sollen Nagelsmanns Art zu arbeiten hinterfragen. Angeblich wächst die Unzufriedenheit im Kader, einige Profis sind nicht mit ihren (in ihren Augen zu geringen) Einsatzzeiten zufrieden. Auf der Abschluss-PK vor dem Duell gegen den FC Barcelona am Montag verrät der Chefcoach bereits, dass Marcel Sabitzer von Anfang an neben Joshua Kimmich im defensiven Mittelfeld starten wird. Bei Comebacker Leon Goretzka (fiel lange nach einer Knie-OP aus) soll das gar nicht gut angekommen sein. Sein Fordern nach mehr Spielzeit soll wiederum weitere Führungsspielern verärgert haben.

"Diese ganzen angeblichen Probleme in der Kabine, das ist derart konstruiert", sagt Goretzka zwar nach dem Spiel und stellt klar: "Wir verstehen uns alle super in der Mannschaft." Doch die ersten 45 Minuten, die fehlerhafte Fratze des FC Bayern, sie spielen diesen Kritikern in die Hände. Zur Halbzeit beim Gruppenkracher in München ist klar: Es muss gegen Barca in der zweiten Hälfte nicht nur mal wieder ein Sieg her, sondern auch eine überzeugende Leistung für die Fans und das Selbstverständnis. Und zum Glück für die ausverkaufte Allianz-Arena ist dies ja die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Deshalb ist da noch Spiel 2, mit dem sich der Rekordmeister eindrucksvoll aus der Mini-Krise schießt.

Unschlagbarer Power-Fußball

Mit dem entschlossen dreinblickenden Gesicht der zweiten 45 Minuten gegen das Team von Ex-Superstar Xavi zeigen die Bayern, was sie wirklich drauf haben. Mit diesem Antlitz fegte der Rekordmeister etwa im Supercup RB Leipzig vom Platz und überrollte zu Beginn der Saison die Liga. Nun muss Barcelona dran glauben. Der eingewechselte Goretzka packt seinen Bankdrücker-Frust in einen Schuss aus der zweiten Reihe und zieht humorlos ab. Den ersten richtigen Torschuss der Münchner rettet Marc-André ter Stegen per Hechtparade zur Ecke. Die anschließende Ecke Kimmichs darf Hernández völlig frei einköpfen zum 1:0 (50.).

Und mit dieser neuen Visage eröffnen sich den Münchner auf einmal Räume: Sané übersprintet nach feinem Pass Jamal Musialas die komplette Barça-Abwehrkette, läuft allein auf ter Stegen zu und schiebt eiskalt links am Keeper vorbei ins Tor (54.). Es wirkt, als könnte der FC Bayern mit diesem schnellen und variablen Power-Fußball jeden schlagen. "Who the fuck is Barcelona", singen die Bayern-Fans hüpfend, wohl in Anlehnung an Frankfurt-Präsident Peter Fischer, der vor dem ersten Spieltag mit der Aussage "Who the fuck is Mané" auf sich aufmerksam machte.

"Wenn wir aggressiver spielen und die richtigen Bälle spielen, dann kriegen wir auch die Räume", urteilt Sané nach dem Spiel. Die Bayern sind jetzt viel zielstrebiger in ihren Aktionen. Im Mittelfeld gewinnen sie aggressiv den Ball und gehen direkt auf den Abschluss. Musiala zielt zwar zweimal daneben und Goretzka wird geblockt, aber der Wille ist da. Nagelsmann scheint in der Pause die richtige Ansprache gehalten zu haben.

"Wir sind gut aus der Kabine gekommen und wollten den Sieg mehr als Barcelona", sagt Neuer zu dem Visagen-Wechsel zur Pause. "Die zweite Hälfte haben wir mit mehr Überzeugung und mutiger gespielt." Auch Oliver Kahn erkennt die zwei Gesichter: "In der zweiten Hälfte hat sich jeder einzelne reingehauen", sagt der Vorstandschef. "Man hat gesehen, was wir leisten können."

Goretzka bringt das Feuer

Es ist ein couragiertes und beherztes Gesicht mit forschem, nach vorne gerichteten Blick, das die Leistungssteigerung bedeutet. Die Augen weit aufgerissen und klar auf Erfolg fokussiert. An diesem Abend trägt es vor allem Mittelfeld-Motor Goretzka. Er bringt das Feuer und die Geradlinigkeit in die Partie, die dem FC Bayern in der ersten Hälfe fehlen. Wie ein Berserker pflügt er durch das Mittelfeld, erkämpft sich Bälle, sucht konsequent den Torabschluss - und rammt schon mal einen der (meist schmächtigeren) Gegenspieler um. In den kommenden Spielen dürfte er nicht mehr so oft auf der Bank zu finden sein.

Der Erfolg über den FC Barcelona ist den Bayern durchaus hoch anzurechnen. Die Blaugrana sind aktuell in starker Form und reisten mit einer Siegesserie und breiter Brust in die Allianz-Arena. Allerdings konnte Barça in München bis dato doch noch kein einziges Pflichtspiel gewinnen und weist eine miese Bilanz (2:8 Siege, ein Remis, der letzte Erfolg der Katalanen datiert von 2015) gegen die Bayern auf. Mit dem Sieg in diesem Königsklassen-Klassiker (Bayern und Barça lagen vor dem Spiel in der ewigen CL-Tabelle auf den Rängen drei und zwei mit jeweils 159 Siegen, nur Real Madrid holte mit 175 noch mehr Erfolge) übernehmen die Bayern nicht nur die alleinige Tabellenführung in der Gruppe, sondern machen auch schon einmal einen kleinen Schritt in Richtung K.-o.-Phase.

Nun gilt es für den Rekordmeister aber unbedingt herauszufinden, wie er die Doppelgesichtigkeit ablegen kann. Das wird die wichtigste Aufgabe für Nagelmann und sein Trainerteam in den kommenden Wochen. Spätestens im Achtelfinale der Champions League benötigt sein Klub dieses forsche, durchschlagskräftige und couragierte Gesicht und nur das zweite der beiden Spiele an diesem Dienstagabend. Treffen die Gegner des FC Bayern dagegen auf die fehlerhafte Fratze, könnte die Reise durch Europa schnell wie in den vergangenen beiden Jahren enden.

(Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 14. September 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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