Fußball

Die Angst des BVB vorm Elfmeter Finaldrama raubt Tuchel die Fassung

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Thomas Tuchel sezierte nach Abfiff das Spiel seiner Mannschaft. Tenor: Das können wir besser.

(Foto: imago/DeFodi)

Während Bayerns Thomas Müller im Pokalfinale einfach "die Eier in die Hand" nimmt, versagen Borussia Dortmund im Elfmeterschießen die Nerven. Das nächste Titeltrauma veranlasst BVB-Coach Tuchel zu einem Feuerwerk der Selbstkritik - inklusive einer verbalen Abschieds-Ohrfeige für Mats Hummels.

Das DFB-Pokalfinale 2016 war abgepfiffen, der FC Bayern im rotgoldenen Konfettigeflirre zum 18. Mal zum Sieger gekrönt, Borussia Dortmund nach der dritten Finalpleite in Folge wie in der Liga nun auch im DFB-Pokal als bester Verlierer aller Zeiten in den Annalen verewigt, und Thomas Müller war einfach Thomas Müller. "Da musst Du deine Eier in die Hand nehmen", beschrieb das Bayern-Unikum gewohnt unverblümt, was die hochklassige Pokalrasenschachschlacht der beiden besten deutschen Fußballteams im Berliner Olympiastadion letztlich entschieden hatte. Die Courage, sein Titelglück zur Not eben im Elfmeterschießen zu erzwingen, wenn es denn schon dazu kommen musste.

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Mats Hummels habe um seine Auswechslung gebeten, sagte Tuchel nach Spielende. Der Verteidiger litt unter Krämpfen.

(Foto: dpa)

Es war jene Courage, die Borussia Dortmund nach einem überaus zehrenden Abnutzungskampf mit dem überlegenen FC Bayern im 56. Pflichtspiel dieser Saison schlicht nicht mehr aufgebracht hatte. Nicht auf dem Rasen und auch nicht auf der Trainerbank. "Ich konnte beim Elfmeterschießen nicht hinsehen", gestand Dortmunds Trainer Thomas Tuchel nach seinem ersten großen Finale, das für die Borussia wie schon 2013, 2014 und 2015 in einer großen Endspiel-Niederlage endete. Mit 4:3 triumphierten die Münchner im letzten Spiel von Josep Guardiola im Elfmeterschießen, und Tuchel konnte es kaum ertragen.

Es war ein Eingeständnis, das seine ohnehin bemerkenswerte Debütsaison als BVB-Coach neben atemberaubenden Siegen, spektakulären Niederlagen und einer rasanten Evolution von schwarzgelben Pressing- zu ballbesitzaffinen Flexiblitätsmonstern um eine weitere Komponente bereicherte. Denn es war Teil eines wahren Feuerwerks der Selbstkritik bei dem Thomas Tuchel einfach nur Thomas Tuchel war: extrem rational und analytisch, präzise, detail- und erfolgsbesessen und dabei immer orientiert am Bestmöglichen (also den Guardiola-Bayern) - und ausgesprochen kritisch. Vor allem mit sich, aber auch mit seiner Mannschaft.

Super verteidigt, aber schlampige Konter

Der attestierte er einen Mangel an "Selbstvertrauen und Schärfe", insbesondere in der ersten Halbzeit. Insgesamt habe der BVB "super verteidigt". Aber: "Im Spiel mit Ball sind wir weit hinter unseren Ansprüchen geblieben", "wir haben zu viel liegen lassen" und bei Kontern "schlampig" agiert. Zudem habe eben auch bei "Handlungsschnelligkeit, Wachheit, Überzeugung und Ausstrahlung was gefehlt", was Tuchel zum wenig erbaulichen Fazit brachte: "Wir haben unsere Unzulänglichkeiten im Spiel mit Leidenschaft kompensiert."

Bayern - Dortmund 4:3 n. E. (0:0 (0:0))

Bayern: : Neuer - Lahm, Kimmich, Boateng, Alaba - Thiago - Costa, Müller, Vidal, Ribéry (108. Coman) - Lewandowski. Trainer: Guardiola

Dortmund: Bürki - Piszczek, Bender, Sokratis, Hummels (78. Ginter), Schmelzer (70. Durm) - Weigl, Castro (106. Castro), Mchitarjan, Reus - Aubameyang. Trainer: Tuchel

Ergebnis nach 120 Minuten: 0:0 (0:0)

Elfmeterschießen: 0:1 (Kagawa), 1:1 (Vidal), 2:1 (Lewandowski), 2:2 (Aubameyang), 3:2 (Müller), 3:3 (Reus), 4:3 (Costa). Bender und Sokratis verschießen für Dortmund, Kimmich für die Bayern.

Schiedsrichter: Marco Fritz

Doch auch wenn Tuchel die Leistung seines Teams schonungslos sezierte ("Wir können es besser") und dabei unterschlug, dass sein BVB den Münchnern phasenweise durchaus ebenbürtig gewesen war, dass Bayerns Franck Ribery nach einer Tätlichkeit in Hälfte 1 vom Platz hätte fliegen müssen und das Dortmund mit Ilkay Gündogan der zentrale kreative Spielgestalter fehlte - als Vorwurf wollte er das alles ohnehin nicht verstanden wissen, sondern: "Das ist eine Beschreibung, das ist mir wichtig." Ein Zwischenfazit in jenem aufregendem Umbau- und Entwicklungsprozess, in dem er sich mit Dortmund gerade befindet. Und es klang glaubwürdig, so wie Tuchel das im Bauch des Olympiastadions betonte.

Noch wichtiger war ihm ja eh, seinen Anteil am finalen Scheitern vom Elfmeterpunkt herauszustreichen. Der von Tuchel bekanntlich verehrte Josep Guardiola stellte nach seinem perfekten Abschied im Berliner Finale zwar fest: "Elfmeter ist Elfmeter. Diese Situation kannst Du nicht kontrollieren." Doch Tuchel haderte damit, sich selbst nicht genug unter Kontrolle gehabt zu haben: "Es war mein Fehler, Manni und Papa (Sven Bender und Sokratis, Anm.d. Red.) den zweiten und dritten Elfmeter schießen zu lassen. Sie haben gesagt, sie wollen schießen, aber ich hätte das vielleicht verhindern müssen." Der Elfmeter von "Manni" Bender geriet zur peinlichen Rückgabe, Sokratis‘ Schuss landete am Außenpfosten.

Innenverteidiger schießen Elfmeter

Es waren die entscheidenden Fehlschüsse und nicht nur Tuchel stellte sich hinterher die Frage, warum in seinem Ensemble technisch Hochbegabter ausgerechnet die beiden eher rustikalen und von der Bayern-Offensive zuvor 120 Minuten intensiv abgeprüften Innenverteidiger zum Elfmeter antreten mussten statt beispielsweise BVB-Topscorer Henrikh Mkhitaryan. Tuchels ehrliche Antwort: "Wir hatten Schwierigkeiten, fünf Schützen zu finden."

Das, räumte Tuchel ein, "ärgere" ihn und mache ihn auch "ein bisschen traurig". Ér hätte "andere bestimmen sollen", hätte anders coachen und Verantwortung umverteilen müssen und einfach sagen: "Hey Leute, wenn es ein Bundesligaspiel wäre, würden wir doch nicht um Manni und Papa kämpfen. Da hätten wir uns darum gestritten, wer den Elfmeter schießt." Er wisse auch nicht, "ob wir dann gewonnen hätten. Aber es hätte ein runderes Bild gegeben".

Ein Borusse, der definitiv nicht mitgestritten hätte, war Mats Hummels. Das mögliche Mitwirken des Noch-BVB-Kapitäns und Bald-Bayern an einem etwaigen Elfmeterschießen hatte vorab für hitzige Diskussionen und kuriose Wortmeldungen aus München gesorgt. Am Ende waren es Krämpfe, die Hummels' BVB-Karriere in der 78. Minute vorzeitig beendeten, noch vor Verlängerung und Elfmeterschießen.

Von Tuchel wurde Hummels nach seinem letzten Spiel als Borusse nach achteinhalb Jahren nicht mit warmen Worten verabschiedet, im Gegenteil. "Er hat darum gebeten", antwortete der BVB-Coach lapidar auf die Frage nach dem Grund für Hummels‘ Auswechslung. Zu Hummels‘ ordentlicher Leistung bis zu seiner Auswechslung sagte er schneidend im Stil einer verbalen Ohrfeige: "Er kann’s besser." Das allerdings galt an diesem Pokalabend laut Tuchel für den gesamten BVB – und besonders für ihn selbst.

Quelle: n-tv.de

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