Fußball

Münchener Defensiv-Zynismus Flicks FC Bayern vertraut der Kovac-Schule

imago44224227h.jpg

Hansi Flick (rechts) macht da weiter, wo es für Niko Kovac nicht mehr weiter ging.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Die Hauptkritik an Niko Kovac lautete: Er denke das Spiel zu defensiv. Bei einem Verein wie dem FC Bayern geht das nicht lange gut. Doch kaum ist der Kroate weg, stärkt dessen Nachfolger die Abwehr der Münchener Fußballer.

So einiges blieb am Dienstagmittag unklar. Warum etwa sich Siri einmischte, als Hansi Flick, der Interimstrainer des FC Bayern, über Niko Kovac, seinen ehemaligen Chef beim FC Bayern, sprach. Siri, so ließ die künstliche Smartphone-Intelligenz gut hörbar wissen, hatte nicht verstanden, was Flick da sagte. Schon irgendwie eine komische Ironie. Denn in München haben sie Kovac und seinen Fußball ja tatsächlich nicht mehr verstanden - und sich deswegen am Sonntag von ihm getrennt. Es war ein nicht mehr zu lösender Kulturkampf zwischen offensivem Anspruch (Verein) und defensiver Realität (Trainer), der sich zuletzt auch noch fatal auf die Ergebnisse ausgewirkt hatte.

Was Flick da nun in neuer Rolle im Pressestüberl an der Säbener Straße erklärte, und was Siri nicht verstand, waren vor allem Höflichkeiten. Er lobte den stillvollen Abgang des Kroaten, der zwei Tage nach der offiziellen Trennung nochmal bei der Mannschaft vorsprach und sich für die gemeinsame Arbeit bedankte, und er sagte, dass viele hätten schlucken müssen. So ein Trainerwechsel, der gehe halt nicht spurlos an einem vorbei. Auch nicht an Joshua Kimmich. Der berichtete gar von einer traurigen Stimmung in der Kabine und gestand, dass ein Trainerwechsel "für uns Spieler auch ein Stück weit Versagen" ist. Der Nationalspieler stand am Dienstag ebenfalls für Gespräche bereit. Offizieller Anlass der Medienrunde war aber nicht die Trennung, sondern das Duell mit Olympiakos Piräus in der Champions League an diesem Mittwochabend (18.55 Uhr im Liveticker bei n-tv.de).

Die Abwehr patzt, die Offensive lahmt

Für Gesprächsstoff sorgte das derweil weniger. Zu komfortabel ist die Situation der Münchener in der Gruppe B mit drei Siegen aus drei Spielen, zu dominant sind die Probleme des FC Bayern. Die Defensive schwächelt ohne den eigentlichen Abwehrchef Niklas Süle und ohne Weltmeister Lucas Hernandez akut - wobei sie auch mit den beiden nicht immer stabil wirkte. Der Offensive fehlt's an Kreativität. Überragende Fußballer wie der brasilianische Neuzugang Philippe Coutinho zeigen ihre Qualitäten derzeit nur im Training. Eigentlich klar unterlegenen Mannschaften wie den Aufsteigern Paderborn und Union Berlin sowie dem Zweitligisten VfL Bochum öffneten die Probleme des Riesen überraschend große Chancen. Auch wenn sie alle ungenutzt blieben.

Bereits nach der Zitterei in Paderborn hatte Kimmich einen lauten Notruf abgesetzt: "Man muss feststellen, dass wir es in dieser Saison noch nicht geschafft haben, ein Spiel über 90 Minuten dominant zu bestreiten", schimpfte er. "Auch die letzten Spiele, die wir deutlich gewonnen haben, waren nicht die Art und Weise, wie wir uns das vorstellen." Gerade das Verhalten am Ball machte ihn wütend. "Wir schaffen es nicht immer, Dominanz durch sicheren Ballbesitz auszustrahlen und dadurch signalisieren wir dem Gegner immer wieder, dass etwas möglich ist." Der FC Bayern, so sagte er also an diesem 6. Spieltag, laufe dem eigenen Anspruch hinterher - trotz damals eroberter Tabellenführung.

Zu Null, das ist die primäre Aufgabe

Mittlerweile ist der FC Bayern auf Platz vier abgesackt - mit noch weniger Dominanz, mit noch mehr Anfälligkeit, mit einfachsten Fehlern. Kovac hat das den Job gekostet. Das 1:5 bei Eintracht Frankfurt war letztlich nur die dramatische Zuspitzung einer wochenlangen Entwicklung. Oder eben einer wochenlangen Nicht-Entwicklung. Denn genau das war's. Die Münchener dümpelten und rumpelten durch die drei Wettbewerbe - das launige, aber auch kuriose 7:2 bei Tottenham war die Ausnahme - ohne erkennbaren Plan, ohne die Sicherheit, die den Mannschaften des Rekordmeisters per Klub-DNA doch eigentlich gegeben ist. Diese Sicherheit, so erklärte Kimmich, wolle sich das Team nun zurückholen. Es gehe darum, das Selbstvertrauen wieder zu stärken. Das gehöre in München ja dazu.

FC Bayern - Olympiakos, 18.55 Uhr

FC Bayern: Neuer - Pavard, Martinez, Alaba, Davies - Kimmich, Goretzka - Gnabry, Müller, Coman - Lewandowski; Trainer: Flick.
Olympiakos: Jose Sa - Elabdellaoui, Ruben Semedo, Meriah, Tsimikas - Bouchalakis - Guilherme, Camara - Daniel Podence, Randjelovic - Guerrero; Trainer: Martins.
Schiedsrichter: Raczkowski (Polen)
Stadion: Allianz Arena (München)

Gelingen soll das ausgerechnet mit jener Denkschule, für die Kovac stand, für die Kovac kritisiert wurde, die unter Kovac zuletzt aber alles andere als erfolgreich praktiziert wurde: konzentrierte und stabile Defensivarbeit. "Es wird die primäre Aufgabe von uns sein, wieder zu Null zu spielen. Wir wollen zusammen verteidigen, um nicht immer drei Tore schießen zu müssen, um zu gewinnen", erklärte Kimmich.

Das klingt reichlich zynisch. Die Post-Kovac-Bayern wollen den Frust wegverteidigen. Alle Mann. Im Verbund. Angeleitet ausgerechnet auch noch von Abwehrchef Javi Martinez. Einem Fußballer, der von Kovac kaum bis gar nicht bedacht wurde. Ihn und Thomas Müller, ebenfalls kein Günstling von Kovac, macht Flick jetzt wieder richtig wichtig. Der Müllerthomas soll die Mannschaft sogar führen und mitreißen. In den kommenden beiden Partien, den vielleicht einzigen des Interims als Chef, werden die Stammkräfte a.D. spielen. Mit eben tragenden Rollen. Die Partie gegen Piräus soll als Pflicht-Kür zum Einspielen genutzt werden, gegen Borussia Dortmund am Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker auf n-tv.de) muss in der Pflicht-Pflicht dann wirklich geliefert werden.

"Die Tore, die wir zuletzt bekommen haben, waren nicht Bayern-like", befand Flick in seiner ersten Chef-Analyse. "Da müssen wir ansetzen. Wir werden das eine oder andere ändern. Im Taktischen auch andere Schwerpunkte setzen." Es gehe aber ebenso um die Einstellung - ein Münchener Großthema. Nur ein Training hatte er bislang Zeit. Das aber begeisterte den Neuen. Knackig und aktiv, sei's gewesen. So wolle er seine Mannschaft auch im Ernstfall sehen. Also initiativ, nach vorne verteidigend und den Ball fordernd.

Ob die erste Elf neben den plötzlich wieder gesetzten Martinez und Müller für diese Ausrichtung noch weiter verändert werde, das wollte Flick für sich behalten. Ebenso wie die Position, die er für Kimmich vorgesehen hat. Die allerdings hat eine entscheidende Bedeutung für die Statik. Spielt er hinten rechts, werden wohl Martinez und Benjamin Pavard in der Mitte sowie David Alaba links verteidigen. Darf Kimmich im Mittelfeld ran, rückt Pavard nach rechts. Im Zentrum wäre ein Platz frei. Für Alaba? Alphonso Davies würde ihn dann wahrscheinlich auf Außen vertreten. Oder für das bislang ignorierte Innenverteidigertalent Lars Lukas Mai?

Vieles bleibt unklar. Zumindest bis zum ersten Anpfiff für Flick. Da kann selbst Siri nicht aufklären.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema