Fußball

Erst Real und Barca, jetzt Atlético Guardiola schwärmt trotz Halbfinal-Null

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Bedröppelte Bayern-Spieler nach der 0:1-Niederlage.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Der FC Bayern München setzt sich für das Rückspiel im Halbfinale der Fußball-Champions-League gewaltig unter Zugzwang. Bei Atlético Madrid machen die Mannschaft und Trainer zunächst zu viel falsch und später zu wenig richtig.

Zusammenpassen wollen die Bilder nicht: Josep Guardiola während der 90 Minuten im maroden Estadio Vicente Calderón und Josep Guardiola bei der Pressekonferenz nach dem Spiel. Der eine Herr Guardiola, der an der Seitenlinie, ist unzufrieden, verzweifelt, enttäuscht, fuchtelt wild umher. Der andere, der im Presseraum, ist gut gelaunt, gar zufrieden, tippt mit seinen Fingern immer wieder eine kleine Melodie auf dem Tisch vor sich. Eine 0:1 (0:1)-Niederlage im Halbfinalhinspiel der Fußball-Champions-League bei Atlético Madrid, herbeigeführt durch eine formidable Einzelleistung des spanischen U21-Nationalspielers Saúl Niguez in der elften Minute, hatte der Trainer des FC Bayern am Mittwochabend in Europas stimmungsvollster Bruchbude gesehen.

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Am Spielfeldrand wirkte Guardiola nicht gerade zufrieden - nach dem Spiel war er dann voll des Lobes.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Eine, nämlich seine, Mannschaft hat er gesehen, die sich zunächst von den Gastgebern gnadenlos überrennen ließ und später an dem Versuch scheiterte die gleiche Strategie gewinnbringend auf den Gegner anzuwenden. Woher rührte also die gute Laune beim Katalanen? So richtig zu erklären ist sie auf den ersten Blick nicht. Der FC Bayern hat nur mit einem Tor Unterschied verloren. Das ist natürlich keine ganz schlechte Voraussetzung für das Weiterkommen in der Champions League und für den auf der letzten Rille noch zu erreichenden Triple-Abschied Guardiolas aus München. Das Rückspiel in München steht am kommenden Dienstag an. Aber damit hört es auch fast schon auf mit den guten Nachrichten für den deutschen Rekordmeister an diesem Mittwochabend.

Denn doof ist in K.o.-Spielen der Königsklasse ja immer, kein Tor in der Fremde zu erzielen. Und dieser von Kapitän Philipp Lahm zum erklärten Ziel erhobene Treffer fiel nicht. Mal wieder. Zum dritten Mal in Serie. Zum dritten Mal im Hinspiel. Zum dritten Mal gegen eine spanische Mannschaft. Im Frühjahr 2014 reichte ein Konter, um bei Real Madrid 0:1 zu verlieren. Ein Jahr später genügte ein viertelstündiger Kollektivschlaf, um mit 0:3 beim FC Barcelona unterzugehen und nun gegen Atlético eine elendig verpennte Anfangsphase.

Bayern zu passiv?

Zweimal ging das zu Null vergeigte Hinspiel schief, zweimal folgte der vorfinale Knock-Out. Nun droht der dritte. Soweit sind wir aber noch nicht. Mindestens 90 Minuten hat der FC Bayern noch Zeit, die böse Erinnerung nicht zu einem dringend theapiebedürftigen Trauma auswachsen zu lassen. Dafür muss aber vieles besser werden. Zum Beispiel Guardiolas Taktik. Denn um die geht es mal wieder, wie einst bei den Niederlagen gegen Real und in Barcelona. Hat der Katalane gegen Atlético wieder zu sehr auf den Gegner reagiert, anstatt selbst zu agieren?

Atletico Madrid - FC Bayern 1:0 (1:0)

Tor: 1:0 Saul (11.)

Madrid: Oblak - Juanfran, Gimenez, Savic, Filipe  Luis - Gabi, Fernandez - Saul (85. Thomas), Koke - Griezmann, Torres
München: Neuer - Lahm, Martinez, Alaba, Bernat (77. Benatia) -  Alonso - Thiago (70. Thomas Müller), Vidal - Costa, Coman (64.  Ribery) - Lewandowski

Referee: Clattenburg (England) Zus: 52.127
Schüsse: 11:19 Ecken: 5:5
Ballbesitz: 31:69%

Nun, Guardiola änderte seine Anfangsformation tatsächlich gleich auf mehreren Positionen. Besonders überraschend: Thomas Müller, mit acht Toren in zehn Spielen der beste Champions-League-Schütze der Bayern, saß nur auf der Bank - an der Seite von Franck Ribéry. Warum? Das erklärte der Coach später so: "Ich wollte mehr Kontrolle, ich wollte mehr Mittelfeldspieler." Diese Idee ging aber zunächst so gar nicht auf. Mit dem Anpfiff beorderte Atléticos Trainer Diego Simeone seine ganze Pressingbande soweit nach vorne, dass selbst der überraschte Manuel Neuer ständig von einem dieser nervigen Leidenschaftsmonster angelaufen wurde.

Dem bayrischen Spielaufbau tat das überhaupt nicht gut. Kaum war der Ball mal da, war er auch schon wieder weg. Und prompt wurd's gefährlich. Schnörkellos, wie es schnörkelloser nicht geht, spielten sich die Rojiblancos vor das Bayern-Gehäuse. Besonders beeindruckt machte das Torschütze Saúl Niguez, als er auf dem Weg zum 1:0 zunächst seine drei spanischen Landsleute Thiago, Xabi Alonso und Juan Bernat ausfummelte und dann auch noch David Alaba stehen ließ. Der erklärte später übrigens: "Wir sind nicht so ins Spiel gekommen, wie wir uns das vorgestellt haben." Was eine ziemliche Untertreibung der Machtverhältnisse auf dem Platz war.

Atlético zerstört den Rhythmus

Denn so etwas wie spielerische Entfaltung beim FC Bayern kam nicht auf. Das konnte sie auch nicht, denn wann immer ein Guardiola-Schützling den Ball am Fuß hatte, sah er sich einer furchtloser Armada rot-weißer Gegenspieler gegenüber. Manchmal stürzten sich bis zu drei Madrilenen auf den bayrischen Ballvorträger. Sie zerstörten damit jeglichen Rhythmus, jeden Versuch der katalanisch-bevorzugten Spielkontrolle. Das Spiel der Gäste war durchzogen von Fehlern, offensive Aktionen kamen über den Ansatz nicht hinaus. "Wir haben in der ersten Halbzeit Mut und Aggressivität vermissen lassen", erklärte Torwart Manuel Neuer.

Die kam in der zweiten Halbzeit. Und zeigten die Bayern nun eine Idee davon, was ihnen ihr Trainer eigentlich für 90 Minuten angeraten hatte. Häufig ging's nun über die Außenbahnen, über die aufgewachten Douglas Costa und Kingsley Coman. Und plötzlich war sie da, die Torgefahr, mit der die Münchener ein Auswärtstor erzielen wollten. Alaba knallte den Ball an die Unterlatte (54.). Martínez scheiterte wenig später per Kopf an Torwart Jan Oblak (59.). Der lange Zeit ziemlich allein gelassene Robert Lewandowski spitzelte den Ball knapp vorbei (64.). Costa hob einen feinen Ball von Lahm aufs Tornetz (70.). Immer weiter ging das so, nur halt ohne Zählbares. Dennoch war Guardiola zufrieden, geriet sogar fast ins Schwärmen: "75 Prozent unseres Spiels waren toll. Wir haben sehr gut gespielt und hatten genug Torchancen. Mit unserer Leistung bin ich sehr zufrieden." Ob das auch gegolten hätte, hätte Madrids Stürmer Fernando Torres in der 75. Minute nicht nur den Pfosten getroffen? Egal, hat er ja nicht. Und so verließ Guardiola nach dem Gespräch mit den Journalisten gut gelaunt das Estadio Vicente Calderón - plötzlich passten sie doch, die Bilder.

Quelle: ntv.de