Fußball

Furioses Finale nicht belohnt Hamburgs Drama setzt Coach Walter hart zu

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Schwer gezeichnet: Tim Walter.

(Foto: IMAGO/Hübner)

Der Hamburger SV bleibt Fußball-Zweitligist - zum vierten Mal in Serie scheitert der Traditionsklub aus dem Norden an der Rückkehr ins Oberhaus. Die Mannschaft wird von den Fans dennoch gefeiert, Trainer Tim Walter geht die Niederlage gegen Hertha emotional extrem nah. Er kämpft mit den Worten.

Trainer Tim Walter war heiser, niedergeschlagen und überhaupt gar nicht mehr in Plauderlaune. Der abermals verpasste Aufstieg in die Fußball-Bundesliga nach vier Jahren Zweitklassigkeit setzte dem ständig umtriebigen Übungsleiter des Hamburger SV arg zu. Wenige Minuten vor seinen ersten Sätzen zur Enttäuschung hatte er seine paralysierten Spieler vor die treuen Fans in der Nordkurve geführt und sich mehrmals verneigt.

"Ich bin sehr, sehr stolz auf meine Mannschaft. Was wir hier abgeliefert haben mit Hilfe unserer Zuschauer, mit dem Verein - ich glaube, dass wir es geschafft haben, über die Saison etwas entstehen zu lassen", bekannte der Coach nach der 0:2-Niederlage im Relegations-Rückspiel (Hinspiel 1:0) sichtlich angeschlagen. Die Tausenden Fans hatten schon zu Spielbeginn für Gänsehaut-Atmosphäre gesorgt. "Auf geht's HSV", stand auf einem riesigen Banner der Hamburger Anhänger, die auf die ganz große Aufstiegsparty hofften - aber schnell ernüchtert wurden. Abwehrchef Dedrick Boyata belohnte die offensiven ersten Hertha-Minuten per Kopf nach einem Eckball von Marvin Plattenhardt. Der Außenverteidiger sorgte in der 63. Minute per Traumtor für die Entscheidung.

Selbst im gewöhnlich äußerst unruhigen Umfeld des gescheiterten Traditionsklubs waren "am Tag danach" weder Häme noch Spott zu vernehmen. "Zum Heulen!", titelte die "Hamburger Morgenpost". "Wieder nicht!", die sonst deutlich bissigere "Bild". Der langjährige HSV-Keeper Rene Adler sprach vielen Fans aus der Seele: "Ich hoffe, dass jetzt nicht alles wieder über den Haufen geworfen wird", sagte er der "Bild"-Zeitung: "Wenn Mannschaft und Trainer-Team zusammenbleiben, haben wir nächstes Jahr wieder eine gute Chance."

Premiere für einen HSV-Coach?

Die größte Aufholjagd der Zweitliga-Geschichte (fünf Siege) und das forsche Auftreten der vergangenen Wochen zeigen Wirkung. Vieles deutet darauf hin, dass Walter am 15. Juli als erster Coach der HSV-Geschichte in seine zweite Zweitliga-Saison gehen darf. Unglücklich, dass ausgerechnet am letzten und entscheidenden Abend der Saison von dieser Art Fußball nichts zu sehen war. Das frühe Gegentor und das aggressive Pressing der Hertha hatte den HSV aus der Bahn geworfen. Zur Wahrheit gehört schließlich auch, dass es in den entscheidenden Momenten am Montagabend schlicht an Qualität fehlte.

Nun steht der Verein vor seiner fünften Saison in Liga zwei und ist dort vom Gast zum Stammpersonal geworden. Kein Bayern München, kein Borussia Dortmund, kein RB Leipzig. Wieder Sandhausen, wieder Regensburg, wieder Paderborn. Uwe Seeler verliert die Geduld aber nicht. "Sie müssen die Mannschaft weiter aufbauen und gezielt verstärken. Dann können sie einen neuen Anlauf nehmen, und schaffen es dann hoffentlich", so die Klubikone.

"Momentan empfindet jeder im Verein nur Leere"

Die Anerkennung der HSV-Anhänger in der wohl bittersten Stunde dieser Saison, vielleicht der vergangenen vier Jahre, rührte den Trainer sehr. "Ich habe schon mitbekommen die Sprechchöre für unsere Mannschaft und unser Team", sagte der Coach und gestand: "Momentan empfindet jeder im Verein nur Leere." Ähnlich formulierte es Sportvorstand Jonas Boldt. "Das fühlt sich einfach beschissen an, das wird sich auch die nächsten Stunden nicht ändern. In den nächsten ein, zwei Tagen kommt die Energie dann zurück und dann geht es wieder mit voller Kraft voraus." Er habe eine Schublade voller Ideen. Sein Problem: Die Zeit ist so kurz wie nie bis zum Saisonstart in der 2. Liga. Am 15. Juli geht es schon los. Wäre der Aufstieg geglückt, hätte das Team drei Wochen mehr Zeit gehabt.

Auf die Ideen von Boldt wird es jetzt ankommen. Denn so tragisch und knapp das Oberhaus diesmal verpasst wurde - einen weiteren Nichtaufstieg wird man selbst beim "neuen HSV" nicht verzeihen. Ungeachtet aller wirtschaftlichen Herausforderungen. Der Verein, der seit elf Jahren kontinuierlich Millionenlöcher in seinen Etats hinterlässt, hat auf gewaltige Einnahmesteigerung durch die Bundesliga-Rückkehr gesetzt. Allein die TV-Gelder hätten sich von derzeit 15 auf 30 Millionen Euro erhöht. Damit wäre ein anderer Qualitätsstandard bei Verpflichtungen möglich gewesen. Jetzt wird es vermutlich in die andere Richtung laufen: Um an Geld zu kommen, müssten vermutlich Talente wie die 21-jährigen Josha Vagnoman und Anssi Suhonen verkauft werden.

"Wir bleiben zusammen. Wir greifen an"

Der Sportchef betonte, dass die Mannschaft im Gegensatz zu den vorherigen drei vierten Plätzen "einen Schritt nach vorn" gemacht habe, "von der Spielidee" und "von der Identifikation. Es hat nicht viel gefehlt." Solange er "die Chance dazu habe, werde ich weiter voran gehen". In den kommenden Tagen wird es eine Saisonanalyse mit Präsident Marcell Jansen und Klubvorstand Thomas Wüstefeld geben. "Wir bleiben zusammen. Wir greifen wieder an. Wir sind ein Team", sagte Wüstefeld.

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Das 0:2 gegen Hertha BSC hatte dem Fußballlehrer und der Mannschaft die Krönung und den Triumphzug durch die Stadt vermasselt. Seine bei München wohnende Familie hatte der 46-Jährige extra ins Volksparkstadion eingeladen, um sie an seinem vielleicht größten Erfolg teilhaben zu lassen. Aber am Ende des Abends musste er nicht nur seine Spieler, sondern auch seine drei Kinder trösten.

Am Morgen nach dem letzten Spiel der Saison wollen sich Mannschaft und Trainerteam noch einmal treffen, um vor dem Urlaub beim gemeinsamen Frühstück die Wunden zu lecken. "Ich stehe hinterher immer wieder auf", versicherte Walter und deutete an, was in der nächsten Saison folgen soll: "Wir haben was angestoßen, aber sind noch lange nicht am Ende. Wir sind einfach noch nicht fertig."

Quelle: ntv.de, tno/dpa/sid

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