Fußball

Sogar Windhorst überrumpelt Hertha will reden - Klinsmann drängelt vor

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Aus dem Umfeld von Windhorst heißt es: Er ist unzufrieden mit Klinsmanns Gebaren.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Die Verantwortlichen bei Hertha BSC brechen ihr Schweigen. Der überraschende Rücktritt von Trainer Jürgen Klinsmann wirft einfach zu viele Fragen auf. Sogar Investor Lars Windhorst will reden. Ihnen zuvor kommt aber - wieder einmal - Klinsmann selbst.

Jürgen Klinsmanns Ruf ist schwer beschädigt, Hertha BSC als Lachnummer verspottet: Die Schockwellen des Rücktritts werden bei den Berlinern und dem Ex-Bundestrainer noch lange nachwirken und könnten den Hauptstadtklub in eine Zerreißprobe drängen. In einem Krisen-Telefonat besprachen Klub-Präsident Werner Gegenbauer und Investor Lars Windhorst den Weg aus der Notlage. Dem Vernehmen nach ist auch der Geldgeber nicht begeistert über den emotionalen Hauruck-Abgang Klinsmanns, den er selbst als engen Vertrauten in den Aufsichtsrat berufen hatte.

Zumindest mit der Einladung für eine gemeinsame Pressekonferenz von Windhorst, Vereinspräsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz am Donnerstag (11.30 Uhr) demonstrierte der Klub Geschlossenheit. Viele Fragen sind für das angekündigte Ende des Schweigens von den Vereinsverantwortlichen offen: Wer folgt dauerhaft auf Klinsmann als Chefcoach der Berliner, die sich in prekärer Lage weiter mitten im Abstiegskampf befinden? Ähnlich wie schon bei vergangenen Trainersuchen werden unter anderem Bruno Labbadia und Roger Schmidt als mögliche Kandidaten gehandelt. Nachdem der frühere Wunschkandidat Niko Kovac bereits abgewunken hatte, wollte sich Schmidt auf Anfrage nicht äußern.

Rückt Klinsmann wirklich in Aufsichtsrat?

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Es erscheint fraglich, ob die beiden noch vernünftig miteinander arbeiten können.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Wie verschiebt sich das Machtgefüge im Klub durch den Rücktritt von Klinsmann mit Blick auf Investor Windhorst? Klinsmann hatte in einem "Bild"-Interview seinen Wunsch nach deutlich mehr Kompetenzen offenbart und beklagt, dass diese Situation sich zuletzt "noch verschlechtert" habe. Der damit implizit angesprochene Manager Michael Preetz wird dem alten Lager im Verein mit Klubchef Gegenbauer zugerechnet. Preetz wurde auch für die Medienrunde am Freitag vor der Partie beim SC Paderborn an der Seite von Klinsmanns früherem Assistenten Alexander Nouri angekündigt.

Und ist es überhaupt vorstellbar, dass Klinsmann nach seinem vielfach kritisierten Abschied noch wie von ihm selbst angekündigt zurück in den Aufsichtsrat rückt? Diese Frage ist zunächst ungeklärt und soll entschieden werden, wenn sich die Wogen geglättet haben, heißt es aus dem Umfeld von Investor Windhorst.

"Menge Unklarheit und Unmut"

Dennoch droht eine Schlammschlacht. Klinsmann selbst will sich bereits früher äußern - und zwar an diesem Abend. Um 18 Uhr will er live bei Facebook sprechen. Die Ankündigung klingt wie eine Flucht nach vorn: "Dass es eine Menge Unklarheit und auch Unmut gibt, verstehe ich voll und ganz. Dem will ich mich stellen", schrieb der frühere Bundestrainer bei Facebook an "Liebe Hertha-Fans". "Ich freue mich auf euch und hoffe, dass ich eure Fragen - gerade die kritischen - beantworten kann."

Der 55-Jährige hatte sein Amt in dem Gremium Ende November ruhen lassen, als er den Cheftrainerposten übernahm. Der Aufsichtsrat der KGaA hat vergleichsweise geringe Befugnisse und ist beispielsweise nicht dafür zuständig, Transfers abzusegnen oder über die Geschäftsführung um Manager Michael Preetz zu entscheiden.

Kritik reißt nicht ab

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Axel Kruse ärgert sich über Klinsmann.

(Foto: imago images/osnapix)

Die Kritik an ihm reißt unterdessen nicht ab. Dass der frühere Bundestrainer "charakterlich so daneben liegt, einfach die Flinte ins Korn schmeißt und sagt 'Ich geh jetzt mal nach Kalifornien, das war's jetzt für mich'", habe Preetz nicht wissen können, sagte Hertha-Legende Axel Kruse beim RBB. "Er hat auf dem Transfermarkt zugeschlagen wie kein anderer in ganz Deutschland und hat dann zwei Wochen später gesagt 'ich spüre das Vertrauen nicht'", sagte Ex-Hertha-Trainer Peter Neururer bei RTL/ntv. "Unglaubwürdiger in der Auftrittsweise eines Trainers kann man nicht sein."

Stefan Effenberg schlug sich hingegen auf die Seite Klinsmanns. "Wenn sich einige im Verein über den zunehmenden Druck beschweren oder damit nicht umgehen können, dann kann ich das schwer nachvollziehen", sagte der frühere Nationalspieler bei "t-online.de".

Die ersten Änderungen aus elf Wochen Klinsmann wurden bei Hertha bereits wieder zurückgedreht. Der vom Ex-Bundestrainer geschasste Torwarttrainer Zsolt Petry stand wieder auf dem Übungsplatz. "Es war keine Katerstimmung, aber auch keine Euphorie", sagte der Ungar über die Atmosphäre im Team der Berliner. "Sie wissen, dass sie selber die Arbeit leisten müssen - unabhängig davon, wer da vorne steht."

Bei anderen Vereinen sorgten die Ereignisse in Berlin ebenfalls für Überraschung. "Ich habe das mit etwas Verwunderung aufgenommen, weil man das nicht voraussehen konnte", sagte Sportdirektor Michael Zorc von Borussia Dortmund. Die Aufarbeitung des Klinsmann-Bebens wird auch bei der Konkurrenz genau beobachtet werden.

Vor 77 Tagen ist Klinsmann als Trainer angetreten, um Hertha BSC vor dem Abstieg aus der Bundesliga zu retten. Vor allem aber, um aus dem Verein einen Großstadtklub, eine internationale Top-Kraft, zu machen. Nun schmeißt Jürgen Klinsmann hin, weil er "mehr Power" will und unzufrieden ist, wie bei deutschen Fußball-Klubs die Aufgaben verteilt sind. Ein Desaster. Unseren Kommentar dazu lesen Sie hier.

Allerdings bleibt er nach seinem Rücktritt im Aufsichtsrat. Und soll nun aufpassen, dass Manager Michael Preetz das viele Geld richtig ausgibt. Eine Soap? Willkommen bei Hertha BSC. Unsere Analyse erwartet Sie hier.

Quelle: ntv.de, ara/dpa