Fußball

"Kein Grund für Verbitterung" Hummels geht, der BVB marschiert weiter

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Mats Hummels verabschiedete sich mit einem Tränchen im Knopfloch aus dem Dortmunder Stimmungstempel.

(Foto: imago/Horstmüller)

Den Verlust von Mats Hummels an den FC Bayern nehmen sie beim BVB fast fatalistisch hin, ohne Spießrutenlauf für ihn. Selbstzweck ist die BVB-Harmonie nicht, das ultimative Hummels-Finale kommt erst noch - und ist gefährdet.

Es waren herzergreifende Bilder, die sich nach dem Abpfiff des letzten Heimspiels dieser Saison auf dem Rasen des Dortmunder Stadions abspielten. Nach dem 2:2 (1:1) gegen den 1. FC Köln absolvierte Mats Hummels den obligatorischen Gang zur Südtribüne, die er ohne Pfiffe überstand. Danach wurde der scheidende Kapitän von den Helden von Glasgow in die Mitte genommen. Hans Tilkowski, Aki Schmidt, Hoppy Kurrat, die 1966 für den BVB den ersten deutschen Europapokalsieg gefeiert hatten, widmeten dem Nationalspieler warme Worte. Der hatte Tränen in den Augen, es war genau das versöhnliche Szenario, das sich alle Dortmunder gewünscht hatten.

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(Foto: imago/mika)

Vor Hummels letztem Vorhang in Dortmund hatte Geschäftsführer Watzke der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass Pfiffe und Schmähungen wie bei der Partie gegen Wolfsburg dieses Mal ausbleiben: "Es würde mich freuen, wenn der BVB als ganzer Verein Größe zeigt. Es gibt keinen Grund für Verbitterung, wir respektieren die Entscheidung von Mats – auch wenn es sehr schade ist."

Die Fans kamen der Bitte nach. Es scheint, als könne die Personalie beim BVB recht geräuschlos moderiert werden. Dazu gehörte auch die Maßnahme, auf eine Verabschiedung vor Spielbeginn zu verzichten. Das hänge nicht mit der Person Mats Hummel zusammen, betonte Dortmunds Pressesprecher Sascha Fligge, sondern damit, "dass die Saison noch nicht beendet ist". Seltsam mutete das Prozedere allerdings schon an, 2014 waren Robert Lewandowski (der ebenfalls zu den Bayern wechselte) und im letzten Jahr Sebastian Kehl geehrt worden, obwohl danach ebenfalls noch das Pokalfinale auf der Agenda gestanden hatte.

Schwarzgelber Fatalismus?

Der Kunstgriff war eine weitere Maßnahme, um den Frieden zu sichern vor einem sportlich bedeutungslosen Kick, den der BVB vor 81.359 Besuchern nach Toren von Castro und Reus für den BVB sowie Modeste und Jojic für Köln unentschieden gestaltete. Es gilt, die letzte Phase von Hummels in schwarz-gelb mit dem gebotenen Anstand über die Bühne zu bringen. Schließlich steht mit dem Pokalfinale gegen die Bayern am kommenden Samstag in Berlin ja noch ein echtes Highlight auf der Agenda. Der Weltmeister hat den Fans in einer persönlichen Erklärung mitgeteilt, er wünsche sich zum Abschied nichts sehnlicher, "als mit dem Pokal in den Händen zurück in den Pott zu kommen".

Dieses Ziel allerdings sieht BVB-Coach Thomas Tuchel nach dem verkrampften 2:2 (1:2) gegen den 1. FC Köln massiv gefährdet. "Wir sind so weit von unserer absoluten Topform entfernt, wie wir es noch nie waren. Ich mache mir große Sorgen. Wir haben die Saison nach dem 32. Spieltag beendet!", kritisierte Tuchel sein Team ungewohnt deutlich: "Wir haben einen Spannungsverlust in der Haltung, den ich nicht akzeptiere. Die Aufgabe ist jetzt doppelt und dreifach schwer - und daran sind wir selbst schuld."

Entsprechend bedient war Tuchel: "Das ist nicht gut. Das war nicht unser Plan. Die ganze Stadt wird gelbschwarz sein, da fährst du nicht zum Verlieren hin". Sein Fazit: "Ich bin überhaupt nicht zufrieden. Wir haben aufgehört, am Limit zu spielen."

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Hämischer wurde es nicht im letzten Hummels-Heimspiel.

(Foto: imago/Revierfoto)

Letztlich blieb die Tuchel'sche Tirade der größte BVB-Aufreger beim Abschied von Hummels nach achteinhalb Jahren. Es ist durchaus erstaunlich, wie wenig Emotionen der Weggang einer solch spielbestimmenden Figur auslöst. Es scheint, als würden es die Menschen im Revier nach dem Verlust von Götze und Lewandowski inzwischen als unabänderlich hinnehmen, dass Spieler ihrem Verein den Rücken kehren, wenn die Bayern auf ihr unermesslich gefülltes Festgeldkonto zugreifen. Vielleicht ist es aber auch die Erfahrung, dass der BVB beim Verlust von Leistungsträgern bislang stets angemessen reagieren konnte, die dafür sorgt, dass sich die Aufgeregtheit in Grenzen hält. Bei einer Umfrage der größten Dortmunder Tageszeitung "Ruhrnachrichten" waren 75 Prozent der Befragten der Überzeugung, der Abgang von Hummels sei zu kompensieren.

Keine Denklimits in Dortmund

In Dortmund arbeiten sie längst an eine Nachfolgeregelung, gehandelt wird unter anderem Leverkusens Ömer Toprak. Gesucht wird ein gestandener Innenverteidiger von internationalem Format, wobei Watzke betont: "Es gibt keine Denklimits". Auch diese Einstellung basiert auf Erfahrungswerten: "Wir haben aber in der Vergangenheit bewiesen, dass nicht immer die teuerste Lösung die beste ist." Mats Hummels sei das beste Beispiel. Den holte die Borussia einst für schmale 4,2 Millionen aus München und transferiert ihn nun für ein Vielfaches zurück.

Seit Generationen kauft Deutschlands Branchenführer in der Feinkostabteilung ein, und weil sein Festgeldkonto stets üppig gefüllt ist, greift er im Regal nach ganz oben. Zum Leidwesen der Konkurrenz, die neiderfüllt gen Süden blickt – auch das hat in der Bundesliga mittlerweile eine lange Tradition. Bayerns neuer Trainer Carlo Ancelotti kann beim Rekordmeister auf einen Defensivblock setzen, der seinesgleichen sucht: Mit Jerome Boateng (13,5 Millionen Euro von Manchester City) und Hummels (38 Millionen, Borussia Dortmund) hat er die Innenverteidigung, die 2014 in Brasilien Weltmeister wurde. Dahinter agiert mit Manuel Neuer (27 Millionen, Schalke 04) der beste Torwart des Universums, davor räumen mit Arturo Vidal (37 Millionen, Juventus Turin) und Javi Martinez (40 Millionen, Athletic Bilbao) zwei weitere Hochkaräter ab. Allein in dieser Abteilung summieren sich die Ablösesummen also auf rund 150 Millionen Euro.

Meisterschale als Nebenprodukt

Edler geht es kaum, was der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge dem Nachfolger von Pep Guardiola da an defensivem Personal zur Verfügung stellt. Die Botschaft ist für die nationale Konkurrenz niederschmetternd: Wer an einem Dienstagvormittag mal kurz 73 Millionen Euro für die Profis Hummels und Renato Sanches auf den Markt wirft, der plant weiterhin Deutsche Meisterschaften in Serie. Die Wahrscheinlichkeit des Titelgewinns der Bayern ist von gefühlt 80 auf 95 Prozent gestiegen. Die Schale als Nebenprodukt, denn das Hauptaugenmerk eines Global Player dieser Größenordnung gilt der Champions League.

Selbst ein börsennotierter Konzern wie Borussia Dortmund, der europaweit zur ersten Garde gehört und Jahr für Jahr Rekordumsätze meldet, hat keine Chance, wenn der Riese aus dem Süden in den Ring steigt. Das Geschäft, so hat Watzke erkannt, läuft nach folgender Formel: "Je enger wir an die Bayern heranrücken, desto schwieriger ist es, die Mannschaft zusammenzuhalten." Nach dem überaus deutlichen Pokalsieg 2012, als der BVB die Bayern mit 5:2 demütigte, hatte Dortmunds Geschäftsführer die Lage drastischer formuliert: "Das Imperium wird zurückschlagen." Genau so ist es gekommen. Das Imperium aus dem Süden, so viel ist klar, duldet keinen Widersacher. Der jüngste Beweis dafür heißt Mats Hummels.

Quelle: ntv.de