Fußball

Dietmar Hopp lässt Klagen fallen In der Bundesliga endet ein ewiger Krieg

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Der über ein Jahrzehnt andauernde Streit zwischen den Fans und Dietmar Hopp könnte nun enden.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Lange bekriegen sich die Ultras und Dietmar Hopp. Der Mäzen der TSG Hoffenheim gilt ihnen als Symbol für den veränderten Fußball. Kurz vor der Pandemie kommt es zur Eskalation. Jetzt lässt Hopp die Klagen gegen drei Dortmunder Fans fallen. Rechtzeitig für den Neustart des Fußballs.

Paukenschlag im deutschen Fußball. Mit der Rücknahme der Strafanträge gegen drei Fans von Borussia Dortmund seitens der Vertreter von Dietmar Hopp, dem Mehrheitseigner der TSG Hoffenheim, könnte einer der am längsten andauernden Konflikte im Profi-Sport bald Geschichte sein. Die Parteien haben sich auf ein Ende des seit Januar 2019 laufenden Gerichtsverfahrens geeinigt. In erster Instanz waren die Dortmunder Fans im Mai 2019 vom Amtsgericht Sinsheim zu Geldstrafen in Höhe von je 70 Tagessätzen verurteilt worden. Seither lag der Fall beim Landgericht Heidelberg. Er wird nun nicht weiterverhandelt werden. Das wird auch Einfluss auf ähnlich gelagerte Verfahren gegen Fans vom 1. FC Köln und von Bayern München haben.

Den Dortmunder Fans war vorgeworfen worden, den Hoffenheim-Mäzen als "Hurensohn" beleidigt zu haben. Der hatte angegeben, sich dadurch in seiner persönlichen Ehre beleidigt gefühlt zu haben. Die Angeklagten und ihre juristischen Vertreter argumentierten, dass der Schmähgesang im Fußballkontext nicht auf eine Person zu beziehen sei, sondern als Kritik an dem Verein TSG Hoffenheim. Ein komplizierter Fall, der neben der Frage, was in einem Fußballstadion als auch juristisch strafbare Beleidigung zu werten ist, auch eines der zentralen Themen im deutschen Fußball der Dekade verhandelte.

"Das ist ein ganz klares Zeichen für Frieden, auf Ausgleich, auf Harmonie. Zumindest was die Fälle der Angeklagten betrifft. Solche Zeichen brauchen wir im deutschen Fußball mehr denn je", sagt Fanforscher Harald Lange von der Uni Würzburg im Gespräch mit ntv.de: "Diese Einigung sendet Signale an beide Seiten. Die stehen jetzt in der Pflicht. Und müssen mit diesen Signalen weiterarbeiten."

Die Eskalation

Rückblende: Im Februar 2020 ist die Pandemie nur eine aufziehende Wolke am Horizont. Niemand sieht sie kommen, schon gar nicht im Fußball. Da sind alle viel zu beschäftigt mit einer der größten Eskalationen der Ligageschichte. Die Streitigkeiten zwischen Dietmar Hopp und den organisierten Fangruppen der Bundesliga geraten nach einer vom DFB gegen Borussia Dortmund verhängten Kollektivstrafe nach Schmähungen gegen den Hoffenheim-Mehrheitseigner vollkommen außer Kontrolle.

Im September 2018 haben Dortmunder Fans unter anderem ein etwa zehn mal zehn Meter großes Banner ausgerollt, welches das Konterfei von Hopp hinter einem Fadenkreuz zeigt. Das führt zu einem dreijährigen Stadionverbot für die Dortmunder Fans in Sinsheim. Auf Bewährung. Ende Dezember 2019 waren die Banner kleiner, aber nicht weniger beleidigend. Dabei hat Hopp bereits Hausverbote gegen BVB-Anhänger erwirkt. Die juristischen Verfahren köcheln schon im Hintergrund. Die Bewährung wird aufgehoben. Drei Jahre keine Dortmunder Fans mehr in Hoffenheim. Die Fanszenen anderer Vereine solidarisieren sich mit den Dortmundern. Sie fühlen sich verraten: 2017 hatte der DFB, unter Präsident Reinhard Grindel, Kollektivstrafen für Fußball-Fans ausgesetzt. Ein Wortbruch.

Wenige Tage nach der Strafe gegen den BVB wird das Spiel Borussia Mönchengladbach gegen die TSG Hoffenheim zu Beginn der zweiten Halbzeit unterbrochen. Das Fadenkreuz, von den Fans als Symbol in ihrem Kampf gegen den DFB und den modernen Fußball verstanden, wird gezeigt. Später spricht der damalige Gladbach-Boss Max Eberl von "50 Idioten". Man werde alles tun, diese zu identifizieren. Die Unterbrechung von Gladbach verschärft den Ton noch einmal und verschiebt die Debatte in eine ungesunde Richtung.

Am Tiefpunkt angekommen

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Die "Geste des Jahres" 2020.

(Foto: picture alliance/dpa)

Beim Spiel zwischen der TSG Hoffenheim und Bayern München am 29. Februar 2020 kommt es nach Schmäh-Plakaten in Richtung Hopp zu einer Spielunterbrechung. Zwar wird das Spiel, das die Bayern beim Stand von 6:0 längst gewonnen haben, fortgesetzt, doch die letzten Minuten der Bundesliga-Partie geraten zu einer Farce. Die Spieler beider Mannschaften schieben sich den Ball zu, an der Seitenlinie steht Bayerns damaliger Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge und Hopp. Sie applaudieren den Spielern.

Von der "Sport Bild" wird dieser Moment einige Monate später zur Geste des Jahres gewählt. "Das war das hässliche Gesicht von Bayern München. Dafür gibt es keine Entschuldigung", betont Rummenigge nach dem Spiel. Der damalige DFB-Präsident Fritz Keller ergänzt abends im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF: "Wir sind am Tiefpunkt angekommen."

Auch beim Bundesliga-Spiel Borussia Dortmund gegen den SC Freiburg kommt es an diesem Tag nach Schmähgesängen gegen Hopp zu einer Spielunterbrechung. In zahlreichen anderen Stadien der Liga und der zweiten Liga sieht es ähnlich aus. Die Fans sind sauer. Und der DFB, wie man später erfahren wird, vorbereitet. Bereits in der Woche vor den Spielen hat sich die Eskalation angedeutet. Da ruft der damalige DFB-Präsident Keller in einer Sportredaktion an, um sich über die Berichterstattung rund um das Thema Hopp zu beschweren. Keller wendet sich auch an die Fangruppen und droht unterschwellig mit der Abschaffung der Stehplätze.

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Beim Spiel Gladbach gegen Dortmund am 7. März 2020 wird noch protestiert, dann kommt die Pandemie.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kurz vor den Spielen vermeldet der "Kicker", dass das Uefa-Protokoll für schwerwiegende Rassismusvorfälle inzwischen auch auf "hasserfüllte und gewaltverherrlichende Botschaften" angewendet werden kann. Es ist der entscheidende Baustein für die Spielunterbrechung aufgrund der Schmäh-Plakate gegen Hopp. Wie sich später herausstellen wird, handelte es sich dabei um eine Inszenierung. "Was mich am meisten überrascht hat: Dass vor dem Spiel in Sinsheim offenbar fast alle Bescheid wussten, was passieren würde, die TSG Hoffenheim, der FC Bayern und der DFB", sagte ZDF-Reporter Jochen Breyer im vergangenen März rund um die Ausstrahlung einer ZDF-Dokumentation über die Ereignisse am 29. Februar 2020.

Hoffenheims Weg

Für die organisierten Fans ist Hopp zu diesem Zeitpunkt schon lange eine Symbol-Figur für die langsame Aushöhlung des 50+1-Gedankens. Der SAP-Mitgründer hatte seit Beginn der 1990er Jahre seinen Heimatverein Hoffenheim finanziell derart gefördert, dass dieser sich in etwas mehr als einem Jahrzehnt von der Kreisliga in den bezahlten Fußball katapultierte. Sogar der aktuelle Bundestrainer Hansi Flick sammelt im Kraichgau ab 2000 auf seiner zweiten Station nach dem FC Victoria Bammental erste Erfahrungen im Trainergeschäft. Doch als es ihm nicht gelingt, den Verein in die zweite Liga zu führen, wird er im November 2005 entlassen.

Wenig später gelingt Hoffenheim unter massivem Geldeinsatz der Durchmarsch in die erste Liga, in der sie sich ab 2008 unter Ralf Rangnick, dem heutigen Interimstrainer von Manchester United, schnell etablieren. Unter anderem spielen die späteren Champions-League-Sieger Luiz Gustavo und Firmino in der Bundesliga-Anfangszeit für den Verein aus dem Kraichgau, der im wenige Kilometer südlich von Hoffenheim gelegenen Sinsheim eine sportliche Heimat findet.

Damals beginnen die Auseinandersetzungen zwischen den Fanszenen und dem Bundesligisten, die über ein Jahrzehnt andauern werden, die auf der einen Seite mit persönlichen Schmähungen gegen Dietmar Hopp und auf der anderen Seite manchmal mit schrillen Beschallungen der Gästefans in Sinsheim und später auch mit aller juristischen Härte bis hin zur Eskalation der Ereignisse am Vorabend des ersten Corona-Lockdowns geführt werden.

Neustart nach der Pandemie

Nach zwei Jahren Pandemie hat sich das Bild verändert. Der Streit der Fans mit Dietmar Hopp ist längst in den Hintergrund gerückt. Lange schon hat es in Deutschland kein bis auf den letzten Platz gefülltes Stadion mehr gegeben. Bei den Spielen mit erhöhter Auslastung im vergangenen Herbst hielten sich die Fanszenen zurück, traten in den Stadien meist nicht einmal mehr als organisierte Gruppen auf. Auch für Hopp ist die Zeit vorangeschritten. Sein Vorhaben, mit Curevac einen der ersten Impfstoffe gegen das Virus auf den Markt zu bringen, ist gescheitert. Mit bald 82 Jahren verschieben sich die Prioritäten. Das Land sehnt sich nach einem Ende der Pandemie, die Fußball-Fans warten auf eine Rückkehr in die Stadien. Die Auswärtssperre der Dortmunder Fans in Hoffenheim ist ausgelaufen, ohne dass Fans je hätten ins Stadion zurückkehren können.

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Mit der Klagerücknahme von Dietmar Hopp und seinem Rechtsbeistand Christoph Schickhardt könnte nun der Grundstein für einen neuen Umgang zwischen Vereinen, Verbänden und Fangruppierungen gelegt worden sein. Der womöglich am längsten schwelende Konflikt im deutschen Fußball könnte durch das Entgegenkommen beider Parteien nun der Vergangenheit angehören.

"Das Grundproblem, der Umgang mit Mäzenen und die Bewahrung von 50+1 im Fußball, ist natürlich nicht gelöst. Wir müssen jetzt an das große Grundthema gehen. Das kann man jetzt in einer entspannteren Atmosphäre machen", sagt Fanforscher Lange: "Aber das ist nun eine sehr gute Gelegenheit für einen ernstgemeinten Dialog. Das kann man nur initiieren, wenn man von seiner Position abrückt. Das ist hier passiert."

Quelle: ntv.de

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